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Rezension #133: „Saisonarbeit. Volte #2“ von Heike Geißler

Als ich mich im Juli durch das Programm von Mikrotext las, durfte auch „Saisonarbeit“ von Heike Geißler nicht fehlen. Zwar handelt es sich hierbei nicht um einen eShort, die eigentliche Spezialität des Digitalverlags. Nachdem ich das eBook aber bei „Literary Hub“ auf der Liste „10 Books by Women We´d love to See in English“ entdeckte, war ich natürlich neugierig.

Heike Geißler wurde 1977 in Sachsen geboren. Für ihren ersten Roman“ Rosa“ erhielt sie 2001 den Alfred-Döblin-Förderpreis. 2007 folgte der Text „Nichts was tragisch wäre“, bevor sie 2008 am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teilnahm. Neben der Heftreihe „Lücken kann man lesen“ ist „Saisonarbeit“ ihre vierte Veröffentlichung.
Heike Geißler mit zwei Kinder und lebt als freie Schriftstellerin in Leipzig.

Worum geht es?

Um ihre Finanzen aufzubessern hilft die freier Schriftstellerin und Übersetzerin Heike Geißler in der Vorweihnachtszeit für sechs Wochen als Lageristin bei Amazon aus. „Saisonarbeit“ handelt von ihren Erlebnissen während dieser Zeit.

Wie hat es mir gefallen?

„Saisonarbeit“ ist nicht der „Inside Amazon“-Bericht, den ich eigentlich erwartet hatte. Darüber war ich zwar anfangs ein wenig enttäuscht; tatsächlich jedoch ist das, was Heike Geißler in diesem eBook erörtert, aber mindestens genauso interessant. Daher verzeihe ich ihr gerne, dass es mehr um die allgemeine Darstellung dessen geht, was die heutige Arbeitswelt aus uns macht, und das Unternehmen Amazon hierbei lediglich als eines von vielen Beispielen dient. Dass sie es sich nicht so einfach macht, sich schlicht zum populären Chor der Amazon-Basher zugesellt, macht „Saisonarbeit“ umso lesenswerter. In ihrer feinsinnigen und wohl reflektierten Darstellung hebt Heike Geißler ihre ganz persönlichen Erlebnisse auf eine allgemeinere Ebene und gibt „Saisonarbeit“ so zusätzliche Tiefe.

Dabei bedient sich das eBook einer ungewöhnlichen Erzählperspektive – dem „Sie als ich“ -, die nahezu sofort, eine besondere Nähe zum Leser herstellt. Bis zu welchem Grad dieses erzählerische „Sie“ aber tatsächlich autobiografisch geprägt ist, bleibt unklar. So erinnert Heike Geißler bisweilen

„Sie sind nun vermutlich versucht, wie der Kollege abzuwinken, aber Sie sind ja ich, also geht das nicht.“ (Seite 67)

An anderen Stellen wiederum verselbstständigt sich das „Sie“ und trifft eigenständige Entscheidung, die nicht mit dem realen Verhalten der Autorin in der entsprechenden Situation übereinstimmen:

„Weil Sie nicht ich sind, weichen Sie nicht nur zurück.“ (Seite 46)

An einigen Stellen erzählt Heike Geißler eine Szene gleich in mehreren Version: einmal wie sie tatsächlich stattfand und einmal in einer Wunschphantasie. Zusätzlich leidet die Chronologie an einigen Stellen unter ihren starken Vorgriffen, die notwendig sind, um ein Thema ganz zu Ende erzählen zu können. Manchmal hat es ein paar Sätze gedauert, bis ich mich in einer Szene zu Recht fand. Dennoch blieb der rote Faden immer erkennbar.

cover-geissler-400px-hotlistRichtiggehend störend fand ich eigentlich nur die häufigen und langen Zitate aus anderen Texten. Da es sich meist um unbekannte Texte handelte, war es schwer, den Gesamtkontext zu verstehen. Auch kam ich durch den meist sehr wissenschaftlichen Sprachstil, der in den meisten Zitaten verwendete wurde, wiederholt aus dem Lesefluss. Irgendwann gegen Ende habe ich sie daher nur noch oberflächlich quergelesen.
Insgesamt schien mir die Autorin doch etwas zu „verkopft“, zu sehr Theoretikerin und zu wenig pragmatisch, für die Arbeit im Lager eines Online-Versandriesen. Im Text taucht diese „Kopflastigkeit“, aus der die Autorin für sich eine intellektuelle Überlegenheit gegenüber ihren Kollegen herleitet, immer wieder mehr oder weniger unterschwellig auf. (Sie nennt es „große Empfindsamkeit“.) Diese Passagen wirken teilweise sehr überheblich und arrogant. Ihre Fähigkeit zur Selbstironie gleicht dies an vielen Stellen aber wieder aus.

Fazit:

Wer versucht, „Saisonarbeit“ als Tatsachenbericht zu lesen, wird wohl schnell frustriert sein. Lässt man sich jedoch auf Geißlers Art des Erzählens ein, erkennt man bald den feinen, (selbst-)ironischen Humor des Textes, dessen besondere Wirkung gerade durch die ungewöhnliche Herangehensweise möglich wird.

Bewertung: ♥♥♥ lesenswert

Titel: Saisonarbeit. Volte#2 ♦ Autorin: Heike Geißler ♦ Herausgeber: Jörg Dege, Mathias Zeiske ♦ Verlag: Mikrotext ♦ Format: eBook ♦Umfang: ca. 500 Seiten auf dem Smartphone ♦ ISBN: 978-3-944543-18-5 ♦ Preis: 9,99€

Saisonarbeit. Volte #2

Saisonarbeit. Volte #2
6.95

Einstieg

7/10

    Handlungsverlauf

    7/10

      Erzählstil

      6/10

        Schluss

        8/10

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