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Rezension #134: „Ehre“ von Elif Shafak

In der Facebook-Gruppe „ARD Buffet liest“ fragte Karla Paul vor kurzem nach Büchern, die dabei helfen, die jüngsten politischen Ereignisse und Entwicklungen in der Türkei zu verstehen. Dabei fiel mir ein, dass bereits seit Anfang des Jahres ein hierzu passendes Buch ungelesen in meinem Regal steht. Zwar ist „Ehre“ ein klassischer Mehrgenerationenroman, der die Geschichte und Politik der Türkei nur am Rande beleuchtet. Das beschriebene Schicksal einer kurdischen Familie beleuchtet jedoch die für uns meist so fremden Denkweisen und Rollenmodelle der islamischen Kultur.

Die unter dem Pseudonym Elif Shafak schreibende türkische Schriftstellerin wurde 1971 in Frankreich geboren. Sie studierte internationale Beziehungen an der technischen Universität in Ankara, erhielt einen Master of Science in Gender Studies und promovierte in politische Wissenschaften mit der Arbeit An Analysis of Turkish Modernity Through Discourses of Masculinities.
1994 debütierte Elif Shafak mit einer türkischsprachigen Erzählung, der 1997 ihr erster Roman (ebenfalls in türkischer Sprache) folgte. Ihr 2006 auf englisch erschienener Roman The Bastard of Istanbul zog einen Strafgerichtsprozess in der Türkei nach sich, in dem Elif Shafak jedoch freigesprochen wurde. Dennoch steht Elif Shafak den staatlichen Instanzen in der Türkei bis heute skeptisch gegenüber und ist Gründungsmitglied des  European Council on Foreign Relations.
Obwohl ihre Bücher oftmals umstritten sind, ist Elif Shafak eine der meistgelesenen Schriftstellerinnen in der Türkei. Sie lebt mit ihrem Mann – einem türkischen Journalisten – und den gemeinsamen Kindern in Istanbul und London.

Worum geht es in „Ehre“?

Die Zwillingsschwestern Jamila und Pembe stehen sich zwar sehr nah, ihre Zukunftspläne könnten jedoch nicht unterschiedlicher sein. Während sich Jamila für ein einsames Leben als Hebamme in ihrem abgelegenen kurdischen Heimatdorf entscheidet, zieht es Pembe in die Welt hinaus. Zuerst zieht sie zu ihrem Ehemann nach Istanbul, später wandert das Paar mit den Kinder nach London aus. Ihr Glück findet Pembe dort aber nicht, denn fernab der Heimat braut sich eine schreckliche Katastrophe über ihrer Familie zusammen.

Wie gefällt mir…

… die Gestaltung?

Entgegen meiner üblichen Gewohnheiten kam ich bei Ehre nicht umhin das Taschenbuch anstatt des eBooks zu kaufen. Dem farbigen Seitenschnitt in zartem Rosarot und dem so rein und unschuldig wirkenden hellen Cover konnte ich einfach nicht widerstehen. Als ich schließlich auch noch herausfand, dass sich diese Farbwahl auch noch direkt auf den Inhalt bezieht, wusste ich endgültig, dass es die richtige Entscheidung war.

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„Pembe“ ist nämlich nicht nur ein weiblicher türkischer Vorname, sondern – so lernt man gleich zu Beginn von Ehre – auch das türkische Wort für „Rosarot“. Die Farbe Weiß spielt eine zentrale Rolle, wenn Pembe von ihrer Mutter das Konzept von Würde und Schande erklärt bekommt:

„Es liege daran, dass Frauen aus ganz hellem Batist gemacht seien, fuhr Naze fort, Männer dagegen aus dickem, dunklem Stoff. So hatte Gott beide geschneidert: den einen der anderen überlegen. […] Wichtig war nur, dass man auf der Farbe Schwarz keinen Schmutz sah, während die Farbe Weiß noch das kleinste Staubkörnchen erkennen ließ. Deshalb wurden befleckte Frauen sofort entdeckt, und von den anderen getrennt, […].“
(Seite 30)

Würde, Schande, Ehre und Scham bilden auch die zentralen Themen von Ehre. Dass das Coverbereits durch die Farbwahl hierzu einen so geschmackvollen Bezug herstellt, ist sehr gelungen.

…. den Aufbau?

Geschickt verwebt Elif Shafak in Ehre verschiedene Zeitstränge, Erzählperspektiven und Handlungsebenen, um die beschriebenen Ereignisse und deren Vorgeschichte aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten zu können. Jedes Kapitel hat eine zweite Überschriftsebene, in der angegeben wird, wo und wann die folgende Handlung spielt. So fällt die Orientierung trotz der komplex angelegten Geschichte einfach.

Auch die verschiedenen Erzählformen tragen dazu bei, beim Lesen den Überblick zu behalten: von Pembes Sohn Iskander gibt es Tagebucheinträge; die Kapitel über Pembes Tochter Esma sind aus der Ich-Perspektive geschrieben, bei den übrigen bedient sich Shafak eines auktorialen Erzählstils.

Hierdurch gerät Ehre abwechslungsreich und spannend.

… den Handlungsverlauf?

Die Tragödie und damit auch das eigentliche Ende der Geschichte wird bereits früh vorweg genommen. Bereits im ersten Kapitel erfährt der Leser, dass Iskander ein verurteilter Mörder ist.

„In diesen vier Wänden werde ich ihn einsperren, zwischen dem Hass und der Liebe, die ich empfinde, ob ich will oder nicht, und die für immer in einem Kästchen in meinem Herzen verschlossen sind.
Er ist mein Bruder.
Er, der Mörder.“
(Seite 14)

Auch dass es sich um einen Ehrenmord innerhalb der Familie handelt, steht früh fest.

Der Spannung des Buchs tut dies keinen Abbruch, denn im Folgenden nimmt Elif Shafak den Leser mit auf die Suche nach den genauen Umständen der Tat, die tatsächlich erst ganz am Schluss vollkommen aufgeklärt werden. Ihre Spurensuche beginnt fast 40 Jahre vor der eigentlichen Tat mit der Geburt der Mutter.

Erst aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Blickwinkel ergibt sich für den Leser ein vollständiges Bild. Damit warnt Elif Shafak auch vor voreiligen Urteilen und demonstriert auf spannende Weise, dass es immer mehrere Versionen von einer Geschichte gibt, die man alle bei der Suche nach der Wahrheit berücksichtigen sollte. Um diesen Effekt zu verstärken, erzählt Elif Shafak vollkommen frei von eigenen Wertungen und Urteilen und überlässt es stattdessen dem Leser, sich ein eigenes Bilds zumachen und eigene Schlussfolgerungen zu ziehen.Ehre Beitragsfoto

Mir hat diese Form des Erzählens gut gefallen, gerade auch weil sie vom Leser eigene Denkarbeit fordert. Ich fand es sehr interessant und spannend, wie nach und nach die unterschiedlichen Einflüsse aus Kultur, Erziehung, Religion, Wertevorstellungen u.a. aufgedröselt wurden, die schließlich zu Iskanders Tat führten

… Sprache?

Trotz aller Dramatik und Brisanz, die Ehre bietet, benutzt Elif Shafak eine blumige, bildreiche Sprache, wegen derer ich Schriftsteller aus dem Nahen Osten so schätze. Gerade die zeitlich weiter zurückliegenden Kapitel erhalten hierdurch einen leicht märchenhaft verklärten Zauber, der mich sehr ansprach. Beim Lesen einiger Passagen fühlte ich mich ein bisschen an Rafik Schami erinnert.

… die Charaktere?

Elif Shafak zeichnet vielschichtige, glaubwürdige Charaktere, in die ich mich gut hineinversetzen konnte. Am meisten gefiel mir, dass Ehre ohne jede Form der Schwarz-Weiß-Malerei auskommt. Da jeder Charakter als Produkt seiner Erziehung, den Einflüssen seines Umfelds und seiner eigenen Entscheidungen dargestellt wird, gibt es keine absoluten Kategorien wie der Böse oder die Gute. Dies lässt die Charaktere sehr lebensecht wirken.

Selbst bei Iskander, über den der Leser früh erfährt, dass er zum verurteilten Mörder wurde, zeigt Elif Shafak einfühlsam und sehr klug auch den Anteil der Gesellschaft und bestimmter kultureller Vorstellungen an seiner Entwicklung auf. Gleichzeitig macht sie aber deutlich, dass auch er trotz aller Einflüsse eigenverantwortlich Entscheidungen trifft, die schließlich zu seiner Tat führten.

Am meisten beeindruckt hat mich jedoch Bezo, der Vater der Zwillingsmädchen. Er schickt seine acht Töchter zur Schule, obwohl dies in den 50er Jahren im kurdischen Hitnerland der Türkei keine Selbstverständlichkeit war. Während die Mutter darin nur wenig Sinn sieht, da Bildung ihren Töchtern nicht helfe, einen Mann zu finden, hat Bezo sehr moderne und emanzipierte Gründe für seine Entscheidung:

„Wenn sie von ihren Männern einmal schlecht behandelt werden, müssen sie sich das nicht gefallen lassen. Dann können sie ihre Kinder nehmen und gehen.“
(Seite 23)

Leider kommt aber auch er nicht gegen die Wertevorstellungen der Gesellschaft zu jener Zeit an.

… den Schluss?

Am Ende überraschte mich Elif Shafak schließlich noch mit einer Wendung, die für mich so nicht vorhersehbar war. Der Geschichte wird hierdurch leider etwas an Dramatik genommen. Insgesamt war mir der Schluss zu konstruiert und zu sehr bemüht, trotz allem Unglück, in das die Familie stürzt, doch noch mit etwas positivem zu enden. Das war schade, denn bis dahin hatte mich Ehre sehr beeindruckt.

Fazit:

In Ehre lässt Elif Shafak ihre Leser tief in eine fremde Kultur blicken. Ihr gelingt es, das Thema Ehrenmord so darzustellen, dass es auch für Westeuropäer verständlich wird. Durch das geschickte Verweben von unterschiedlichen Zeitsträngen, Handlungsebenen und Erzählperspektiven entsteht ein kluger und komplexer Roman, der die Hintergründe, Einflüsse und Denkmuster, die zu so einer Tat führen, aufzeigt, ohne bestimmte Personen per se als schlecht oder böse zu verurteilen.

Ehre mit TeeglasMich hat dieser spannende Familienroman nicht mehr losgelassen. Die knapp 500 Seiten, für die ich sonst rund 10 Tage brauche, hatte ich innerhalb einer Woche gelesen. Wäre mir nicht das Ende zu konstruiert gewesen, hätte es ein neues Lieblingsbuch werden können.

Bewertung: ♥♥♥♥ Buchtipp

Titel: Ehre ♦ Autorin: Elif Shafak ♦ Übersetzung: Michaela Grabinger ♦ Verlag: Kein & Aber ♦ Format: Taschenbuch ♦ Umfang: 528 Seiten ♦ ISBN: 978-3-0369-5932-0 ♦ Preis. 14,90€

Von Elif Shafak habe ich >>hier<< bereits Der Architekt des Sultans rezensiert.

Ehre

Ehre
8.36

Gestaltung

9/10

    Aufbau & Handlungsverlauf

    9/10

      Sprache

      9/10

        Charaktere

        9/10

          Schluss

          6/10

            4 Kommentare

            1. Das Buch steht schon ewig auf meiner Wunschliste und sollte jetzt wirklich endlich einmal einziehen. Ich habe bis jetzt immer mit dem Hardcover geliebäugelt, aber der rosarote Schnitt des Taschenbuches sieht wirklich sehr hübsch aus.
              LIebe Grüße
              Martina

              • Kerstin Scheuer sagt

                Hallo Martina,
                ich finde, es lohnt sich sehr, das Buch von der Wunschliste zu befreien. Und ja, das Taschenbuch, da ja sonst immer etwas stiefmütterlich behandelt wird, steht dem Hardcover in diesem Fall in nichts nach.

            2. Danke schön für diese gelungene Rezension. Durch deine Darstellung konnte ich mir ein gutes Bild von dem Buch machen. Es kommt nun ganz sicher auf meine Urlaubswunschliste.
              Liebe Grüße von
              Monika Schoppenhorst

            3. Pingback: Mein Rückblick auf das Lesejahr 2016 – Kerstin Scheuer

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