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Rezension #136: „Jean Batten, Pilotin“ von Fiona Kidman

Die 30er Jahre waren eine aufregende Zeit für die sich langsam entwickelnde Flugfahrtszene. Ständig wurde neue Strecken- und Dauerrekorde gemeldet, die von der Bevölkerung mit großem Interesse verfolgt wurden. Neben den tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten gab es auch einige wagemutige Frauen, die sich bestärkt durch den Beginn der Frauenbewegung und den neuen Rechten der Frauen dem Abenteuer der Fliegerei verschrieben. Bei uns sind vor allem die Amerikanerinnen Amy Johnson, die 1930 als erste Frau alleine von England nach Australien flog, und Amelia Earhart, die 1928 als erste Frau den Atlantik überquerte, bekannt. Aber auch die Neuseeländerin Jean Batten, die 1936 als erste Frau von England nach Neuseeland flog und wegen ihrer glamourösen Auftritte als „Garbo der Lüfte“ galt, gehört zweifellos zu den Heldinnen jener goldenen Jahre der Fluggeschichte. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin Fiona Kidman hat die Lebensgeschichte ihrer Landsmännin, nach der heute das internationale Terminal des Flughafens in Auckland benannt ist, nun in einem biografischen Roman aufgearbeitet.

Schon die Gestaltung dieses Taschenbuchs macht deutlich, dass man einen besonderen Schatz in Händen hält.

Angefangen bei dem ansprechenden zeichnerischen Porträt Jean Battens auf dem Cover, über die feste Papierqualität der Seiten bis hin zur teuren Fadenbindung macht das Buch einen rundum wertigen Eindruck. Das Blätterverhalten ist sensationell. Von Leserillen oder anderen Gebrauchsspuren ist auch nach der Lektüre des Romans nichts zu sehen, obwohl mich auch dieses Buch täglich in der Handtasche auf dem Weg in und aus dem Büro begleitete. Da verzeihe ich gerne das Fehlen einer eBook-Version.

Auch inhaltlich konnte mich Jean Batten, Pilotin überzeugen.

Fiona Kidman legt ein spannend und unterhaltsam zu lesendes Porträt einer höchst ambivalenten Persönlichkeit vor, das sich durchaus mit den von mir so geschätzten biografischen Romanen von Paula McLain messen kann. Durch die häufige wörtliche Rede gerät die Handlung lebendig und leicht zu lesen. Die strikt chronologische Erzählweise und die Angabe der im jeweiligen Abschnitt beschriebenen Jahre machen es dem Leser einfach, der Handlung zu folgen und diese in einen größeren historischen Kontext zu stellen.

Jean Batten aufgeschlagen

Neben den Rekordflügen selbst, die – angereichert durch Tagebucheinträge und andere zeitgeschichtliche Dokumente – auch für Leser mit nur geringem technischen Verständnis packend und mit tollen Landschaftsbeschreibungen sowie charmanten Anekdoten unterhaltsam beschrieben werden, legt Fiona Kidman einen Schwerpunkt auf die schwierigen Kindheit und Jugend der späteren Flugpionierin, die eigentlich Konzertpianistin werden sollte. Einfühlsam schildert Jean Batten, Pilotin wie mit der Trennung der Eltern für die junge Jean mit einem Schlag die unbeschwerte Kindheit endet und wie ihre Mutter Nellie zum wichtigsten Anker ihres Lebens wird. Sie, die selbst gerne geflogen wäre, ist es, die Jean die Faszination des Fliegens näher bringt. Auch als Jean schließlich ihr Musikstudium aufgibt, um Pilotin zu werden, steht Nellie – gegen die Willen des Vaters – voll hinter ihrer Tochter und unterstützt diese, wo sie nur kann. Sie organisiert den Umzug nach England, wo es die besseren Flugschulen gibt, und bringt das Geld für die sehr teure Ausbildung auf. Um den so dringend nötigen Unterhalt des Vaters nicht zu verlieren, erzählen sie diesem, Jean würde in London ihre Klavierausbildung fortsetzen. Trotzdem leben Mutter und Tochter in ärmlichsten Verhältnissen und haben trotz einfachster Unterkünfte oftmals nicht einmal das Geld für eine anständige Mahlzeit.

Es wäre ein leichtes gewesen, aus dem Stoff von Jean Battens Leben, eine moderne Aschenputtelgeschichte zu machen. Dass Fiona Kidman dies nicht tut, nahm mich umso mehr für dieses Buch ein.

Sie zeigt die neuseeländische Flugpionierin als willensstarke und durchsetzungsfähige Frau, die unbeirrt ihren Weg geht und beflügelt durch die beginnende Frauenbewegung und die neuen Rechte der Frauen männlichen Vorurteilen souverän und selbstbewusst gegenübertritt.

„Er [Charles Kingsford Smith] hat mir empfohlen, mich nicht mit Männern zu messen. Aber dazu werde ich mir selbst ein Urteil bilden.“
(Seite 142)

Aber Fiona Kidman zeigt auch, wie berechnend und gefühlskalt Jean Batten bisweilen vorging.

Echte menschliche Nähe lässt sie nur zu ihrer Mutter zu. Geprägt durch deren Vorbild im Umgang mit dem eigenen Vater geht Jean Batten nur dann Beziehungen zu Männern ein, wenn ihr diese auf ihrem Weg zur berühmten Pilotin hilfreich sein können. Dazu müssen sie vor allem eines sein; nämlich vermögend. Von ihren Verlobten lässt sich so diverse Flugstunden und sogar ein Flugzeug bezahlen, bricht die Beziehungen aber stets ab, wenn diese den ernsthaften Wunsch nach Kinder, Ehe und dem Sesshaft Werden äußern. Die Rolle der klassischen Ehefrau und Mutter liegt ihr nicht. Jean Batten fühlt sich dadurch eingeengt. Nichts soll zwischen ihr und ihrem Traum, als erster Mensch überhaupt alleine von England nach Neuseeland zu fliegen, stehen. Die Skrupellosigkeit, mit der sie dabei nicht selten vorgeht, erschreckte mich teilweise.

In anderen Lebensbereichen jedoch kommt Jean Batten ihre extreme Zielstrebigkeit zu gute. Auch Rückschläge und herbe Enttäuschungen bringen sie nicht von ihrem Lebenstraum ab. Wie viele Menschen, die Außergewöhnliches leisteten, war auch Jean Batten stets bemüht, aus ihren Fehlern zu lernen. Ihre erste Bruchlandung und der gescheiterte erste Rekordflugversuch wurden ihr so zu wichtigen Lektionen, von denen sie sich nicht entmutigen ließ, sondern an denen sie wachsen konnte. Auch Konkurrenz – vor allem die durch Amy Johnson, mit der Jean Batten persönlich bekannt war – spornte sie an.

Auch die Jahre nach ihrer Rekordjagd beeindruckten mich.

Jean Batten zieht sich mit ihrer inzwischen gealterten und kranken Mutter Nellie auf Jamaika zurück. Dort machen sie die Bekanntschaft des späteren James Bond-Erfinders Ian Flemming, dessen Muse sie wird. Die Figur der Solidaire aus dem zweiten James Bond-Band trägt einige Züge von Jean Batten.

Fazit

51mpcitz7VL._SX315_BO1,204,203,200_Mit Jean Batten, Pilotin legt Fiona Kidman einen lebendig geschriebenen und spannend zu lesenden biografischen Roman über eine facettenreiche und faszinierende Frau vor, die es versteht, sich in der Männer dominierten Welt der Technik durchzusetzen. Frei von jeder Form der Heroifizierung beschreibt Fiona Kidman den bewegten Lebensweg einer höchst ambivalenten Persönlichkeit und lässt dabei auch die Schattenseiten ihrer Zielstrebigkeit sowie ihres späteren Ruhms nicht aus. So entsteht ein sehr authentisches Porträt der neuseeländischen Flugpionierin, das ich sehr gerne gelesen habe.

Bewertung: ♥♥♥♥ Buchtipp!

Titel: Jean Batten, Pilotin ♦ Autorin: Fiona Kidman ♦ Übersetzung: Barbara Weidle ♦ Format: Taschenbuch ♦ Verlag: Weidle Verlag ♦Umfang: 412 Seiten ♦ ISBN: 978-3-938803-82-0 ♦ Preis: 25,-€

Jean Batten, Pilotin

Jean Batten, Pilotin
8.28

Einstieg

9/10

    Handlungsverlauf

    8/10

      Sprache

      7/10

        Charaktere

        9/10

          starke Frauen-Faktor

          10/10

            1 Kommentare

            1. Danke für diesen Literaturtipp!
              Ich veröffentliche auf meinem Blog allwöchentlich donnerstags ein Porträt einer großartigen Frau. Bisher habe ich Melitta Gräfin Schenk von Stauffenberg & Tony Werntgen unter den Flugpionierinnen porträtiert & suche durchaus weitere.
              LG
              Astrid

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