4 Herzchen, Rezension, Roman
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Rezension #135: „Der alte Mann und das Meer“ von Ernest Hemingway

Hemingsways letzte Veröffentlichung vor dessen Tod ist zugleich auch seine bekannteste. 1953 erhielt er für Der alte Mann und das Meer den Pulitzerpreis. Obwohl es mit knapp 150 Seiten eher ein schmales Büchlein ist, habe ich ähnlich damit gerungen wie der alte Fischer Santiago in Hemingways Geschichte mit dem riesigen Marlin kämpft.

Gleich mehrere Versuche habe ich gebraucht, bis ich mich tatsächlich auf Der alte Mann und das Meer einlassen konnte. Für mich war es lange Zeit schwierig, die notwendige innere Ausgeglichenheit zu finden, um die Kraft der sprachlichen Bilder hinter dem die meiste Zeit so ruhigen und einsamen Setting entdecken zu können. Schließlich verbringt Santiago den Großteil der Geschichte alleine mit dem angehakten Fisch auf dem offenen Meer, was vordergründig reichlich langweilig erscheint und mich diverse Male dazu brachte, das Buch abzubrechen.

Erst vor ein paar Monaten gelang es mir in Der alte Mann und das Meer mehr zu sehen, als nur eine öde Geschichte über einen ziemlich alten Fischer und seinen Fang. Zunächst waren es die schönen Ortsbeschreibungen, die mich begeisterten, weil vor meinem geistigen Auge sofort ein detailliertes Bild der kubanischen Küste entstand.

Danach dauerte es nicht lange, bis mich auch die Harmonie der Beziehung zwischen dem alten Fischer und seinem jungen Gehilfen berührte.

Obwohl Manolin nach 40 glücklosen Tagen mit Santiago von seinen Eltern auf ein erfolgreicheres Fischerboot geschickt wurde, kümmert er sich weiterhin rührend um seinen ehemaligen Lehrmeister. Er teilt mit Santiago sowohl sein Essen als auch seinen Köder, hilft ihm den Mast des Bootes und den Angelutensilien zu tragen und hört sich die ewig gleichen Geschichten des Alten an, der mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart lebt.

Die meisten Leute haben kein Gefühl für Schildkröten, weil das Herz einer Schildkröte noch stundenlang schlägt, nachdem man sie zerstückelt und ausgeschlachtet hat. – Aber, dachte der alte Mann, ich habe genau solch ein Herz, […]
(Seite 43)

Seine jugendliche Energie und Kraft macht Manolin seinem Meister überlegen. Dieser jedoch besitzt auf Grund seines Alters den größeren Erfahrungsschatz. Beiden ist diese wechselseitige Beziehung bewusst und sie begegnen sich mit gegenseitigem Respekt und Achtung. Dieses harmonische Zusammenleben der Generationen, das man heute eher selten erlebt, gefiel mir gut. Es hat etwas Tröstliches und lässt vor allem das Alter weitaus weniger negativ und beschwerlich erscheinen als in vielen anderen literarischen Darstellungen.

Fast noch besser gefiel mir die ähnlich harmonische Beschreibung der Beziehung zwischen Mensch und Natur, die Hemingway in Der alte Mann und das Meer beschreibt. Zwar ist Santiago entschlossen, den außergewöhnlich großen Fisch, den er am Haken hat, zu erlegen (oder bei dem Versuch zu sterben). Dabei wird jedoch klar, dass er dies nicht etwa allein aus einer Jagdlust heraus tut oder, um sein Können zu beweisen.

Vielleicht war es eine Sünde, den Fisch zu töten. Wahrscheinlich war es das, obwohl ich es tat, um mein Leben zu fristen und viele Leute zu ernähren. […] Du bist geboren worden, um ein Fischer zu sein, wie der Fisch geboren wurde, um ein Fisch zu sein.
(Seite 133)

Der alte Mann und das Meer Illustration

An manchen Stellen erinnerte mich der Kampf der Fischers mit „seinem“ Marlin an Moby Dick.

Allerdings gewinnt der Alte umso mehr Achtung vor dem Fisch, je länger der Kampf der beiden andauert, während Kapitän Ahab von blindem Hass gesteuert wird.

„Ich bin ihm nur durch meine Schliche überlegen, und er hat nicht Böses gegen mich im Sinn.“ (Seite 125)

Seine Verbundenheit zur Natur drückt sich auch darin aus, wie Santiago aus dieser liest. So schließt er beispielsweise aus der Anwesenheit bestimmter Seevögel auf bestimmte Fischvorkommen. Mensch und Natur leben hier in einer symbiotischen Einheit, in der die Kräfte zwar durchaus unterschiedlich aber letztlich dennoch ausgeglichen sind. Zu keinem Zeitpunkt fühlt sich der Fischer dem Marlin gänzlich überlegen. Diese Demonstration eines respektvollen Umgangs mit der Natur erscheint heute vor dem Hintergrund der Erneuerbaren Energien-Debatte aktueller denn je.

Sehr gefallen haben mir schließlich auch das Ende und die damit transportierte Botschaft. Santiago erlebt eine Niederlage im Sieg. Zwar gelingt es ihm den Marlin zu töten, dennoch wird er letztendlich von der Natur besiegt, denn Haie berauben ihn wieder seines Fangs. Auch hier gibt der alte Mann nicht kampflos auf, akzeptiert schließlich aber die Überlegenheit der Haie und fügt sich so dem natürlichen Lauf der Dinge. Ihm reicht das Wissen, dass er jederzeit sein bestes gegeben hat, um vor sich und den anderen seine Würde wahren zu können.

Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben.
(Seite 132)

resümiert der alte Mann, als er völlig entkräftet leidglich mit dem nackten Skelett des Fangs seines Lebens wieder den Hafen erreicht.


Fazit:

Der alte Mann und das Meer ist trotz der scheinbaren Stille des Settings eine kraftvolle und kluge Geschichte voller Lebensweisheit, die auch heute noch nichts von seiner Aktualität verloren hat. Ich bin froh, dass ich dem Buch mehr als eine Chance gegeben habe.

Bewertung: ♥♥♥♥ Buchtipp

Die Seitenangaben und Fotos dieser Rezension beziehen sich auf eine illustrierte Ausgaben von 1959 (Übersetzung von Annemarie Horschitz-Horst), die ich von ein paar Monaten im öffentlichen Bücherschrank fand. Diese Entdeckung war Anlass und Motivation für den Versuch, Der alte Mann und das Meer endlich zu beenden. Zu welchem Teil, die Freude darüber, die Geschichte in einer so besonderen Form lesen dürfen, letztlich wirklich dazu beitrug, dass ich die Geschichte nicht wieder abgebrochen habe, lässt sich für mich leider nicht feststellen. Einen geringen Anteil schreibe ich diesem Umstand jedoch durchaus zu.

Ein schöne aktuelle Ausgabe von Der alte Mann und das Meer in der Übersetzung von Werner Schmitz ist 2014 im Rowohlt Taschenbuchverlag  (ISBN 978-3499267673) erschienen.

Der alte Mann und das Meer

Der alte Mann und das Meer
7.96

Einstieg

6/10

    Handlungsverlauf

    7/10

      Sprache

      8/10

        Charaktere

        9/10

          Schluss

          9/10

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