Liebling, Schwächling
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Lieblinge und Schwächlinge des ersten Halbjahrs 2016

Hinter mir liegen einige lesereiche Monate. Insgesamt 47 Bücher, eShorts und Hörbücher waren es laut Goodreads in den letzten sechs Monaten. Immerhin 20 davon habe ich für Euch rezensiert.

Es scheint also Zeit, meine bisherige Lesereise noch einmal Revue passieren zu lassen und Euch meine Lieblinge und Schwächlinge in übersichtlicher Form kurz vorzustellen:

Schwächlinge

Ich hatte wirklich Glück mit der Auswahl meiner Lektüre und musste kaum schlechte Bewertungen abgeben. Neben einem einzigen abgebrochenen Hörbuch war das schlechteste, was ich in den vergangenen sechs Monaten vergeben habe, ♥♥ (lesbar). Daneben gab es ganze sechs Mal ♥♥♥ (lesenswert). Die Spanne innerhalb der letzteren Kategorie war aber sehr groß, so dass ich Euch hier nur das Buch nennen werde, das nur knapp einer niedrigeren Bewertung entging.

„Tagebuch der Apokalypse“ von J. L. Bourne

Das Hörbuch „Tagebuch der Apokalypse“ führte mich in die USA in einer recht düsteren, nicht näher bestimmten Zukunft. Eine Art „Grippevirus“ greift darin um sich und lässt die Toten wieder aus ihren Gräbern auferstehen. Der unbekannte Tagebuchschreiber verbarrikadiert sich daher zu Hause, bis ihn der Plan der Regierung, die Großstädte mit Atombomben zu bombardieren, zur Flucht zwingt.

In den USA ist „Tagebuch der Apokalypse“ längst Kult. Mich aber überzeugte es so wenig, dass ich das Hörbuch trotz meines Lieblingssprechers David Nathan abbrach.

Tagebuch der Apokalypse_BeitragsfotoAus meiner Rezension:

[…] die Geschichte ist einfach nichts besonderes und vollkommen austauschbar. J. L. Bourne bedient mit „Tagebuch der Apokalypse“ ein derzeit sehr beliebtes Genre mit festen Regeln, die er auch brav alle beachtet. Das Ergebnis ist zwar eine solide Zombie-Horror-Geschichte; dem Hörbuch fehlt es jedoch ein jeder Originalität.

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„AußerOrdentliche Frauen“ von Dieter Wunderlich

Die Lektüre von „AußerOrdentliche Frauen“ war für mich eine kleine Lesereise in sich. Dieter Wunderlich porträtiert darin insgesamt 18 auf den ersten Blick recht unterschiedliche Frauen, die sich alle über die bestehenden Konventionen und Regeln ihrer Zeit hinwegsetzten. Angefangen bei königlichen Mätressen über Künstlerinnen, Sängerinnen und Schauspielerinnen bis hin zu Politikerinnen und Widerstandskämpferinnen trägt er so ein breites Spektrum weiblicher Lebensläufe zusammen. Leider konnte mich die inhaltliche wie gestalterische Umsetzung nicht überzeugen.

AußerOrdentliche Frauen_Beitragsfoto

Aus meiner Rezension:

Nicht nur wirken die kleine Schrift und der enge Druck optisch wenig ansprechend; auch die stark komprimierte Form des Erzählens, bei der man das Gefühl hat, von Jahreszahlen und Daten regelrecht erschlagen zu werden, sowie der ewig gleiche Satzbau wirken schnell ermüdend auf den Leser.

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„The Catcher in the Rye“ von J. D. Salinger

Eine weitere Reise in die USA – diesmal jedoch in die 50er Jahre – war „The  Catcher in the Rye“. Für mich war es gleichzeitig eine Reise zu einer Kindheitserinnerung. Leider konnte ich nicht so ganz nachvollziehen, warum das Buch als so große Sensation gefeiert wurde und wird.

Catcher in the RyeAus meiner Rezension:

Auch inhaltlich konnte mich „The Catcher in the Rye“ nicht so recht fesseln. Im Grunde schlägt Holden einfach nur Zeit tot. Das ist mal mehr und mal weniger unterhaltsam. Am besten gefielen mir die Momente, in denen er sich über die Verlogenheit und Doppelmoral der Erwachsenenwelt auslässt. In seiner Wut findet er hier sicher zu harte Worte, dennoch fühlte ich mich an meine eigene Pubertät erinnert.

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Lieblinge

Aber wenden wir uns lieber den erfreulichen Dingen zu: Gleich zwei Mal konnte ich im ersten Halbjahr die Bestbewertung von ♥♥♥♥♥ (Lieblingsbuch) geben. Dazu kommen ganze neun Bücher mit ♥♥♥♥ (Buchtipp), von denen ich hier – ähnlich wie bei den Schwächlingen – nur diejenigen aufführen werde, die besonders knapp am Lieblingsbuch vorbei geschrammt sind.

„crystal.klar“ von Dominik Forster

Obwohl mich Dominik Forster in „crystal.klar“ nicht an besonders ferne Orte entführte, gab er mir einen sehr eindrücklichen Einblick in eine Welt, die, obwohl mitten in Deutschland, mir doch so fremd ist. In dem autobiografischen Roman erzählt Dominik Forster, der sich heute für die Drogenprävention einsetzt, in einer sehr authentischen und klaren Sprache von seiner Jugend, die ihn schließlich als Dealer in den Knast führte.

crystakklar_BeitragsfotoAus meiner Rezension:

Nahezu ungefiltert schildert Dominik Forster aus der Sicht seines damaligen Ichs seine Erlebnisse, Gefühle und Gedanken. Das ist bisweilen zwar nur schwer zu ertragen, verfehlt aber nicht seine Wirkung. Selten habe ich eine Autobiografie gelesen, bei der der Autor den Leser so nah an sich heran lässt.

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„Madame Hemingway“ von Paula McLain

Mit „Madame Hemingway“ durfte ich – unterbrochen von einigen Kurztrips nach Spanien – in das Paris der goldenen 20er Jahre. Paula McLain schildert in diesem schönen biografischen Roman die gemeinsamen Jahre von Ernest Hemingway und seiner ersten Ehefrau Hadley. Nachdem mir schon ihr aktueller Roman „Lady Africa“ so zusagte, konnte mich auch dieses ältere Buch überzeugen.

Madame Hemingway BeitragsfotoAus meiner Rezension:

Mit „Madame Hemingway“ legt Paula McLain einen Roman über Zusammengehörigkeit, Freundschaft, gebrochenes Vertrauen, Egoismus und die Zerbrechlichkeit von Glück vor, der mich sehr berührte. Ich fand es interessant und spannend, mich Ernest Hemingway einmal auf eine andere Art anzunähern. Durch die Augen seiner ersten Ehefrau betracht, habe ich einige neue Seiten des Schriftstellers kennengelernt.

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„Die Sehnsucht des Vorlesers“ von Jean-Paul Didierlaurent

Und noch einmal ging es für mich nach Frankreich; diesmal jedoch in die Gegenwart. „Die Sehnsucht des Vorleser“ war eine absolute Zufallsentdeckung für mich. Tatsächlich hätte ich es mir selbst nie gekauft. (Ich bekam es unaufgefordert vom Verlag zugesandt.) Als ich es aber kurz anlesen wollte, habe ich es dann praktisch an einem Stück mehr als zur Hälfte durchgelesen, so bezaubernd fand ich die Geschichte, wie der schüchterne Guylain Vignolles die Liebe findet.

Die Sehnsucht des Vorlesers_BeitragsfotoAus meiner Rezension:

Mit seinem Debüt „Die Sehnsucht des Vorlesers“ gelingt Jean-Paul Didierlaurent eine angenehm kitschfreie, zarte Liebesgeschichte, die mich vor allem durch ihren klugen, erfrischenden Humor und die charmant-sonderbaren Charaktere begeisterte. Die zart melancholisch-poetische Grundstimmung und der kluge Humor verleihen der Geschichte einen gewissen fantastischen Zauber, der mich schon nach wenigen Seiten gleichermaßen zum Schmunzeln und Träumen brachte.

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„Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ von Neil MacGregor

Mit diesem (Hör-) Buch blieb ich wiederum in Deutschland, das ich jedoch aus einer ganz neuen und erfrischenden Perspektive kennenlernte. Der Schotte Neil MacGregor erklärt darin seinen Landsleuten, wie wir Deutschen so ticken. Das macht er so gut und originell, dass ich einiges dazu lernen konnte. Besonderen Charme erhält das Hörbuch durch die zahlreichen O-Töne.

Deutschland Erinnerungen einer NationAus meiner Rezension:

„Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ bietet einen interessante Einblick, in die britische Wahrnehmung Deutschlands. Gleichzeitig legt MacGregor damit eine originelle Weise der Geschichtsbetrachtung vor, bei der er anhand von Objekten, Orte, Erfindungen und Ideen ein interessantes Panorama aus geschichtlichen Fakten und Alltagskultur erschafft.

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„I am China“ von Xiaolu Guo

Wie schon der Name verrät, führte mich dieses Buch von London nach China. Exilschriftstellerin Xiaolu Guo beschreibt darin die dramatische (Lebens-) Geschichte eines fiktiven chinesischen Funkmusikers und das Schicksal seiner großen Liebe. Gleichzeitig thematisiert der Roman den Wert der Freiheit vor den Hintergrund des chinesischen Staatsregimes.

IMG_1309Aus meiner Rezension:

Mit „I am China“ legt Xiaolu Guo ein ebenso vielschichtiges wie mutiges Buch über die Situation chinesischer Künstler unter der von der Regierung auferlegten Zensur vor. Geschickt wird in dem Buch eine Brücke zur westlichen Welt geschlagen, so dass sich der Roman auch ohne besondere Vorkenntnisse erstaunlich leicht und einprägsam lesen lässt.

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„Aya“ von Marguerite Abouet und Clement Oubrerie

Auch „Aya“ ließ mich fremde Welten entdecken und zwar gleich in doppelter Hinsicht: zum einen weil es größtenteils an der Elfenbeinküste spielt und zum anderen weil es meine erste Graphic Novel seit bestimmt 15 Jahren. Der zweite Band war für den LiBeratur Preis 2016 nominiert.

Aya_BeitragsfotoAus meiner Rezension:

„Aya“ ist ein herrlich komischer und poppig-bunter Comicroman, der vor afrikanischer Lebensfreude nur so sprüht. Marguerite Abouet, die selbst in Abidjan aufwuchs und im Alter von 12 Jahren zur schulischen Ausbildung nach Paris kam, entwirft darin ein authentisches Bild von ihrem Afrika fernab aller westlichen Klischees. […] Die Geschichten, in die Aya zusammen mit ihren Freundinnen gerät, sind nicht nur abwechslungsreich und originell. Ich empfand das Buch auch als sehr kurzweilig, weil wirklich ständig etwas neues passierte, das mich abwechselnd in Staunen, Verzückung oder Schrecken versetzte.

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Scheibe-1Wie fällt Eure Halbjahresbilanz aus? Welche neuen Lieblinge habt Ihr entdeckt? Und welches Buch hat Euch so richtig enttäuscht?

Ich freue mich auf Eure Buchtipps!

4 Kommentare

  1. Danke für diesen tollen Beitrag! Es war echt schön, durch deine Tops und Flops zu stöbern.
    Für mich war „Veilchenzauber“ von Isabella Muhr mein ein totaler Flop… Statt einer schönen Geschichte gabs eine Protagonistin, die im Selbstmitleid versinkt…
    Eins meiner Highlights dagegen war „Glück ist, wenn man trotzdem liebt“ von Petra Hülsmann. Es hat mich zum Lachen gebracht und man musste die Protagonisten einfach mögen 🙂

    Liebe Grüße
    Jasmin von http://buch-leben.blogspot.de

    • Kerstin Scheuer sagt

      Hallo Jasmin,
      Deine Kritik an „Veilchenzauber“ kann ich nachvollziehen. Ich kenne das Buch zwar nicht, aber ich mag auch keine ewig jammernden Protagonistinnen.
      Von Petra Hülsmann will ich ja auch schon länger mal etwas lesen. Vielleicht fange ich ja mit „Glück ist, wenn man trotzdem liebt“ an.
      Alles Loebe.
      Kerstin

  2. Ich habe in der ersten Hälfte des Jahres wirklich einige tolle Bücher gelesen, müsste ich die Lesehöhepunkte konkret benennen, dann fallen mir sofort „The Improbability of Love“ von Hannah Rothschild und „The Girls“ von Emma Cline ein. Zwei absolut grandiose Bücher.

    Eine neue große Liebe in Sachen Krimi-Reihe habe ich auch gefunden: Die Dr. Siri-Reihe von Colin Cotterill, einfach mal etwas ganz anderes und einfach mal richtig toll (spielt in den 1970er Jahren in Laos).

    Richtig mies fand ich dafür „Maestra“ von L. S. Hilton.

    Ja, sehr Krimi-lastig, aber ich bin einfach auch ein passionierter Krimi-/Thriller-Leser. 😉

    • Kerstin Scheuer sagt

      Hallo Cornelia,
      von „The Girls“ habe ich jetzt schon so viel Gutes gehört. Das kommt auf meine Leseliste.
      Auf die „Dr. Siri“-Reihe würde ich erst gestern aufmerksam. Ich finde das klingt wirklich mehr als interessant. Jetzt, wo Du es als einen Deiner Lieblinge bezeichnest, erst Recht.
      Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag.
      Kerstin

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