3 Herzchen, Rezension, Roman
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Rezension #132: „The Catcher in the Rye“ von J.D. Salinger

Ich erinnere mich noch gut an das Bücherregal meiner Mutter, als ich noch ein Kind war. (Eigentlich war es mehr ein Bücherschrank, denn es bzw. er hatte Türen.) Dahinter fand sich ein wunderbar ungeordnetes Sammelsurium, das diesen typischen Geruch alter Bücher verströmte. Ich habe gerne davor gestanden, die Bücher bestaunt und eine Weile geschmökert.

Nur bei einem Buch meinte meine Mutter stets: „Das ist nichts für Dich.“

Dieses Buch hatte die grobe Zeichnung eines jungen behelmten Soldaten auf dem Cover. (Jedenfalls hielt ich es damals für einen Soldaten.) Der Titel lautete „Der Fänger im Roggen“. Ich kam nie dazu auch nur wenigstens den Klappentext zu lesen, weil es mir meine Mutter stets sofort aus der Hand nahm. Aber in meiner Fantasie hatte ich dank der Zeichnung eine ziemliche genaue Vorstellung, worum es darin ging: um die Schrecken des Krieges natürlich. „Der Fänger“ war ein erbarmungsloser Feind, vor dem der junge behelmte Soldat durch ein Roggenfeld floh. Meine Mutter hatte Recht, dachte ich mir, Kriegsbücher sind wirklich nichts für mich.

Mit den Jahren habe ich es dann fast vergessen, bis im letzten Jahr J. D. Salingers Biografie erschien und sowohl der Autor als auch sein berühmtestes Werk plötzlich wieder überall zu finden waren. Ich las, dass das Buch lange indexiert war und sich später sowohl der Mörder John Lennons als auch Charles Manson auf „The Catcher in the Rye“ berief. Das machte mich schließlich doch neugierig. Ohne mich genauer mit dem Inhalt beschäftigt zu haben, besorgte ich mir eine englischsprachige Ausgabe, die viel leichter zu lesen war, als ich es von einem in den 50er Jahren entstandenen Klassiker erwartet hatte. (Lediglich nach der Anspielung auf das englischsprachiges Kinderlied, nachdem das Buch auch seinen Titel hat, musste ich googeln.)

Aber wie schon so oft in meinem Erwachsenenleben musste ich feststellen, dass meine Mutter letztlich doch Recht hatte. Das Buch ist tatsächlich nichts für mich. Allerdings liegen die Gründe dafür ganz anders, als ich sie mir einst selbst zusammenreimte.

Letztlich war wohl genau das der Hauptgrund dafür, dass ich „The Catcher in the Rye“ so wenig abgewinnen konnte: ich hatte vollkommen falsche Vorstellungen und Erwartungen von diesem Buch. Weder kommen in „Der Fänger im Roggen“ Soldaten vor noch handelt das Buch vom der Fluch vor dem Krieg.
Die Zeichnung auf der Ausgabe meiner Mutter zeigt – das ist mir nun klar – gar keinen Soldaten sondern den jugendlichen Ich-Erzähler Holden. Und dieser trägt auch keinen Helm, sondern eine Jagdmütze, die er sich als Zeichen der Ablehnung der seiner Meinung nach so verlogenen Erwachsenenwelt mit ihrer ewigen Doppelmoral stets falsch herum aufsetzt.

„The Catcher in the Rye“ beschreibt vier Tage im Leben eines recht typischen Pubertierenden. Es geht um Mädchen und die Suche nach der eigenen sexuellen Identität, die Abgrenzung von den Eltern und natürlich die Schule. Vor allem letzteres sieht für Holden nicht allzu gut aus, denn gleich zu Beginn des Buchs erfährt man, dass Holden einmal mehr nicht versetzt wird und sein Internat deshalb verlassen muss. Weil er aber zu feige ist, um dies seinen Eltern selbst mitzuteilen, schlägt er die Zeit, bis der entsprechende Brief der Schulleitung zu Hause ankommt, alleine tot. Während Holden reichlich ziellos und etwas verloren durch seine Heimatstadt New York zieht, erfährt der Leser viel über die so chaotische Gefühls- und Gedankenwelt des jugendlichen Ausreißers. Es wird eine Menge Geflucht und Geschimpft und an mehreren Stellen musste ich amüsiert schmunzeln oder fühlte mich an meine eigene Pubertät erinnert.

Eine wirkliche Entwicklung konnte ich aber lange Zeit leider nicht feststellen. Erst am Ende des Romans kommt Holden in eine Situation, in der er plötzlich sein Verhalten ändert und zum ersten Mal eine wirklich erwachsene Entscheidung trifft. Bis dahin aber ist „The Catcher in the Rye“ zwar nett und zumindest phasenweise durchaus unterhaltsam zu lesen, aber eben auch leider nicht mehr. All dieses frustrierte Geschimpfe wurde mir irgendwann viel und langweilte mich ab einem bestimmten Punkt einfach nur noch.

So wirklich nachvollziehen kann ich es nicht, warum „The Catcher in the Rye“ als so große literarische Offenbarung gefeiert wurde.

Für mich las es sich wie ein typischer Coming off Age-Roman. Für die damalige Zeit mag der inflationäre Gebrauch der Worte „goddamn“ und „fuck“ zwar ein echter Aufreger gewesen sein. Für den heutigen Leser ist Salingers Sprache aber doch recht harmlos.
Auch inhaltlich konnte mich „The Catcher in the Rye“ nicht so recht fesseln. Im Grunde schlägt Holden einfach nur Zeit tot. Das ist mal mehr und mal weniger unterhaltsam. Am besten gefielen mir die Momente, in denen er sich über die Verlogenheit und Doppelmoral der Erwachsenenwelt auslässt. In seiner Wut findet er hier sicher zu harte Worte, dennoch fühlte ich mich an meine eigene Pubertät erinnert.

Trotz aller Enttäuschung bin ich doch auch froh, „Der Fänger im Roggen“ endlich gelesen zu haben. Damit konnte ich nicht nur eine Bildungslücke schließen sondern auch eines der Geheimnisse meiner Kindheit lüften. Nur eines ist mir noch immer nicht klar: Warum wollte meine Mutter auch, als ich längst selbst Teenager war, nicht, dass dieses Buch lese? Ich bin mir sicher, damals hätte ich wesentlich mehr damit anfangen können als heute.

Bewertung: ♥♥♥ lesenswert

Titel: The Catcher in the Rye ♦ Autor: J. D. Salinger ♦ Verlag: Little, Brown and Company ♦ Format: Taschenbuch ♦ Umfang: 234 Seiten ♦ ISBN: 978-0-316-76948-8

The Catcher in the Rye

The Catcher in the Rye
5.34

Einstieg

6/10

    Handlungsverlauf

    4/10

      Charaktere

      6/10

        Schluss

        4/10

          Verständlichkeit der Sprache

          7/10

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