125Interview, Lieblingsbuchheldin
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Lieblingsbuchheldin #1: Stefanie Schleemilch stellt Mylia aus Goncalo M. Tavares „Die Versehrten“ vor

Ich freue mich sehr, Euch heute die erste Lieblingsbuchheldin vorstellen zu können. Und ich freue mich gleich noch einmal, dass es eine sehr sympathische Autorin ist, die die Interviewkategorie eröffnet, die mir persönlich besonders am Herzen liegt.

Stefanie Schleemilch hat im Oktober 2015 ihren Debütroman „Letzte Runde“ im Verlag Duotincta veröffentlicht. Darin blickt Lazlo, der gerade seinen eigenen Tod in einer Zürcher Sterbeklinik plante, auf sein Leben zurück. Es ist ein nachdenklicher, intensiver Roman über das Abschiednehmen vom Leben, aber auch über Liebe, Freundschaft und Freude am Leben. Besonders schön fand ich die poetische, bildhafte Sprache.
(Meine Rezension findet Ihr >>hier<<.)

Stefanie (ich bin einfach mal so dreist, dich zu duzen), es freut mich wirklich außerordentlich, dass Du meine persönliche Lieblingsrubrik der 1-2-5-Interviews eröffnest. Daher bin ich so neugierig, dass ich gleich mit der Tür ins Haus falle: Wer ist Deine Lieblingsbuchheldin und wo bist Du ihr zum ersten Mal begegnet?

Letzten Dezember hatte ich eine Lesung in Berlin und ein Bekannter drückte mir danach „Die Versehrten“ von Gonçalo M. Tavares in die Hand. „Ich musste beim Lesen an dich denken, das könnte dir gefallen“, sagte er und beharrte darauf, dass ich den Roman mitnehme. Ich liebe persönliche Buchempfehlungen, denn das sind in der Regel die besten Bücher, die in meinem Regal stehen; darüber hinaus ist es meist auch ein schöner Spiegel der Beziehung: Wie nimmt mich mein Gegenüber wahr, wie schätzt er mich ein?

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Stefanie Schleemilchs Liebligsbuchhelding stammt aus „Die Versehrten“ von Goncalo M. Tavares.

Was macht sie für Dich zur Heldin?

Auf dem Weg zum Flughafen fand ich auf den ersten Seiten diesen herrlichen Dialog zwischen der schizophrenen Mylia und ihrem Arzt und späteren Ehemann Theodor Busbeck:

»Ich finde Sie sympathisch, Mylia. Ich hoffe, wir können ein andermal weiterreden.«

»Lecken Sie mich am Arsch.« (35)

Da musste ich schmunzeln, das gefiel mir tatsächlich.

Mylia wirkt anfangs wie fremdgesteuert: Sie heiratet einen Mann, den sie nicht leiden kann, wird in eine Nervenklinik eingewiesen und entmündigt. Dort verliebt sie sich in den Patienten Ernst Spengler und wird von ihm schwanger. Es folgen Scheidung, Isolation und schließlich sogar eine Zwangssterilisation. Als kranke und vermeintlich schwache Frau ist sie nicht viel mehr als ein willenloser Spielball der männlichen Protagonisten. Ihr Exmann entzieht ihr das Kind, ihr behandelnder Arzt ruiniert ihre Gesundheit und ihr Geliebter lässt sie feige im Stich. Was sie schließlich zur Heldin macht, ist ihre Menschlichkeit: Sie kann verzeihen. Sie hält das Leid aus, statt die Welt mit verletztem Stolz und Rachegelüsten düsterer zu machen.

Was hat sie Dich gelehrt?

Man darf nicht zu viel vom Leben erwarten. Es ist nicht immer gut und nur selten gerecht, aber das ist kein Grund am eigenen Schicksal zu verzweifeln. Am Ende trifft Mylia endlich eine  Entscheidung, die ihre eigene ist. Sie befreit sich von der Rolle, die ihr zugeteilt wurde und trifft damit eine bessere Wahl als sich dem Schicksal und seiner Grausamkeit zu ergeben, selbst wenn sie am Ende unschuldig im Gefängnis sitzt.

Was würdest Du sie gerne fragen? Und hast Du vielleicht eine Vermutung, was sie Dir antworten würde?

Was würde sie wohl heute ihrem geliebten Ernst sagen, den sie zuletzt (völlig zurecht) als „Scheißkerl“ und „Trottel“ (236) bezeichnet hat? Meine Vermutung: Sie würde ihm mit einer gesunden Gleichgültigkeit begegnen.

Könntest Du Dir vorstellen, für einen Tag Dein Leben mit ihr zu tauschen? Wenn ja, was würdest Du tun? Und wie gut käme sie wohl mit Deinem Leben klar?

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Autorinnenfoto von Stefanie Schleemilch

Da stelle ich mir Mylia gemeinsam mit meinem Freund am Frühstückstisch vor. Oder bei einem Glas Wein mit meiner besten Freundin, die üblicherweise für hervorragende Buchempfehlungen zuständig ist. Mylia wäre wahrscheinlich überrascht, wie unkompliziert Beziehungen sein können, wenn sie nicht auf Macht basieren. Ich hingegen hätte mit ihrem Leben wohl einige Probleme. Und den „Scheißkerl“ würde ich definitiv verpfeifen.

Vielen Dank, dass Du Dich an meiner Interviewreihe beteiligt hast. Mylia scheint eine so außergewöhnliche und interessante Buchheldin zu sein, dass ich das Buch jetzt auch unbedingt lesen möchte.

Wer mehr über Stefanie Schleemilchs Roman „Letzte Runde“ erfahren möchte, sollte die von ihr gelesene Videoleseprobe auf YouTube ansehen.

Eine Leseprobe aus „Die Versehrten“ von Goncalo M. Tavares findet Ihr >>hier<<.

Und wer nun auch Lust hat, seine Lieblingsbuchheldin oder seinen Lieblingslese- bzw. -schreibplatz vorzustellen, findet >>hier<< alle Infos dazu.

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