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Rezension #126: „Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie

Mit „Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie habe ich im März endlich auch das erste Buch des ZEIT-Kanons des jungen Jahrhunderts gelesen. Als hätte ich bereits etwas geahnt, hatte ich mit als Ansporn für die wunderschöne Ausgabe der Büchergilde Gutenberg entschieden. Tatsächlich hatte ich diesen dann an manchen Stellen auch nötig, denn „Americanah“ verlangte mir einiges ab. Es ist unbequem und zehrte bisweilen an meinen Nerven. Dennoch ist Chimamanda Ngozi Adichie mit „Americanah“ ein ebenso wichtiges wie ehrliches Buch gelungen, das einen ungeschulten und authentischen Einblick gibt, was es im heutigen Amerika heißt, farbig und noch dazu eine Frau zu sein.

Worum geht es?

Obwohl in den USA erfolgreiche und angesehene Akademikerin kehrt Ifemelu in ihre Heimat Lagos und zu ihrer großen Liebe Obinze zurück, ohne zu wissen, ob diese tatsächlich eine zweite Chance bekommen wird.

Vor mehr als 10 Jahren wanderte sie für ihr Studium aus und schaffte es, auch danach weiter Fuß zu fassen. Dennoch verließ sie ihr Heimweh nie ganz, denn in Amerika wurde sie sich auch zum ersten Mal  ihrer eigenen Hautfarbe bewusst. Immer wieder erfuhr Ifemelu, dass man ihr automatisch eine niedrigere gesellschaftliche Position zuschreibt.

Aber auch Obinze führt zwischenzeitlich ein eigenes Leben. Nachdem seine Auswanderung nach England scheiterte, wurde er in Nigeria zum erfolgreichen und wohlhabenden Geschäftsmann.

Wie fand ich…

…den Einstieg?

Zu Beginn von „Americanah“ erlebt man Ifemelu, wie sie sich kurz vor ihrer Abreise nach Nigeria in einem Afro-Frisörladen die Haare flechten lässt. Dabei blickt sie auf ihren bisherigen Lebensweg zurück.

Es dauerte gut 100 Seiten, bis ich richtig in das Buch fand. Die größte Schwierigkeit hatte ich damit, ein genaues Bild von Ifemelu zubekommen. In der Anfangsszene blickt sie mit einiger Geringschätzung auf die sie frisierende Dame, die noch nicht ganz in den USA angekommen zu sein scheint. Fast schien es mir, als hielte sich die gut integrierte Ifemelu für etwas besseres. Es gelang mir zunächst nicht, diese Einstellung mit ihrer Entscheidung, nach Nigeria zurückzukehren, in Einklang zu bringen. Erst später wurde mir klar, dass Ifemelus bisherige negative Erfahrungen mit dem versteckten Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft sie in einigen Punkt hart gemacht hat und sie sich von der erst vor kurzem ausgewanderten Friseurin an ihre eigene Naivität erinnert fühlt.

Meiner Meinung tat sich Adichie mit diesem unvermittelten Einstieg keinen besonders großen Gefallen. Ich hätte mir gewünscht, zunächst etwas mehr abgeholt und in Ifemelus Gefühlswelt eingeführt zu werden.

…die Sprache?

Für eine heutige Mittdreißigerin erzählt Adichie in einer etwas unzeitgemäßen Sprache. Dies ließ mich zu Beginn fälschlicher Weise vermuten, „Americanah“ spiele nicht in der heutigen Zeit sondern bereits vor einigen Jahrzehnten. Erst die Erwähnung Ifemelus Smartphone und ihres Blogs korrigierte mich in diesem Punkt.

Durch die heute eher ungebräuchlichen Ausdrücke ist „Americanah“ nicht so flüssig lesbar wie andere Werke noch junger SchriftstellerInnen. Auf mich wirkte die Sprache ein wenig zu künstlich, zu gewollt akademisch und unnötig sperrig.

Ich vermute jedoch, dass dieser Eindruck nicht an der Übersetzung liegt, sondern bereits in der englischsprachigen Originalfassung zu finden ist. An einigen Stellen erwähnt Adichie die Unterschied zwischen dem Englisch, das in Nigeria gesprochen wird, und dem der Amerikaner. Diese sprachlichen Unterschiede machte Adichie für ihre LeserInenn schließlich auch durch der in „Americanah“ verwendeten Sprache selbst erfahrbar.

…die Handlung?

Eingebettet in die oben geschilderte Rahmenhandlung erzählt Adichie unterbrochen von gelegentlichen Einschüben aus der Gegenwart weitestgehend chronologisch. Dabei verfolgt sie nicht nur Ifemelus Weg in den USA sondern zeichnet auch Obinzes Leben nach. Im letzten Drittel des Buchs werden alle Stränge schließlich zusammengeführt und man erlebt Ifemelu nach ihrer Rückkehr nach Nigeria, wo sie auch Obinze wieder sieht.

Trotz einer sehr bewegten, vielschichtigen Handlung fand ich mich mühelos innerhalb der Geschichte zurecht. Es fiel mir stets leicht, die Orientierung behalten und die notwendigen Zusammenhänge herzustellen.

…die Charaktere?

Wie schon erwähnt, fiel es mir nicht leicht, ein genaues Bild von Ifemelu zu bekommen. Auch später strapazierte sie immer wieder meine Nerven. Aus beinahe allem macht Ifemelu einen Rassenkampf, bei dem sie sich selbst  diskriminiert und benachteiligt darstellt. Manchmal erschien sie mir ein wenig überempfindlich und ihre Interpretationen zu weit hergeholt. Dann wurde ich schrecklich ungeduldig – ob nun mit Ifemelu oder mit mir, ist mir selbst nicht ganz klar -, weil ich ihre Gedanken und Gefühle einfach nicht ganz nachvollziehen konnte. Diese heftigen Reaktionen ließen erst nach, als es mir gelang, Ifemelus Wahrnehmungen schlicht zu akzeptieren, ohne sie bis ins Detail „überprüfen“ zu müssen.
Mit dieser veränderten Einstellung zum Text änderte sich schließlich auch meine Lesart. Plötzlich war ich erschüttert und erschöpft zugleich von der überall mehr oder weniger gut versteckt zu Tage tretenden rassistischen Diskrimierung. Überall schien die „weiße“ Art den Maßstab zu bilden. Obwohl ich mich selbst immer als offenen und toleranten Menschen sah, erkannte ich durch Ifemelu, dass auch ich in einigen Bereichen nicht einmal eine andere Art als meine (weiße) Sichtweise für möglich hielt. Ifemelus Darstellungen sind sicherlich besonders radikal. Sie sieht sich selbst ein Stück weit außerhalb des Systems stehend, denn als nicht-amerikanische Schwarze nimmt sie noch einmal eine Sonderstellung ein. Lässt man sich aber erst einmal ernsthaft auf ihren Blickwinkel ein, öffnet Ifemelus Sicht dem Leser/der Leserin die Augen für die eigene Rasseblindheit. So den Spiegel vorgehalten zu bekommen, ist nicht immer angenehm aber sehr lehrreich. Schon allein deshalb lohnte sich die Lektüre von „Americanah“.

Obinze hingegen blieb für mich neben Ifemelu leider ziemlich blass, obwohl man auch über ihn eine Menge erfährt. Aufgewachsen bei einer sehr modernen und emanzipierten alleinerziehenden Mutter, die ich wesentlich interessanter fand als Obinze selbst, fühlt er sich zu selbstbewussten, unangepassten Frauen wie Ifemelu hingezogen. (Eine echte Seltenheit in der Literatur, die ich innerlich sehr bejuhlte.) Seine gescheiterte Auswanderung nach Europa scheint ihn aber etwas zu desillusionieren und er findet sich in einer typischen Hausfrauenehe wieder.
Interessant an dieser Figur fand ich jedoch, dass anhand von Obinze auch die Unterschiede zwischen den Integrationschancen in den USA und Europa deutlich gemacht werden. Für mich wenig überraschend, aber nichtsdestotrotz sehr eindrücklich schildert Adichie von den zahlreichen Hürden, die Obinze als Nigerianer in England in den Weg gelegt werden.

Wie hoch ist der „starke Frauen“-Faktor?

Hinsichtlich des „starke Frauen“-Faktors hatte ich „Americanah“ tatsächlich unterschätzt. Eine Frau, die wegen ihrer großen Liebe nach Nigeria zurückkehrt, ließ mich zunächst nicht an eine selbstbewusste und eigenständige Frau denken. Aber auch hier bewies mir Adichie einmal mehr, wie falsch man mit Vorurteilen liegen kann. In Wahrheit lernte ich Ifemelu nämlich als eine sehr selbstsichere und willensstarke Frau kennen, die sich auch nicht davor scheut, gelegentlich unpopuläre Meinungen zu vertreten. Dies tut sie sogar mit einer solchen Souveränität, dass ich manchmal fast schon ein wenig neidisch auf sie wurde. Natürlich läuft auch bei ihr nicht immer alles glatt. Wie wir alle vergaloppiert sie sich bisweilen ein wenig. Fast zerbricht sie daran, dass sie ein Mann auf ziemlich erniedrigende Weise benutzt. Aber auch aus dieser Lebenskrise findet sie einen Ausweg und geht so weiter gestärkt daraus hervor.
Auch die Einstellung zu ihrem eigenen Körper und Aussehen ist bewundernswert und zeugt von großem Selbstvertrauen. Dem Druck der amerikanischen Gesellschaft, das krause Haar in einer aufwändigen Prozedur regelmäßig chemisch glätten zu lassen, beugt sich Ifemelu beispielsweise nur kurz. Später trägt sie auch in höheren beruflichen Positionen kurzes, natürlich krauses Haar und gibt entsprechende Styling- und Schminktipps auf ihrem Blog.
Ifemelu schafft es, aus der alltäglichen Diskriminierung, die sie auf Grund ihrer Hautfarbe erfährt, positive Energie und Kraft zu ziehen, anstatt sich davon klein machen zu lassen. Diese Lebenseinstellung beeindruckte mich sehr.

Daneben faszinierte mich auch eine weitere Frauenfigur, die in „Americanah“ jedoch nur eine Nebenrolle spielt: Obinzes Mutter. Sie ist Akademikerin und zieht ihren Sohn alleine groß. Ihre alte Stelle musste sie aufgeben, nachdem sie sich zu sehr für Frauenrechte und Emanzipation eingesetzt hatte. Dennoch ändert sie nichts an ihrer grundsätzlichen Einstellung und erzieht Obinze zu seinem sehr modernen und emanzipierten Mann, mit dem sie sehr zu Ifemelus Erstaunen beispielsweise abends des Öfteren zusammen kocht. Zudem pflegt sie einen eher freundlichen Umgangston mit ihrem Sohn, der im krassen Kontrast zum sehr autoritären Erziehungsstil steht, der in Nigeria eigentlich vorherrscht.

Wie gefiel mir das Buch insgesamt?

Mit „Americanah“ legt Chimamanda Ngozi Adichie einen vielschichtigen, manchmal recht unbequemen Auswandererroman vor. Auch wenn ich mir zunächst schwer damit tat, einen Zugang zum Buch zu finden, möchte ich diese Leseerfahrung im Nachhinein nicht missen. Adichies Roman nimmt sich einer hochaktuellen, wichtigen Thematik an, indem er sehr eindrücklich die Erfahrungen einer jungen Nigerianerin bei ihrer Auswanderung in die USA schildert. Selten wurde der in Amerika noch immer existierende (versteckte) Rassismus so eindrucksvoll und authentisch geschildert wie in „Americanah“. Geschickt hält Adichie ihren LeserInnen einen Spiegel vor und lässt sie so über die eigene Vorurteile reflektieren. Dies ist weiß Gott nicht immer angenehm und führte bei mir zunächst zu einer gewissen Ablehnung; insgesamt war es jedoch eine sehr lehrreiche und wertvolle Erfahrung.

Adichies Hauptprotagonistin Ifemelu besitzt zudem Vorbildcharakter als sehr selbstbewusste und willensstarke Frau, die es schafft, gestärkt aus den kleinen und großen Krisen des Lebens hervorzugehen. Anstatt sich der ständigen Diskriminierung geschlagen zu geben und bestimmte Dinge einfach zu akzeptieren, sieht sie darin tägliche Herausforderungen, an denen sie sich abarbeiten und weiter wachsen kann, was ihr auf beeindruckende Weise gelingt.

Bei aller Begeisterung vor „Americanah“ hätte ich mir von Adichie jedoch gewünscht, zu Beginn des Romans etwas mehr abgeholt zu werden. Auch die recht steif und akademisch anmutende Sprache, die sogar nicht zu der modernen Mitdreißigerin, über die man liest, passen möchte, trübte meine Lesespaß etwas.

Bewertung: ♥♥♥♥ Buchtipp!

Titel: Americanah ♦ Autorin: Chimamanda Ngozi Adichie ♦ Übersetzung: Anette Gruber ♦ Format: Hardcover mit Lesebändchen ♦ Verlag: Büchergilde ♦ Umfang: 608 Seiten ♦ Artikelnummer: 167441 ♦ Preis: 19,95€ (Mitglieder) / 24,99€ (Nichtmitglieder)


erschien auch in einer weiteren Hardcover-Ausgabe (ISBN: 978-3100006264; Preis: 24,99€) sowie als Taschenbuch (ISBN: 978-3596185986; Preis: 9,99€) bei Fischer.

Americanah

Americanah
7.68

Einstieg

6/10

    Handlungsverlauf

    9/10

      Sprache

      7/10

        Charaktere

        8/10

          "starke Frauen"-Faktor

          9/10

            2 Kommentare

            1. So unterschiedlich können Leseeindrücke ausfallen… 🙂 Ich habe das Buch damals im englischen Original und vor dem Hype gelesen, konnte also ohne „Vorbelastung“ herangehen und habe mich verliebt. Zwar gutheiße auch ich nicht jede Entscheidung Ifemelus, doch waren ihre Entscheidungen und Ansichten für mich von Anfang an nachvollziehbar und begründet. Auch die Friseurszene zu Beginn hat mich nicht irritiert, sondern mir eigentlich nur bestehende Eindrücke und Kenntnisse bestätigt.

              Was die Sprache angeht, vermute ich dennoch, dass die Übersetzung eine entscheidende Rolle gespielt hat. Archaische Ausdrücke konnte ich in der englischen Ausgabe nicht finden – zwar reicht mein Englisch nicht an Muttersprachlerniveau heran, doch bin ich nie auf ein Wort gestoßen, dass mich irritiert hätte. Akademische Ausdrucksweise gibt es zuweilen schon im englischen Original, allerdings nicht im übertriebenen Maß und immer recht passend zu Ifemelus Bildungshintergrund und ihrer gesellschaftlichen Prägung in den USA.
              Der Unterschied zwischen „normalem“ Englisch und dem nigerianischen Englisch wird im Original auch eher durch Slang in Nigeria deutlich (z.B. durch die Vermischung von Englisch mit nigerianischen Ausdrücken oder das Beenden von Sätzen mit dem Buchstaben „o“).

              Für mich war es interessant, deine Anmerkungen zu lesen, da sie mir ein besseres Bild von der Übersetzung gegeben haben und ich nun nachvollziehen kann, warum manche deutsche Leser das Buch als sperrig zu lesen empfinden – für mich war das englische Original sprachlich nämlich immer wunderbar rund und abgestimmt auf die Hintergründe der einzelnen Charaktere.

            2. Pingback: Eine buchige Teeparty #9 – Kerstin Scheuer

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