4 Herzchen, Rezension, starke Frauen
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Rezension #120: „Eine Dame von Welt. Eine Salonerzählung“ von Henry James

Eine Dame von Welt_Beitragsfoto

Heute vor genau 100 Jahren – am 28.02.1916 – starb Henry James im Alter von 72 Jahren in Chelsea, Großbritannien. In seinem umfassenden literarischen Werk beschäftigte er sich hauptsächlich mit dem Gegensatz zwischen dem von langen Traditionen geprägten Europa und dem relativ unbekümmerten Lebensstil Amerikas. Zudem gilt Henry James als Meister für psychologisch ausgefeilte, vielschichtige Frauenfiguren. Beides findet sich auch in seiner Erzählung „Eine Dame von Welt“ wieder, die nun erstmals auf Deutsch erschien ist.

Worum geht es?

Die resolute Mrs. Headway hat in Amerika eine bewegte Vergangenheit und mehrere Ehen hinter sich, als sie beschließt, sich einen Platz in den Kreis der sehr steifen und traditionsbewussten europäischen Aristokratie zu erkämpfen. Um gesellschaftlich anerkannt zu werden, ist Mrs. Headway auf eine vorteilhafte Ehe mit einem britischen Edelmann angewiesen. Da trifft es sich gut, dass sie in einem Pariser Theater zufällig auf ihrem alten Bekannten, den reichen Amerikaner Littlemore, begegnet. Er soll bei seinem britischen Bekannten Arthur Demesne ein gutes Wort für Mrs. Headway einlegen und deren „Ehrbarkeit“ bezeugen. Aber soll er tatsächlich für Mrs. Headway lügen, oder Demesne doch lieber vor ihr warnen? Auch wenn er fortan zusammen mit Demesne bei Mrs. Headway ein- und ausgeht, kann er sich letztlich nur einem gegenüber tatsächlich loyal verhalten.

Wie fand ich…

…den Einstieg?

Mit seiner knallgelben Farbe erinnerte mich das Büchlein auf den ersten Blick an die Reclamausgaben meiner Schulzeit. Durch die Banderle, den Leineneinband und die Zeichnung auf einer der ersten Seiten wirkt „Eine Dame von Welt“ insgesamt aber weitaus wertiger.

Eine Dame von Welt_Zeichnung

Inhaltlich überraschte mich vor allem die leicht verständliche Sprache, welche die Erzählung erstaunlich flüssig lesbar macht. Ich hatte mit einer etwas sperrigeren und schwerer zugänglichen Sprache gerechnet. Alexander Pechmann ist jedoch eine gut verständliche Übersetzung gelungen, die dennoch das Alter des Textes widerspiegelt, indem er Begriffe wie etwa „Ehrbarkeit“ nicht gescheut. Die Erläuterungen im Anhang erleichtern dem modernen Leser zusätzlich das Verständnis.

…den Handlungsverlauf?

Die Handlung lässt sich grob in zwei Teile unterteilen. Der Anfang der Erzählung spielt in Paris, der zweite Teil in den Salons in London. Durch das streng chronologische Vorgehen von Henry James ist es leicht zu folgen. Dennoch habe ich in „Eine Dame von Welt“ eine kluge, unterhaltsame und bisweilen lustige Handlung vorgefunden. Im Zentrum steht der innere Konflikt von Littlemore, der sich nicht entscheiden kann, ob er Demesne über Mrs. Headways bewegte Vergangenheit aufklären und damit die Pläne der Dame unterbinden soll. In diesem Widerstreit spiegeln sich auf die beiden grundverschiedenen Philosophien des alten Europas mit seinen starren Traditionen sowie der „Neuen Welt“ Amerika mit seiner starken Betonung von Werten wie Freiheit und Demokratie wider.

…die Charaktere?

Henry James hält sich bei seiner „Salonerzählung“ nicht mit langen Figureneinführungen mit Beschreibung des Aussehens und der Hauptwesenszüge auf. Die Charakterzeichnung erfolgt vielmehr fast ausschließlich indirekt anhand von Handlungen, Reaktionen und Äußerungen der Figuren in Gesprächen. Trotzdem bekommt man schnell einen guten Eindruck von allen Figuren:

  • Die Amerikanerin Mrs. Headway wirkt zu Beginn naiv, fast schon kindlich. Scheinbar vollkommen unbedarft plaudert sie munter drauf los. Erst später zeigt sich, dass sie nicht nur mehr durchschaut, als es zunächst den Anschein macht, sondern auch sehr strategisch ganz einige Ziele verfolgt.
  • Der Brite Demesne wirkt im Gegensatz sehr steif und aristokratisch. Er legt Wert auf Traditionen, fällt aber auf Mrs. Headways ansprechendes Äußeres herein.
  • Littlemore steht zwischen den Stühlen: ebenfalls aus Amerika stammend wohnte er lange Zeit in London und kann die Haltungen beider Seien nachvollziehen. Genau das ist sein Dilemma und macht ihm die Entscheidung so schwer, ob er nun für Mrs. Headway fürsprechen soll oder nicht.

…das Ende?

Das Ende gefiel mir nur mäßig, denn Henry James präsentiert darin keine wirkliche Lösung für den charakterisierten Konflikt. Zwar entscheidet sich Littlemore am Schluss tatsächlich für eine Seite; tut dies jedoch so spät, dass er damit faktisch nichts mehr ausrichten kann. Dies fand ich enttäuschend.

Wie hoch ist der „starke Frauen“-Faktor?

Die Amerikanerin Mrs. Headway ist zweifelsfrei eine Frau, die auf Konventionen pfeift. Sie war nicht nur mehrfach verheiratet; es wird zudem auch angedeutet, dass sie mal was mit Littlemore hatte. Welche Vergangenheit die beiden tatsächlich teilen, wird in der Erzählung jedoch nie ganz aufgeklärt. Männer (und das strenge gesellschaftliche Korsett der Briten) nutzt sie ganz bewusst, um selbst gesellschaftlich voranzukommen. Mit diesem Lebenswandel macht Mrs. Headway deutlich, dass sie die gleichen Freiheiten und Rechte wie Männer für sich beansprucht.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

Eine Dame von Welt_CoverMit „Eine Dame von Welt“ schuf Henry James eine kluge, unterhaltsame und bisweilen humorvolle Erzählung über eine resolute Amerikanerin, die die aristokratischen Salons Londons aufmischt und den gesellschaftlichen Aufstieg durch eine geschickte Heirat sucht. Der Text wirkt frisch und lässt sich erstaunlich flüssig lesen. Alexander Pechmann gelang es eine Übersetzung vorzulegen, die gleichermaßen dem Alter der Erzählung als auch der Lesbarkeit für den modernen Leser Rechnung trägt.

Henry James greift in „Eine Dame von Welt“ eines der Hauptthemen seines literarischen Werks – den Gegensatz zwischen dem von langen Traditionen geprägten Europa und dem relativ unbekümmerten Lebensstil Amerikas – auf. Gleichzeitig beweist er auch hier sein besonderes Talent für die Entwicklung psychologisch ausgefeilter Frauenfiguren. In Mrs. Headway habe ich eine erstaunlich moderne, unangepasste Frau vorgefunden, die sich nicht um gesellschaftliche Konventionen schert. Einzig das Ende enttäuschte mich etwas.

Dennoch war „Eine Dame von Welt“ für mich ein schöner Einstieg in das literarische Werk von Henry James und machte Lust auf mehr von diesem Autor.

Bewertung: ♥♥♥♥ Buchtipp!

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Titel: Eine Dame von Welt. Eine Salonerzählung ♦ Autor: Henry James  ♦ Übersetzung: Alexander Pechmann ♦ Verlag: Aufbau ♦ Format: Leinengebunden mit Banderole ♦ Umfang: 176 Seiten ♦ Preis: 16,95€ ♦ ISBN: 978-3-351-03634-8

Eine Dame von Welt. Eine Salonerzählung

Eine Dame von Welt. Eine Salonerzählung
7.62

Einstieg

9/10

    Handlungsverlauf

    8/10

      Charaktere

      7/10

        Ende

        6/10

          starke Frauen-Faktor

          8/10

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