4 Herzchen, Rezension, Roman
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Rezension #30: „Vor dem Fest“ von Sasa Stanisic

Warum ich es gelesen habe?

Das Buch steht auf meiner Wunschliste, seit es in der Spiegel Bestsellerliste auftauchte. Das von Schrift dominierte Cover und die Kurzbeschreibung sprachen mich an. Nachdem es bereits mehrfach ausgezeichnet wurde und jetzt auch auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2014 steht, musste ich es einfach lesen.

Wer mehr über meine Motivation, das Buch zu lesen, erfahren möchte, dem sei mein Neuzugang #4-Beitrag empfohlen.

Wie war mein erster Eindruck?

Spätestens seit Antonia Baums Artikel „Diese Stück Germany“ für die „Meine Heimat“-Serie in der FAZ, weiß man bei uns in Südhessen, dass so ein Porträt über das dörfliche Leben für die porträtierten Bewohner sehr hässlich, unangenehm und verletzend ausfallen kann. Dass Stanisic sich nun ausgerechnet dieses Themas in seinem neuen Roman auf literarische Art annehmen wollte, hielt ich daher für ambitioniert. Aber bereits nach den ersten Kapiteln war zu erkennen, dass Stanisic gelingt, diesen Mikrokosmos in wirklich all seinen Facetten und Nuancen darzustellen – den hässlichen wie den schönen. Sollte jemals ein Porträt über mein Heimatdorf geschrieben werden, ist hoffentlich Stanisic der Autor!

Wie fand ich das Buch insgesamt?

Mir hat dieses Buch wirklich sehr gut gefallen. Ich finde es höchst beachtenswert, wie es Stanisic gelingt, die Komplexität des dörflichen Zusammenlebens mit einer erstaunlichen Leichtigkeit zu schildern. Thematisch ist dabei alles enthalten, was zu einem Dorf in der Uckermark dazu gehört: Zerfall, Vergreisung, Sterben des Einzelhandels, Klatsch & Tratsch, Natur & Wetter, Perspektivlosigkeit, Kneipenleben, Gemeinschaftsgefühl, Geschichte, Tradition, … All diese Dinge verwebt Stanisic geschickt und höchst kurzweilig zu einem harmonischen Gesamtbild.

Es ist vor allem die poetische, bildhafte Sprache, die mich hierbei so begeisterte. Stanisic gelingt es, gleichzeitig eine wehmütige, leicht melancholische Grundstimmung zu erzeugen und dennoch einen witzigen und unterhaltsamen Roman vorzulegen. Selten habe ich mir in einem Roman so viele Textstellen angestrichen; einfach weil ich sie so schön formuliert fand. Stanisic zeichnet wunderschöne, leichte sprachliche Bilder. Sein Umgang mit Sprache macht wirklich Spaß!

Etwas schwierig fand ich die fehlenden Anführungszeichen bei Unterhaltungen und Telefonaten. Bisweilen war es dadurch etwas schwer zu folgen.

Auch die Erzählperspektive erschloss sich mir erst gegen Ende des Buchs.
Stanisic schreibt hauptsächlich aus einer „Wir“-Perspektive, was ich recht ungewöhnlich finde. Wer genau, dieses „Wir“ ist, bleibt offen. Da es jedoch fast omnipräsent zu sein scheint, habe ich es für mich schließlich so interpretiert, dass hiermit das kollektive Wissen des Dorfes gemeint ist. Das „Wir“ sind die Dorfbewohner – sowohl die Lebenden als auch die Toten.
Unter diese Hauptperspektive mischt Stanisic immer wieder geschickt Kapitel, die aus der Sicht eines bestimmten Dorfbewohners geschrieben sind, sowie Auszüge aus der Dorfchronik. Hierdurch gewinnt der Roman an Dichte, Atmosphäre und Lokalcoulleur.

Besondere Liebe scheint Stanisic in die Entwicklung seiner Charaktere gesteckt zu haben. Auch diese sind, wie der ganze Roman, weit von Stereotypen entfernt. Es sind sympathisch normale, leicht schrullig-skurrile Personen, die mit den üblichen Widersprüchlichkeiten des Lebens kämpfen. Ich habe sie alle sofort ins Herz geschlossen.

Hier passt wirklich alles! Selbst der versöhnliche Schluss – etwas, was ich wegen der Kitschgefahr nur selten gut finde – hat mir gefallen.

Bewertung: ♥♥♥♥ „Buchtipp“, weil das Buch keine leichte Kost ist, die man nach einen langen Arbeitstag abends im Bett lesen kann.

"Vor dem Fest" von Sasa Stanisic

8.4

Anfang

8/10

    Handlungsverlauf

    7/10

      Charaktere

      9/10

        Ende

        9/10

          Sprache

          10/10
            • Komplexität & Vielschichtigkeit
            • sprachliche Leichtigkeit & Poesie
            • sympathische, schrullig-skurrile Charaktere

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