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Lieblingsleseplatz #57: Verlegerin Ulrike Helmer

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Auf den heutigen Lieblingsleseplatz freue ich mich schon seit einer ganzen Weile. Bereits beim Vorbereiten des Beitrags hatte ich viel Spaß. Dies liegt hauptsächlich daran, dass Verlegerin Ulrike Helmer auf sehr unterhaltsame Weise erklärt, wie sehr bei ihr Ideal und Wirklichkeit des Lieblingsleseplatzes auseinander fallen. Damit spricht sie wohl jeder Leserin bzw. jedem Leser ein Stück aus der Seele. Außerdem gibt sie interessante Einblicke in den

Vorschau I-2016_Cover

Cover der Frühjahrsvorschau

Auf den unabhängigen Ulrike Helmer Verlag wurde ich durch meinen neuen Blogschwerpunkt „Bücher von und über starke Frauen“ aufmerksam, denn hier findet man jede Menge Literatur von Frauen und über Frauen. Angefangen von Krimis der Romane, All-Age bis hin zum Sachbuch und „lesbischer Literatur“ (Braucht man dafür wirklich ein eigenes Genre?) ist das Spektrum des Verlags sehr breit angelegt. Einen Schwerpunkt bilden dabei stets Gender- und feministische Themen. Besonders angetan, hat es mir ja die Autobiografie von Luise Berthold, der erste deutschen Universitätsprofessorin „Erlebtes und Erkämpftes“.

Ulrike Helmer wurde 2009 auf der Frankfurter Buchmesse mit der Auszeichnung „Bücherfrau des Jahres“ geehrt.

So liest Ulrike Helmer am liebsten:

Wo liest Du am liebsten? Warum?

Idealerweise schaukele ich sanft irgendwo in der Südsee in einer Hängematte und lasse mir angelegentlich leckere Getränke reichen … Oder ich sitze wie weiland Simone de Beauvoir stundenlang in einem Café vor ein und derselben Tasse Kaffee, ganz ohne Nachbestellzwang, und bin versunken in meiner Lektüre …

LiLePla Helmer

Lieblingsleseplatz

In Wirklichkeit wird mir leider beim Schaukeln schlecht und wenn ich nicht schaukele, schlafe ich in Hängematten ein. Die Südsee stelle ich mir außerdem heiß vor. In Cafés ist es zwar schön schattig, aber nur dann leise, wenn ich allein drin sitze, was wiederum nicht Sinn eines sozialen Ortes ist, sondern langweilig. Sitzen andere im Café um mich rum, wachsen mir aber Geräusche, Stimmen und Bemerkungen zu, die mich vom Buch ablenken …

Meine Lieblingsleseplätze sind also auf der ganzen Linie ein unromantischer Kompromiss, haben dafür aber den Vorteil, weich und muggelig zu sein. Außerdem kann man dort die uncoolsten Stilmixe tragen und muss sich sogar eines Nackenkissens in Mopsgestalt nicht schämen.

Welches Format (eBook, Taschenbuch, Hardcover) bevorzugst Du? Warum?

Ich lese alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Wobei ich meine Nase gern wortwörtlich in ein Buch stecke – wie schon früher als Kind. Ein „richtiges Buch“ in Händen zu halten ist für mich auch deshalb schön, weil ich in meinem Arbeitsalltag vieles am Bildschirm oder Display lese und oft mit Manuskripten zu tun habe – Texten also, denen es auf ihrem Weg zum Buch noch an Lektorat und Gestalt(ung) fehlt. Wenn ich ein schönes Buch lese, genieße ich es darum zugleich als ein Produkt, das diesmal völlig ohne mein Zutun zustande kam (dem ich aber anmerke, wie viel Arbeit Kolleginnen und Kollegen reingesteckt haben). Ich ärgere mich allerdings auch über schlechte Übersetzungen oder fehlende Lektorate.

2015-06-17 07.05.40

Ulrike Helmer

Am liebsten lese ich Bücher, bei denen eine gewisse Tiefe in der Lebensbetrachtung und in der Anlage ungewöhnlicher Charaktere mit Erzählweisen und Stilen verschmilzt, die mich in Bann ziehen. Das ist weitgehend unabhängig vom Genre, oft sogar von den Themen. Juli Zehs Roman „Nullzeit“ z.B. habe ich mit Faszination gelesen, obwohl tauchen mich null interessiert. Ich mag auch Unterhaltungsliteratur mit einer gewissen Tiefe, was Sinn und Stil angeht. Was mich dagegen kalt lässt, sind Bücher, die „nach einer Seite kippen“: Höchst phantasievolle Geschichten, die für mich bedeutungsleer bleiben. Sprachgewaltige Literatur, in der ich kein Leben finde. Allerdings muss ich zugeben, dass ich an einer gewissen déformation professionelle leide. Bei mir liest immer ein „drittes Auge“ mit, das scannt, was andere so herausbringen und schreiben und gut finden. Dieser Spion verleidet mir mitunter die naive Lektüre eines Buches, das mich privat anlockt. Da gibt es eine innere Stimme, die laufend dazwischenquakt, dass ich dies und jenes doch schon zig mal ähnlich gelesen habe oder selbst versuchen sollte oder niemals in Programm nehmen würde …oderoderoder.

Was gehört für Dich zur perfekten Lesezeit (Tee, Kekse, Kuscheldecke)?

Die Sicherheit, dass im Verlag alles getan ist. – Da das nie der Fall sein wird, begleitet meine private Lektüre leider ein Grundrauschen, das auch mit Tee, Keksen und Kuscheldecke schwer zu bekämpfen ist. Ich trainiere aber täglich!

Muss es bei Dir ganz still sein, wenn Du liest, oder läuft im Hintergrund Musik oder sogar der Fernseher?

Allerhöchstens Musik … auch das eher selten. Ton und Wort treten bei mir leider schnell in Konkurrenz zueinander. Weswegen ich auch ein eher gestörtes Verhältnis zu Hörbüchern habe. Fühle mich dabei irgendwie dahingehend „bevormundet“, wie ich einen Text wahrzunehmen habe. – Völliges No go bei mir: Geschichten hören beim Autofahren!

„Lieblingsleseplätze“ sind für mich übrigens zunehmend auch Blogs und Twitter oder bestimmte Internetseiten, auf denen über Bücher kommuniziert wird bzw. Rezensionen eingestellt werden! Dort finde ich inzwischen viele Anregungen und spannende Kontakte.

Vielen Dank, Ulrike! Jetzt habe ich Lust, „Nullzeit“ endlich von meinem SuB zu befreien.

Ulrike Helmer hat meine Fragen am 13.01.2016 beantwortet.

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