Fantasy, Liebling
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„Die Unendliche Geschichte“ von Michael Ende – oder: Über den Zauber von Lieblingsbüchern

Nachdem ich in den letzten Jahr durch den Blog immer auf der Suche nach den spannendsten Neuerscheinungen war, kam mir in meiner Blogpause eine ganz andere Idee: ein Lieblingskinder- und -jugendbuch-ReRead. (Meine Leseliste findet Ihr auf Goodreads.) Nachdem ich bereist im Februar erneut mit großer Begeisterung Bei den Wilden Kerlen von Dave Eggers gelesen habe, war im Mai Die Unendliche Geschichte von Michael Ende dran.

Schon als Jugendliche hat mich diese Geschichte um die Magie des Lesens und den Zauber der Fantasie sehr fasziniert. Etliche Male habe ich das Buch gebannt gelesen. Daran war auch die besondere Buchausgabe, die wir zu Hause hatten, nicht ganz unschuldige. Es war ein Büchergilde Edition mit zweifarbigem Druck – rot und türkis -, kunstvoll gestalteten ganzseitigen Anfangsbuchstaben jedes Kapitels und auf dem roten (Seiden-)Einband waren zwei Schlangen, die einander in den Schwanz bissen und so ein Oval bildeten. Es sah exakt so aus, wie das Buch, in dem Bastian in der Geschichte las und ich habe es geliebt. Bei jedem Mal Lesen hoffte ich  aufs Neue, dass ich dieses Mal vielleicht auch in Phantasien landen würde.

Anfang des Jahres habe ich mich auf der Suche nach genau diesem Schatz auf dem Dachboden meiner Großeltern durch meine Bücherkisten gearbeitet. Und hatte Glück! Das Buch war tatsächlich noch da. Nur der Schutzumschlag fehlte, aber das war zu verschmerzen. Und so konnte meine Reise nach Phantasie und in meine Kindheit sogar mit dem selben besonderen Buch stattfinden.

Es ist erstaunlich, wie wenig sich manche Dinge auch nach so vielen Jahren ändern.

Auch wenn bestimmt 20 Jahre vergangen sind, konnte ich mich nicht nur an die magischen Lesemomente meiner Kindheit erinnern; ich habe die meisten tatsächlich erneut erlebt. Als zum ersten Mal das Amulett mit dem Zeichen der Kindlichen Kaiserin im Buch beschrieben wird, musste ich dieses erst einmal schließen, um zu überprüfen, ob das Buch, das ich selbst in Händen halte, tatsächlich das genau gleiche Zeichen trägt. Und nur einen kurzen Moment später musste ich über mich selbst grinsen, denn genau das selbe habe ich schon als Jugendliche an dieser Stelle immer wieder getan. Und auch als ich an die Stelle kam, an der Bastian darüber nachdenkt, ob es vielleicht irgendwo ein anderes Kind gibt, das gerade in Buch darüber liest, wie Bastian Die Unendliche Geschichte liest, wurde ich wieder genauso aufgeregt und hätte am liebsten laut gerufen, dass dem wirklich so ist und dass ich es bin, die gerade dieses Buch liest, über das Bastian da nachdenkt. Für mich waren und sind das ganz besondere Momente in diesem Buch, weil sie die Faszination am Lesen so wunderbar beschreiben und ich mich so vollkommen verstanden fühle.

Ich war auch überrascht, wie gut ich mich an die einzelnen Stationen von Atrejus und Bastians Reise erinnern konnte. Sogar die Reihenfolge der einzelnen Begegnungen fiel mir wieder ein. Und ich habe sie alle genossen: die Uralte Morla, Fuchur, Engywuck und Urgel, Graograman, das südliche Orakel, Gmork, Ygramul, Pjörnrachzarck,… sie alle waren noch immer so präsent, als sei es erst ein paar Tage und nicht knapp zwei Jahrzehnte her gewesen, dass ich das Buch zuletzt gelesen habe.
Ein paar davon begleiten mich aber tatsächlich mehr oder wenig mein gesamtes Leben. So muss ich beispielsweise selbst wenn wir in der Yogastunde die Sphinxhaltung einnehmen, unweigerlich zuerst an das südliche Orakel denke. (Eigentlich albern, oder?) Das ist eine so großartige Szene voller Magie und Weisheit – vielleicht sogar meine absolute Lieblingsszene des ganzen Buchs-, das sie sich in mir festgebrannt hat. 

Außerdem schwöre ich euch, dass unser weißer Kater manchmal in einer ganz bestimmten Position schläft, in der er wie ein Mini-Fuchur aussieht. Aber er ist ja auch nicht umsonst mein Glückskater. Solche Spuren im Leben des Lesers zu hinterlassen, schafft wohl nur ein Lieblingsbuch.

So bin ich beim erneuten Lesen der Unendlichen Geschichte schließlich auch wieder auf einen alten Wunsch gestoßen: irgendwann einmal werde ich so aufschreiben; alle die Geschichten, die Michael Ende in der Unendlichen Geschichte mit den immer gleichen Worten „Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.“ abbricht. Ich kann mich erinnern, dass ich sie als Jugendliche irgendwann einmal alle diese Textstellen gesammelt habe, um sie zu ganzen Geschichten auszuschmücken. Auch dieses Mal regen diese Passagen mit der Zeit meine Fantasie an, bis schließlich auch dieser Wunsch wieder neu geweckt war. Auch das schafft wohl nur ein echtes Lieblingsbuch.

Aber auch etwas anderes blieb unverändert: noch immer fand ich den ersten Teil mit Atrejus Suche deutlich stärker als Bastians eigene Zeit in Phantasien.

Das ging mir schon als Jugendliche so und änderte sich auch nicht durch einen erwachseneren Blick auf die Geschichte. Da bekommt Bastian die Möglichkeit, allein aus seiner eigenen Fantasie und seinen Wünschen, eine ganze Welt neu zu erschaffen, und er verwirklicht sich einen selbstsüchtigen, größenwahnsinnigen Traum nach dem nächsten. Als Jugendliche hat mich dieses zweite Hälfte immer gelangweilt. Diesmal regte mich Bastian einfach zunehmend auf. Irgendwann hätte ich ihn einfach gerne angebrüllt, damit er wieder etwas Vernunft annimmt. Zumindest das war für mich neu.

Alles in allem war mein Re-Read der Unendlichen Geschichte eine fantastische Rückkehr in die eigene Kindheit und Jugend. Dabei war es weniger Nostalgie als das erneute Erleben eines alten Zaubers in nahezu unveränderter Form, der mich so zufrieden und satt machte. Ein Lieblingsbuch ist eben mehr als nur ein Buch. Es ist Medizin, Rückzugsort, Inspiration und Kraftquelle.

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