5 Herzchen, Liebling, Rezension, Roman, starke Frauen
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Rezension #127: „I am China“ von Xiaolu Guo

„I am China“ von Xiaolu Guo ist ein Buch-Souvenir aus Singapur und schon jetzt eines meiner Lesehighlights des Jahres. Anders als das bunte, verspielte Schmetterlingscover vermuten lässt, besitzt dieses Buch politische Sprengkraft.

Die seit 2002 in Großbritannien lebende Schriftstellerin und Regisseurin verarbeitet in „I am China“ u.a. ihre eigenen Erlebnisse mit der chinesischen Zensur, mit der sie bereits als junge Filmstudentin in Konflikt geriet. Nicht zuletzt deswegen wirken ihre Schilderungen so authentisch und bleiben für den/die westliche/n LeserIn gleichzeitig leicht verständlich. Es ist ihr Abschiedsbrief an China – ein Land, das Xiaolu Guo ebenso wie ihr Protagonist Kublai Jian stets als Gefängnis empfand, in dem weder politische noch persönliche Freiheit möglich zu sein scheint.

Worum geht es?

Dolmetscherin Iona Kirkpatrick erhält den Auftrag eine Mappe mit chinesischen Briefen und Tagebucheinträgen zu übersetzen. Darin stößt sie auf eine dramatische Liebesgeschichte vor einem hochpolitischen Hintergrund. Bald schon liegt Iona weitaus mehr am Schicksal des chinesischen Punkmusikers Kublai Jian und seiner großen Liebe Deng Mu als rein berufliches Interesse. Aber kann sie dem Paar, das sich beinahe unaufhaltsam von einander zu entfernen scheint, tatsächlich helfen, bevor es endgültig zu spät ist?

Wie fand ich…

…den Einstieg?

Xiaolu Guo beginnt „I am China“ mit einem Brief Jians an Mu. Man erführt, dass Jian und Mu getrennt sind und er ihr nicht verraten kann, wo er sich aufhält. Auch erzählt er von seinen Erlebnissen im Zusammenhang mit den Studentenprotesten auf dem Pekinger Tiananmen-Platz, die zuerst von der Volksarmee blutig niedergeschlagen und dann von der chinesischen Regierung tot geschwiegen wurden. Bereits hier wird klar, dass „I am China“ keineswegs der harmlose Liebesroman ist, den das Schmetterlingscover meiner englischen Ausgabe vermuten lässt. Die bereits hierin anklingenden regierungskritischen Töne lassen eine gewisse politische Brisanz erahnen.

Danach macht die Handlung sowohl räumlich als auch zeitlich einen Sprung und man lernt die Übersetzerin Iona Kirkpatrick kennen, die an der Übersetzung des gerade gelesenen Textes arbeitet. So entsteht ein Bezug zu unserer westlichen Lebenswirklichkeit. Ich konnte mich so leichter in die Handlung einfinden, als es bei einem rein chinesischen Setting der Fall gewesen wäre.

…den Handlungsverlauf?

Anhand der Briefe und Tagebucheinträge enthüllen sich dem Leser / der Leserin nach und nach die Lebensgeschichten von Kublai Jian und Deng Mu, die das ein oder andere dunkle Geheimnis enthalten. Stück für Stück fügt sich ein Puzzleteil in das nächste. Mehr als einmal erlebte ich Überraschungen, ungeahnte Wendungen und machte spannende Entdeckungen.

Dabei dient Iona Kirkpatricks Übersetzungsarbeit als die Handlung zusammenhaltendes Element. Ich fand diesen Trick auch deshalb sehr gelungen, weil der Roman durch Ionas Recherchen zu den historischen, politischen und kulturellen Hintergründen des gerade übersetzten wesentlich dazu beitragen, „I am China“ auch für den westlichen Leser / die westliche Leserin ohne besondere eigene Vorkenntnisse verständlich zu halten. Immer wenn ich über eine mir unverständliche Andeutung in einem der Briefe stolperte, googelte Iona für mich nach den relevanten Details. Mir erleichterte es die Lektüre sehr, dass ich mir diese Zusammenhänge nicht selbst erarbeiten musste, sondern „mitgeliefert“ bekam. Auch wenn die Dokumente nicht chronologisch geordnet übersetzt werden und die Handlung daher zeitlich stark springt, fand ich mich immer mühelos zu Recht, da Iona im Anschluss meist selbst die notwendige Einordnung des gerade gelesenen bzw. übersetzten in den Gesamtkontext vornimmt.

Dabei gelingt es Xiaolu Guo so subtil vorzugehen, dass ich mich nicht bevormundet, unnötig belehrt oder als ungebildet abgestempelt fühlte.

Aber man lernt Mu und Jian nicht nur indirekt durch ihre Briefe und Tagebucheinträge kenne. In den Entwurf der Handlung werden immer wieder Kapitel eingestreut, die von Jian und Mu erzählen und sie als aktiv handelnde Personen zeigen. Dies lässt die Erzählung erfrischend lebendig werden und nicht zu einem reinen Aktenstudium verkommen.

…die Charaktere?

Xiaolu Guo entwirft in „I am China“ vielschichtige und sehr glaubwürdige Charaktere. Durch die in die Handlung eingeflochtenen Tagebuchenträge erhält man einen tiefen Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelten von Jian und Mu, die mir auf diese Weise trotz der kulturellen Distanz emotional sehr nahe kamen. Auch Iona lernt man im Laufe des Buchs sehr gut kennen. Besonders schön fand ich, dass man bei ihr eine echte Charakterentwicklung feststellen kann. Erlebt man sie zu Beginn noch sehr passiv als zurückgezogen lebende Büchernärrin, die ausschließlich die Rahmenhandlung bildet, findet sie später zunehmend einen Weg in ein aktives Leben und wird so schließlich selbst Teil der eigentlichen Haupthandlung.

Auch die in beiden Kulturen sehr unterschiedlichen Konzepte von Liebe und Freiheit werden in den drei Hauptcharakteren gut deutlich.

…den Schluss?

„I am China“ blieb bis zuletzt spannend. Selbst auf den letzten Seiten konnte ich das Ende noch nicht ganz voraus ahnen. Dass dann – ganz wie im wahren Leben – auch noch nicht alles gut ausgeht und gleichzeitig durchaus positive Veränderungen in Ionas bis dahin so einsamen Leben angedeutet werden, traf genau meinen Geschmack.

In Bezug auf Jian und Mu werden alle im Laufe des Buchs aufgeworfenen Fragen auserzählt und beantwortet. Was jedoch Ionas Zukunft und die Veröffentlichung des von ihr übersetzten Materials angeht, bleibt dies bis zum Schluss von „I am China“ offen. Dass hier Raum für die eigenen Interpretationen des Lesers / der Leserin gelassen werden empfand ich nicht als Nachteil sondern durchaus angenehm.

Besiegelt scheint hingegen das Schicksal Chinas, von dem Mu schreibt

„I gave all and now I am nothing.“

Und auch Jian resümiert

„I am China. We are China. The people. Not the state.“

…die Gestaltung?

„I am China“ ist ansprechend gestaltet. Jedem Teil ist das Zitat eines chinesischen Philosophen einer anderen Dynastie vorangestellt, das jeweils in verschiedenen Sprachen abgedruckt ist. Im Text finden sich zudem Auszüge der Handschriften, die Iona übersetzen soll sowie vereinzelte Fotos. Auch das Cover von Kublai Jians erfolgreichstem Album „Yuan vs. Dollar“ wird gezeigt. Als ich an dieser Stelle ankam, macht die Gestaltung des Buchs einen so authentischen Eindruck auf mich, dass ich tatsächlich nach Jian und seiner Musik googelte. (Es gab ihn aber natürlich nicht.)

Die liebevolle Gestaltung verleiht "I am China" zusätzliche Authentizität.

Die liebevolle Gestaltung verleiht „I am China“ zusätzliche Authentizität.

Dank der „Blick ins Buch“-Funktion der Homepage des Knaus Verlags kann ich Euch übrigens sagen, dass im Druck der deutschen Übersetzung die Gestaltung des von mir gelesenen englischen Buchs übernommen wurde.

…die Sprache?

Wie bereits angedeutet, habe ich „I am China“ im englischen Original gelesen. Ich lese öfter englische Bücher und bin auf einem guten mittleren Sprachniveau. Ich hatte keine inhaltlichen Verständnisprobleme. Bis auf den sporadischen Auszüge aus Mus Gedichten war „I am China“ war mich gut verständlich und angenehm lesbar. Wer bereits etwas geübt im Lesen englischer Bücher ist, wird keine Probleme mit „I am China“ haben. Für alle anderen gibt es, wie ebenfalls bereits erwähnt, eine deutsche Übersetzung im Knaus Verlag, über deren Qualität ich aber nichts Näheres sagen kann.

Wie hoch ist der „starke Frauen“-Faktor?

„I am China“ ist vor allem ein Buch von einer starken Frau. Xiaolu Guo hat hierin viele persönliche Erlebnisse verarbeitet.

Als Kleinkind wuchs sie hauptsächlich bei ihren Großeltern in einem kleinen Fischerdorf auf. Ihr Vater, ein Maler, wurde während der Kulturrevolution lange Zeit interniert, gab das Malen jedoch trotzdem nie auf. Mit Anfang Zwanzig zieht Xiaolu Guo nach Peking, wo sich an einer Filmhochschule einschreibt. Durch die harte chinesische Zensur gelingt es ihr aber nicht, einen eigenen Film zu veröffentlichen. Nach ihrem Abschluss schreibt sie Drehbücher für das chinesische Fernsehen, die zur ihrer großen Frustration aber in der Bedeutungslosigkeit versinken. Zunehmend fühlt sich Xiaolu Guo von der chinesischen Zensur in ihren künstlerischen Möglichkeiten beschnitten. Daher wählt sie schließlich freiwillig das britische Exil. In den ersten Jahren pendelt sie viel zwischen London und China. Für Xiaolu Guos Arbeit bedeutet dies eine ständige Gratwanderung, denn allzu kritisch darf sie nicht äußern, wenn sie nicht riskieren will, die Einreise zu verwährt bekommen. Dennoch geraten ihre Publikationen in China schnell unter Beobachtung und landen auf dem Index. Weder ihre Filme noch ihre Bücher werden in China verkauft. Xiaolu Guo beschließt daraufhin gleich in Englisch zu schreiben.

„I am China“ bezeichnet sie selbst als ihren „Abschiedsbrief an China“. Nach ihrer eigenen Aussage soll es ihr letztes Buch über China werden. Tatsächlich kann es als Ende ihres Abnabelungsprozesses von China gelesen werden. Sie rechnet nicht mehr damit, ihr Heimatland nun noch einmal besuchen zu dürfen.

Wie gefiel mir das Buch insgesamt?

Mit „I am China“ legt Xiaolu Guo ein ebenso vielschichtiges wie mutiges Buch über die Situation chinesischer Künstler unter der von der Regierung auferlegten Zensur vor. Geschickt wird in dem Buch eine Brücke zur westlichen Welt geschlagen, so dass sich der Roman auch ohne besondere Vorkenntnisse erstaunlich leicht und einprägsam lesen lässt. Xiaolu Guo legt sehr viel ihrer eigenen bewegten Biografie in die Figuren ihres Roman, der dadurch besonders dicht und authentisch wird. Das zeigt spannende Einblicke in ein so widersprüchliches und uns so fremdes Land und enthüllt die Schattenseiten der kommunistischen Herrschaft. Mich hat „I am China“ sehr beeindruckt und bewegt. Ich kann bereits sagen, dass es eines meiner Lesehighlights des Jahres sein wird.

Bewertung: ♥♥♥♥♥ Lieblingsbuch!

Titel: I am China ♦ Autorin: Xiaolu Guo ♦ Verlag: Vintage Books ♦ Format: Taschenbuch ♦ Umfang: 371 Seiten ♦ ISBN: 9780099583738


Die deutsche Übersetzung von Anne Rademacher ist unter dem Titel „Ich bin China“ als Hardcover-Buch (ISBN: 978-3-8135-0607-5) sowie als eBook (ISBN 978-3-641-15029-7) im Knaus Verlag erschienen.

I am China

I am China
9.14

Einstieg

9/10

    Handlungsverlauf

    9/10

      Charaktere

      9/10

        Schluss

        9/10

          starke Frauen-Faktor

          10/10

            2 Kommentare

            1. Hallo liebe Kerstin,
              Du hast mich mit Deiner Rezension sehr neugierig gemacht. Ich finde es ein spannendes Thema und habe auch bisher leider nichts vergleichbares aus der chin. Richtung gelesen, in dem es um die Unterdrückung der Meinungsfreiheit geht. Das Buch passt in jedem Fall wunderbar in Deine Reihe zu starken Frauen und wandert gleich mal auf meine Leseliste. Wenn würde ich die englische Version lesen, weniger die deutsche und Du sagst ja, dass es sich gut lesen lässt!

              Danke für den Einblick & ein schönes, langes Wochenende
              Kati

            2. Pingback: [Die Sonntagsleserin] Mai 2016 | Phantásienreisen

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