3 Herzchen, Fantasy, Rezension, starke Frauen
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Rezension 125: „Feuerstimmen“ von Christoph Hardebusch

Bereits mit seinem Debütroman „Die Trolle“, der 2007 mit dem Phantastik Preis ausgezeichnet und in zahlreiche andere Sprachen übersetzt wurde, schrieb sich Christoph Hardebusch in die erste Liga der deutschen Fantasy-Autoren. Es folgten 10 weitere Bücher und diverse Beiträge zu Anthropologien.

Sein neustes Projekt „Feuerstimmen“, das er in Kooperation mit der A Capella-Metall-Gruppe „Van Canto“ schrieb, ist mein erster Roman von Christoph Hardebusch. Mich überraschten vor allem die zahlreichen weiblichen Charaktere, die sich jenseits des tradierten Rollenmusters bewegen.

Worum geht es?

Hass und Mordlust breitet sich in der Welt aus, denn der fünfte Drache mit seinen schwarzen Mächten ist wieder erwacht und trachtet danach seinen Plan, die Welt zu zerstören, zu vollenden. Von dem vollen Ausmaß der Bedrohung ahnt die junge Königin Elena jedoch nichts, als ihr Inselreich verlässt, um nach Hilfe zu suchen. Diese findet sich ausgerechnet beim Barden Aidan, der noch nichts von seiner ganz besonderen Gabe weiß und daher mit seinem eigenen Schicksal hadert. Wird es ihnen noch rechtzeitig gelingen, den fünften Drachen zu besiegen?

Wie fand ich…

…den Einstieg?

Christoph Hardebusch wirft seine Leser ohne große einführende Erläuterungen zu  seiner neuen Fantasywelt direkt mitten hinein ins Geschehen. Gerne kritisiere ich ein solches Vorgehen, weil ich lieber erst einmal die Spielregeln kennenlernen möchte. Hier gibt es jedoch gleich soviel Action, Humor und Unterhaltung im ersten Kapitel, dass ich gar keine Zeit hatte, mir allzu viele Gedanken zu machen. Bis ich zum ersten Mal wirklich zum Luft holen kam, war ich schon vollkommen in die Welt von „Feuerstimmen“ versunken.

Karte in Feuerstimmen

„Feuerstimmen“ ist mit einer Karte ausgestattet.

…Handlungsverlauf?

„Feuerstimmen“ wird abwechselnd aus den Perspektiven der beiden Hauptprotagonisten Aidan und Elena erzählt, die zu Beginn des Romans in unterschiedlichen Reichen unterwegs sind. Erst im Laufe der Erzählung werden beide Erzählstränge zusammengeführt. Auf diese Weise bekommt der Leser zu Beginn des Romans einen recht umfassenden Eindruck von der Welt, in der die Geschichte angesiedelt ist. Auch schön fand ich, dass die einzelnen Abschnitte, die Titel des dazugehörigen Konzeptalbums „Voices of Fire“ von Van Canto tragen.

Neue Abschnitte sind schön gestaltet und enthalten Auszüge aus den Lidtexten des dazugehörigen Albums "Voice auf Fire" von Van Canto

Neue Abschnitte sind schön gestaltet und enthalten Auszüge aus den Lidtexten des dazugehörigen Albums „Voice auf Fire“ von Van Canto

Christoph Hardebusch serviert dem Leser eine sehr actionreiche Handlung. Vor allem Fans von großem Schlachtgetümmel und klassischen Schwertkämpfen kommen bei „Feuerstimmen“ voll auf ihre Kosten. Aber auch Freunde ebenso phantastischer wie grausiger Wesen dürften die „Seeteufel“, die rein gar nichts mit der Fischgattung zu tun haben, begeistern können. Daneben gibt es die fast schon unvermeidliche zarte Liebesgeschichte, die mich jedoch nicht ganz überzeugen konnte. Zu klinisch wirkten hier die beschriebenen Gefühle des Liebespaares.

…die Sprache?

Christoph Hardebusch verwendet in „Feuerstimmen“ viel wörtliche Rede, so dass eine sehr lebendige Erzählung entsteht. Wie es sich für eine gute Fantasygeschichte gehört, gibt es natürlich auch hier einige eigene Wortkreationen. Diese beschränken sich jedoch weitestgehend auf die phantastischen Wesen und Länder, in denen „Feuerstimmen“ spielt. Davon abgesehen schreibt Christoph Hardebusch in einer modernen Sprache, die mich „Feuerstimmen“ leicht und zügig lesen ließ.

…die Charaktere?

Nicht ganz so überzeugt war ich von der Zeichnung der einzelnen Charaktere. Während ich von Aidan, von dessen Vergangenheit man einiges erfährt, einen sehr genaues Bild bekam, gelang mir das für Elena leider ebenso wenig wie für Aidans Gefährten Revus, Elenas Leibwache oder die anderen Nebencharaktere.

Schön gelungen hingegen fand ich die Entwicklungen, die sowohl Elena als auch Aidan innerhalb der Handlung durchmachen:
Während Elena zu Beginn von „Feuerstimmen“ ihr eigenes Volk noch für kulturell und geistig überlegen und die Bevölkerung der anderen Reiche für ungehobelte Barbaren hält,

„…reifte in ihr die Erkenntnis, dass sie über diese Länder beurteilt hatte, ohne sie wirklich zu kennen.“
(Seite 266)

Und nur wenig später gesteht sie ein:

„Die Menschen dieser Landes waren nicht besser oder schlechter als jene ihrer Heimat.“
(Seite 267)

Auch Aidans innerer Konflikt, der die zentrale Rolle, die ihm sein eigenes Schicksal zuschreibt, lange Zeit nicht annehmen möchte, hat seinen Reiz und erhöht die Spannung der Handlung. Mir wurde dieses Element jedoch etwas zu sehr überstrapaziert.

…den Schluss?

Der Schluss kam mir dann trotz knapp 500 Seiten etwas zu plötzlich. Nachdem die gesamte Reise zu Land in vielen spannenden und packenden Details abwechslungsreich und originell erzählt wird, macht die Handlung gegen Ende einen Sprung und spart einen komplette Schifffahrt nahezu vollständig aus. Hier wurde meiner Meinung nach Spannungspotenzial verschwendet. Warum lässt Christoph Hardebusch die beiden Schiffe nicht wenigstens in ein schweres Gewitter oder ähnliches geraten?

Das unmittelbare Ende ließ mich zudem etwas ratlos zurück. Mir wurde nicht ganz klar, ob nun nur die Schlacht oder bereits der gesamte Krieg gewonnen wurde. Schade.

Wie hoch ist der „starke Frauen“-Faktor?

produkt-11915Denkt man an Fantasyklassiker wie „Herr der Ringe“ erscheint diese Frage lächerlich. Dass ich sie im Fall von „Feuerstimmen“ überhaupt stellen kann, kann daher schon als Fortschritt betrachtet werden. Tatsächlich war ich mehr als angetan, als ich gleich im zweiten Kapitel von Soldatinnen, weiblichen Palastwachen und ähnlichem las, die vollkommen selbstverständlich gleichberechtigt neben Männern stehen und kämpfen. Auch Elena wird nicht als schwache, schutzbedürftige und ängstliche Königin dargestellt, die einen toughen, jungen Helden ausschickt. Mutig und entschlossen tritt sie die Reise selbst an. Bei ihrer ersten Begegnung mit Aidan rettet sie diesen im Kampf vor den Seeteufeln. Später ist sie es, die für die Reisegruppe auf die Jagd geht, um Fleisch für das Abendessen zu beschaffen.

Andererseits sind Elenas königliche Berater alle männlich und Aidan ist dank einer ihm selbst zu Beginn noch nicht bewussten Fähigkeit am Schluss die letzte rettende Hoffnung. Und während seines innerem Konflikts ist es Elena, die ihm ganz der weiblichen Rolle entsprechend sanft aufrichtet und dezent aus dem Hintergrund heraus unterstützt. Trotz allen augenscheinlichen Fortschritts kann sich also auch Christoph Hardebusch nicht gänzlich vom tradierten Rollenbild lösen.

Einen interessanten Artikel zu den Geschlechterrollen in „Feuerstimmen“ findet Ihr auch bei „FilmTheaterLeseSaal“. Allerdings wird dort reichlich gespoilert. Ihr lest den Beitrag also am besten nur dann, wenn Ihr das Buch schon kennt. 

Zum Artikel

Wie fand ich „Feuerstimmen“ insgesamt?

Mit „Feuerstimmen“ legt Christoph Hardebusch einen spannenden und actionreichen Fantasyroman vor. Der lebendige Erzählstil lässt sich flüssig lesen. Die humoristischen Einlagen sind gut getimt und unterhaltsam, ohne fehl am Platz zu wirken. Was die Charakterzeichnung und den Schluss betrifft, besteht Verbesserungspotenzial. Dennoch habe ich „Feuerstimmen“ gerne gelesen.

Bewertung: ♥♥♥ lesenswert

Leseprobe

Titel: Feuerstimmen ♦ Autor: Christoph Hardebusch ♦ Verlag: Piper Fantasy ♦ Format: Klappbroschüre mit Karte ♦ Umfang: 496 Seiten ♦ ISBN: 978-3-492-70373-4 ♦Preis: 14,99 € 

„Feuerstimmen“ ist papego-fähig. Meinen Testbericht zu diesem Dienst findet Ihr

hier

Feuerstimmen

Feuerstimmen
7.52

Einstieg

9/10

    Handlungsverlauf

    8/10

      Sprache

      9/10

        Charaktere

        6/10

          Schluss

          5/10

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