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Rezension #130: „Aya“ von Marguerite Abouet und Clement Oubrerie

„Ein Comic?!“ fragte mein Bruder leicht ungläubig, als er mich am letzten Wochenende mit „Aya“ auf dem Balkon sitzen saß. „Aber so, wie ich Dich kenne, trügt der Schein.“ Damit hatte er gleichzeitig Recht und Unrecht.

Natürlich ist „Aya“ eine klassische Graphic Novel und gehört damit zu einem Genre, mit dem ich mich zuletzt vor etwa 15 Jahren beschäftigte, als ich „Barfuss durch Hiroshima“ (übrigens auch sehr empfehlenswert) las. Andererseits hat es aber nur wenig mit jenen Geschichten zu tun, die mir und den meisten anderen  beim Begriff „Comic“ sofort durch den Kopf schießen: „Superman“, „Batman“, „The Walking Dead“ oder „Lucky Luke“. „Aya“ sprüht nur so vor afrikanischer Lebensfreude und zeigt dem Westen, dass Afrika deutlich mehr zu bieten als Aidswaise, Hungersnöte, Seuchen und Bürgerkrieg.

Worum geht es?

Aya_CoverAbidjan (Elfenbeinküste), Ende der 70er Jahre: Aya und ihre beiden Freundinnen Bintou und Adjoua sind 19 Jahre und stehen kurz vor dem Abitur. Doch während Bintou und Adjoua keine Party auslassen, um möglichst schnell einen geeigneten Ehemann zu finden, träumt Aya von einem Medizinstudium. Nur ihr Vater hat andere Pläne und würde sie gerne mit Moussa, dem Sohn seines Chefs, verheiraten. Der ist jedoch ein echter Frauenheld und so ziemlich das letzte, was Aya gebrauchen kann. Richtig kompliziert wird das Ganze aber erst, als Bintou anfängt, mit Moussa auszugehen und Adjoua unerwartet schwanger wird, ohne so ganz genau zu wissen, wer der Kindesvater sein könnte. Als dann auch noch plötzlich die Geliebte von Ayas Vater mit den zwei gemeinsamen Kindern auftaucht und Bintous Vater sich eine Zweitfrau im Alter seiner Tochter nehmen möchte, ist Ayas ganzes diplomatisches Können gefordert.

Wie hat es mir gefallen?

„Aya“ ist ein herrlich komischer und poppig-bunter Comicroman, der vor afrikanischer Lebensfreude nur so sprüht. Marguerite Abouet, die selbst in Abidjan aufwuchs und im Alter von 12 Jahren zur schulischen Ausbildung nach Paris kam, entwirft darin ein authentisches Bild von ihrem Afrika fernab aller westlichen Klischees. Die drei jungen Frauen schlagen sich mit den gleichen Problemen herum wie wohl überall auf der Welt. Es geht um Haare, Klamotten, Jungs, Parties und die viel zu spießigen Eltern, die natürlich überhaupt nichts kapieren.

Tatsächlich tritt der Generationenkonflikt in „Aya“ immer wieder in den verschiedensten Formen zu Tage. Nicht nur Aya selbst muss immer wieder Kämpfe ihrem Vater ausfechten, der sie lieber reich verheiraten als studieren lassen würde. Auch die unterschiedlichen Reaktionen von Aya und ihrer Mutter auf die Geliebte des Vaters und deren beiden Kinder, macht deutlich, dass die junge Generation nicht mehr bereit ist, die Regeln des Patriarchats unreflektiert zu übernehmen. Besonders positiv überrascht war ich aber, dass auch das in Afrika schwierige Thema der Homosexualität aufgegriffen wird. Marguerite Abouet zeigt ebenso eindrücklich wie unterhaltsam die Schwierigkeiten junger homosexueller Männer, in einer Gesellschaft, die viele Kinder und mehrere Ehefrauen noch immer als Zeichen des Reichtums bei einem Mann ansieht, zu ihrer eigenen Neigung zu stehen. Die Umverkrampftheit, mit der in „Aya“ auf dieses Thema eingegangen wird, beeindruckte mich sehr.

Probleme wie beispielsweise die große Armut der ländlichen Bevölkerung werden dabei jedoch nicht vollkommen außer Acht gelassen. So lernt der Leser bzw. die Leserin etwa auch Felicite, das Hausmädchen von Ayas Familie kennen, dass ihr Vater schon als kleines Mädchen verkaufte, weil er es nicht selbst ernähren konnte, oder auch Herve, den Cousin von Bintou, der in die Stadt geschickt wurde, um Geld für seine Familie zu verdienen, seitdem aber reichlich ziel- und perspektivlos ohne Schulabschluss oder Ausbildung in den Tag lebt. Diese bleiben jedoch reine Nebenschauplätze, die nicht den Kern der Geschichte ausmachen. Es ist, als wollte Marguerite Abouet damit sagen „Ja, es gibt all die Probleme, die der Westen mit Afrika verbindet, aber schaut doch mal, wie viel mehr es hier noch zu entdecken gibt.“

Aya Seitenschnitt

Die Geschichten, in die Aya zusammen mit ihren Freundinnen gerät, sind nicht nur abwechslungsreich und originell. Ich empfand das Buch auch als sehr kurzweilig, weil wirklich ständig etwas neues passierte, das mich abwechselnd in Staunen, Verzückung oder Schrecken versetzte. Auch die Zeichnungen von Clement Oubrerie tragen zu diesem Eindruck bei. Die farbenfrohen Gewänder der Frauen und ihre verschiedenen Cornrows und Braids untermalen herrlich die afrikanische Lebensfreude. Selbst aus der Körperhaltung seiner Figuren spricht eine positive Energie und Lebenseinstellung, die sich vollkommen natürlich mit der Geschichte verbindet und ihre Aussage unterstreicht.

Auch die Gestaltung des Buchs konnte mich überzeugen. Das schwere Papier und der feste Hardcovereinband mit dem Lesebändchen wirken sehr hochwertig. Auch der Anhang mit Begriffserläuterungen, typischen Rezepten und Hinweisen zur Bedeutung der verschiedenen Muster der Tücher, die die jungen Frauen tragen, ist liebevoll gestaltet und runden das tolle Leseerlebnis ab.

Insgesamt ist „Aya“ eine sehr stimmige und absolut gelungene Graphic Novel mit jeder Menge afrikanischer Lebensfreude, an der ich viel Spaß hatte. Der zweite Band ist vollkommen zu Recht für den LiBeratur Preis 2016 nominiert. Meine Stimme im abschließenden Voting ist dem Buch sicher.

Wie hoch ist der „starke Frauen“-Faktor?

Inspirierende Frauen mit Vorbildcharakter finden sich in „Aya“ gleich mehrere:

Allen voran ist hier natürlich Aya selbst mit ihrer bemerkenswerten Zielstrebigkeit zu nennen. Sie hält ein Studium für wichtiger als schlicht einen „guten“ (soll heißen „reichen“) Ehemann zu finden. Für diese Überzeugung überwirft sie sich sogar nicht ihrem Vater als Familienoberhaupt, der andere Pläne mit seiner Tochter hat. Auch für andere setzt sich Aya gerne und meist sehr erfolgreich ein. So verhilft sie beispielsweise Herve nicht nur zu einem ersten Date sondern sorgt auch noch gleich dafür, dass er sein Leben in beruflicher Hinsicht in den Griff bekommt, in dem sie ihm sanft aber bestimmt in Gewissen redet. Hierin liegt ihre eigentliche Stärke: Aya ist ein gute Zuhörerin, weiß immer Rat und reicht gerne eine helfende Hand, wenn sie merkt, dass jemand ihre Unterstützung benötigt. So nimmt sie Adjoua vollkommen selbstverständlich das Kind ab, wenn diese arbeiten geht, und animiert auch Bintou immer wieder dazu, ihre Freundin zu unterstützen.

Aya aufgeschlagen

Aber auch Adjoua macht eine bemerkenswerte Entwicklung durch. Wie sie sich vom leicht naiven Partymäuschen zur toughen, alleinerziehenden Geschäftsfrau mausert, beeindruckte mich. Vom Kindesvater fordert sie sehr bestimmt und selbstbewusst nicht nur finanzielle sondern auch gleich persönliche Unterstützung. Ein gemeinsames Leben mit dem Schürzenjäger lehnt sie jedoch ab.
Schließlich bewiesen selbst die Mütter von Aya und Bintou, dass sie sich von ihren Ehemännern nicht alles gefallen lassen. Als die vermeintlichen Patriarche mit ihren Zweitfrauen aufkreuzen, fügen sich die Ehefrau nicht einfach in ihr Schicksal, wie es von ihnen erwartet wird. Unmissverständlich machen sie deutlich, wo ihre Grenzen sind – was sie gerade noch tolerieren können und was vollkommen inakzeptabel für sie ist.

Aya_CoverTitel: Aya ♦ Autorin: Marguerite Abouet ♦ Zeichner: Clement Oubrerie ♦ Übersetzung: Kai Wilksen ♦ Handlettering: Dirk Rehm ♦ Format: Hardcover ♦ Verlag: Reprodukt ♦Umfang: 360 Seiten ♦ ISBN: 978-3-95640-001-8 ♦ Preis: 39,-€ ♦ Leseprobe 

Aya

Aya
9.18

Einstieg

9/10

    Handlungsverlauf

    9/10

      Charaktere

      9/10

        starke Frauen

        9/10

          Zeichnungen

          9/10

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