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Ein leicht größenwahnsinniges Buchprojekt: Kerstin liest Tolstoi

Für die zwei Wochen Urlaub, die ich ab heute habe, habe ich mir spontan ein leicht größenwahnsinniges Buchprojekt vorgenommen: ich möchte einen Klassiker-Wälzer mit mehr als 1.000 Seiten lesen. Via Twitter seid ihr live dabei.

Genauso gerne wie ich Kurzgeschichten lese, lese ich dicke Bücher und lange Reihen, weil diese oft die ausgefeilteren Charaktere und den komplexeren Aufbau haben. Ich liebe es, mich in einer Buchwelt regelrecht versinken zu können. Daher kommt wohl auch meine großer Verehrung von Stephen King und meine Leidenschaft für Das Lied von Eis und Feuer. An echte Klassiker ab 500 Seiten habe ich mich bislang aber noch nicht herangetraut, weil es mir neben dem Vollzeitjob und den restlichen Verpflichtungen schlichtweg als ein zu anspruchsvolles Vorhaben erschien. Im Urlaub aber sollte ich die nötige Ruhe und Muse dazu.

Mögliche Kandidaten fand sich auf den Bücherlisten, die mir vorgenommen habe, genug; nur die endgültige Entscheidung fiel mir sehr schwer. Also habe ich euch, meine Leser, via Twitter abstimmen lassen. Das Ergebnis fiel deutlicher aus, als ich erwartet hatte:

Damit stand aber vor der nächsten Frage: Welche Übersetzung sollte ich lesen? Gerade bei Klassikern steht und fällt damit vieles. Ein unlesbares Deutsch kann einem das schönste Buch vergrätzen. Bei englischsprachigen Büchern ziehe ich daher meist gleich das Original vor. Bei einem russischen Buch aus dem 19. Jahrhundert muss ich aber passen.

Natürlich wurde ein Weltklassiker wie Anna Karenina zahlreiche Male übersetzt. Insgesamt soll es über 20 deutsche Fassungen geben. Nachdem mir die „Blick ins Buch“-Funktion der Onlineshops nicht wesentlich weiterhelfen konnte, bin ich im Rezensionsforum Literaturkritik.de auf ein Tolstoi-Special zu dessen 100. Todestag gestoßen, in dem auch die ersten Sätze des ersten und zweiten Teils von Anna Karenina in fünf modernen Übersetzungen aufgeführt werden. Diese Übersicht half mir sehr bei meiner Entscheidung.

Mein Wahl fiel schließlich auf die Übersetzung von Rosemarie Tietze, die viel Lob erhielt und 2010 auch für den Leipziger Buchpreis nominiert war.

Ausschlaggebend war für mich dabei vor allem, der umfangreiche Anhang mit einem ausführlichen Kommentar der Übersetzerin zu Besonderheiten der Sprache und zeitgenössischen  Gepflogenheiten und Anspielungen, die sich dem modernen Leser nicht ohne weiteres erschließen. Leider gibt es diese Übersetzung nicht als eBook, was bei mehr als 1.200 Seiten von unschätzbarem Vorteil gewesen wäre, damit mir beim Lesen nicht die Arme abfallen. Ich habe mich daher für das Taschenbuch entschieden, das bei DTV erschienen ist. Glücklicher weise ist es dank der hauchdünnen Seiten nicht dicker als ein reguläres Taschenbuch mit 500 Seiten und daher noch einigermaßen angenehm zu halten.

Am vergangenen Wochenende habe ich schon fleißig gelesen. Den ersten von acht Teilen konnte ich bereits beenden. Es fiel mir zunächst nicht leicht in das Buch zu finden. Die langen, verschachtelten Sätze, die detaillierten Personenbeschreibungen und die vielen Andeutungen auf bestimmte Ereignisse, Bücher und Themen jener Zeit machten es mir schwer, einen Zugang zu finden. Der Kommentar von Rosemarie Tietze, den ich mir mittlerweile mit einem zweiten Lesezeichen markiert habe, war mir hier aber eine große Hilfe.


Nach den ersten fünf Kapiteln fand ich schließlich in Tolstois sprachliche Besonderheiten und das Lesen wurde deutlich angenehmer. Kurze Zeit später erlag ich dem Charme der zahlreichen Verwicklungen und dem Liebeschaos, von dem Anna Karenina mehr zu bieten hat als so manche Daily Soap. 

Ich bin froh, mir das Buch für den Urlaub aufgehoben zu haben. Nach einem normalen Arbeitstag hätte mich das häufige Nachschlag im Anhang sowie die fremden Ausdrucksweisen und unverständlichen Anspielungen zu sehr genervt. Mit Sicherheit wäre ich dann nicht über die ersten fünf Kapitel hinausgekommen, was angesichts der Lesefreude, die ich nun mit Anna Karenina habe, wirklich schade gewesen wäre.

Tatsächlich habe ich so viel Spaß mit Tolstoi, dass ich diese Woche spontan zur Klassikerwoche erkläre.

Am Mittwoch erwartete euch eine Bücherliste mit klassischen Ehe- und Liebesromanen, die auch euch Lust auf dieses Genre machen soll. Am Wochenende erscheint dann meine Rezension zu – nein, nicht Anna Karenina (das wäre nun doch zu vermessen) – Der alte Mann und das Meer, das ich vor 1,5 Wochen las. Außerdem möchte ich am Montag über meine erste Lesewoche mit Tolstois Anna Karenina berichten. Wer noch näher an meinen Reaktionen, Gedanken, Erfahrungen und dem Lesefortschritt sein will, findet unter dem Hashtag #kerstinliesttolstoi auf Twitter immer die aktuellsten Neuigkeiten.

2 Kommentare

  1. Schönes Projekt. Anna Karenina liegt auch schon sehr lange auf meinem SuB… warte irgendwie auch noch auf den richtigen Moment, wo ich viel Zeit und Muße zum Lesen habe.

    LG Britta

  2. Ich habe auch vor ein paar Tagen mit Anna Karenina angefangen und ich hatte keine Probleme hineinzufinden. Ob es wohl doch an der Übersetzung liegt? Ich habe das eBook, Übersetzer Asemissen. Das klingt ganz flüssig und sehr angenehm. Mag sein, dass es eine ‚geglättete‘ Übersetzung und Tietze werkgetreuer ist. Ich werde mir Anna Karenina kaufen, aber jetzt bin ich nicht mehr sicher, welche Ausgabe … Dann bin ich gespannt auf mehr von dir zum Thema.
    Gruß, Ingrid

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