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Rezension #119: „Die Fotografin. Die vielen Leben der Amory Clay“ von William Boyd

Die Fotografin

William Boyd sorgte 1998 für Aufsehen, als diverse Prominente auf der Veröffentlichungsparty zu seinem Künstlerroman „Nan Tate“ behaupteten, den porträtierten New Yorker Expressionisten gekannt zu haben. Erst später gab der Autor bekannt, die tragische Lebensgeschichte sowie die Gemälde von Nan Tate gleichermaßen frei erfunden zu haben. Die Enthüllung des Bluffs wurde zum Skandal. Mit seinem neuen Roman „Die Fotografin“ bleibt William Boyd seiner Vorliebe für glaubwürdig gestaltete fiktive Künstlerbiografien treu.

Worum geht es?

Durch ihren Onkel entdeckt Amory Clay bereits früh ihre Liebe zur Fotografie. Als junge Frau beginnt sie schließlich bei ihm eine Lehre zur Gesellschaftsfotografin. Es folgen Stationen als in Berlin, New York, Paris und Vietnam. Im Alter von mehr als 70 Jahren schaut Amory Clay mit Hilfe ihrer Fotografien auf ihre bewegte Lebensgeschichte, die zugleich auch die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts ist, zurück.

Wie fand ich…

…die Gestaltung?

„Die Fotografin“ beginnt mit einer Schwarz-Weiß-Fotografie der jungen Amory Clay, die im Jahr 1928 nur mit einem Badeanzug bekleidet in einem kleinen Teich posiert. Erst danach folgt der Prolog, der – wie auch die restlichen Teile des Buchs – mit weiteren Aufnahmen illustriert ist. In der Mehrzahl handelt es sich um typische Schnappschüsse, die nicht selten unscharf oder leicht verwackelt sind. Die Personen sind so meist nicht richtig zu erkennen und schauen nur selten direkt in die Kamera.

Dennoch ist die Illusion, die William Boyd dadurch gelingt, so perfekt, dass ich schon nach wenigen Seiten nach seiner Romanheldin Amory Clay googelte.

Zwar musste ich schnell feststellen, dass sie nie wirklich lebte, fand aber heraus, dass alle Fotos tatsächlich historisch sind und aus der privaten Sammlung des Autors stammen.

Auf dem Blog von ebook.de findet man einen Beitrag mit einer Auswahl von Fotos aus dem Roman.

…den Handlungsverlauf?

Die Fotografin IIWilliam Boyd entwickelt in „Die Fotografin“ zwei verschiedene Erzählebenen: Die Rahmenhandlung bildet die mittlerweile betagte und erkrankte Amory Clay, die im Alter von etwa 70 Jahren, sowohl aus ihrem aktuellen Alltag erzählt als auch auf ihr bewegtes Leben zurückblickt. Sie beginnt mit ihrer eigenen Kindheit und bewegt sich chronologisch bis zu ihrer Gegenwart vorwärts. Amorys Memoiren umfassen nahezu das gesamte 20. Jahrhundert einschließlich den wilden 20er Jahren, beider Weltkriege sowie des Vietnamkriegs. „Die Fotografin“ wird dadurch gleichermaßen auch zu einem Porträt des vergangenen Jahrhunderts.
Unterbrochen wird die eigentliche Handlung immer wieder durch aktuelle Aufzeichnungen. Dadurch dass diese klar mit „Barrandale-Journal“ überschrieben sind, fällt die Orientierung dennoch leicht. Abgesehen hiervon werden keine größeren zeitlichen Sprünge gemacht, so dass stets klar war, an welchem Punkt innerhalb der Handlung man sich befindet.

Inhaltlich konnten mich vor allem die ersten zwei Drittel des Buchs überzeugen. Die Handlung wirkt hier sehr authentisch.

Im letzten Romandrittel trägt William Boyd für meinen Geschmack jedoch etwas zu dick auf.

Hier mutiert die Handlung zuerst zunehmend zu einer Art kitschiger Aschenputtel-Story, bei der Amorys Verhalten nicht zu der modernen, selbstbestimmten und freiheitsliebenden Frau, als die ich sie bis dahin kennenlernte, passt. Anschließend scheitert Boyd mit seinem sehr plumpen Versuch, den Hippie-Geist der 70er Jahre, für den seine eigentliche Heldin bereits zu alt ist, in die Handlung einzubauen. Vor allem über das gluckenhafte Verhalten der in eigenen Liebesangelegenheiten immer sehr offenen Mutter musste ich wiederholt den Kopf schütteln.

…die Charaktere?

William Boyd entwickelt in „Die Fotografin“ leidlich glaubhafte Charaktere.

Amory Clay, die Protagonistin des Romans, gelingt ihm insgesamt ganz passabel. Boyd schafft es, sich in die weibliche Psyche seiner Heldin hineinzuversetzen. Seinen Entwurf einer Frau, die ihrer Zeit weit voraus ist, vermittelt ihm dennoch nicht ganz überzeugend. Dafür waren im letzten Romandrittel zu viele überzogene Ereignisse, in denen Amorys Verhalten nicht zu ihrer bis dahin beschriebenen Wesensart passte.

Mit dem Onkel stellt ihr William Boyd allerdings einen aufgeschlossenen und modernen männlichen Charakter zur Seite, der mich insgesamt mehr begeistern konnte als die eigentliche Protagonistin.

Er ist nicht nur in beruflicher Hinsicht Amorys Mentor, sondern hilft ihr auch in Liebesangelegenheit auf die Sprünge und unterstützt sie in ihrer weiteren Lebens- und Karriereplanung immer wieder auf verschiedene Weise. Vor allem in ihren jüngeren Jahren ist es hauptsächlich das Vertrauen des Onkels, auf dem Amorys Selbstbewusstsein fußt und sie zu einer unabhängigen Frau macht.

…das Ende?

Nach den Enttäuschungen zu Beginn des letzten Romandrittels stimmte mich das unmittelbare Ende wieder versöhnlicher mit „Die Fotografin“. An dieser Stelle nur so viel: Amory Clays Tod passt zu ihrem Leben.

Der melancholische Unterton des Endes stimmte mich nachdenklich. Hier greift William Boyd auf einfühlsame Weise das Thema des würdevollen Sterbens auf. So verließ ich Amory Clay schließlich tief bewegt und mit ein paar kleinen Abschiedstränen in den Augen.

Wie hoch ist der „starke Frauen“-Faktor?

Mit Amory Clay entwickelt William Boyd in „Die Fotografin“ eine für ihre Zeit erstaunlich selbstbestimmte Frau. Gegen den Willen ihrer Eltern wird sie Fotografin. Sie geht beruflich ihren eigenen Weg und lebt weitestgehend finanziell unabhängig. Auch in ihren Liebesbeziehungen gibt sie meist den Ton an und nimmt sich nicht selten selbstbewusst, wonach ihr gerade ist. Sich bietende Gelegenheiten nimmt sie stets mutig wahr– im Beruf wie in der Liebe. Dabei ist es vor allem ihr Onkel, der ihr in schwierigen Zeiten die Richtung weist und den Rücken stärkt.

SchDie Fotografin IIIade fand ich neben den unter „Handlungsverlauf“ beschriebenen Ungereimtheiten in Amorys Charakterentwicklung vor allem den großen direkten Einfluss ihrer Affäre auf ihre berufliche Karriere. Immer wieder zieht ihr einflussreicher, verheirateter Liebhaber im Hintergrund sanft die Fäden und sorgt ganz nach eigenem Gusto dafür, dass Amory räumlich nah mit ihm arbeitet, nur um sie zu verbannen, sobald es für ihn schwierig zu werden beginnt. Amory durchschaut ihn und seine Absichten zwar, spielt das Spiel jedoch mit und kann sein Verhalten bis zu einem gewissen Grad sogar vor sich selbst rechtfertigen.

Dennoch entwirft William Boyd das Porträt einer für ihre Zeit erstaunlich selbstständigen und unabhängigen Frau, die ihre Ideal auch im Alter und trotz Krankheit nicht aufgibt.

Wie gefiel mir das Buch insgesamt?

In „Die Fotografin“ verwebt William Boyd geschickt geschichtliche Fakten und Fiktion zu einem über weite Teile sehr authentischen Porträt einer für ihre Zeit erstaunlich selbstständigen und unabhängigen Frau. Gleichzeitig ist „Die Fotografin“ auch ein Porträt des vergangenen Jahrhunderts, denn Amory Clays Lebensgeschichte reicht über die wilden 20er Jahre und beide Weltkriege bis zur Hippie-Ära und dem Vietnamkrieg.

Besondere Überzeugungskraft erhält der Roman durch die zahlreichen historischen Schwarz-Weiß-Fotos,

welche die Handlung gekonnt untermalen und der erfundenen Geschichte über eine Fotografin den Anschein von Authentizität verleihen.

William Boyd entwickelt lebensnahe Charaktere und fühlt sich gut in die weibliche Psyche seiner Protagonistin ein. Mit ihrem Onkel schafft er ein männliches Gegenstück zur freiheitsliebenden, abenteuerlustigen Amory.

Leider triftet die Handlung im letzten Drittel in den Bereich des Kitschs ab und gerät zunehmend unglaubwürdig. Hier mehren sich schließlich auch die Stellen, an denen das Verhalten und die Entscheidung von Amory nicht zu ihrem bis dahin entworfenen Charakterbild passen. Dennoch präsentiert William Boyd eine inspirierende starke weibliche Figur, von der ich mir in Liebesangelegenheiten allerdings etwas mehr Eigenständigkeit gewünscht hätte.

Bewertung: ♥♥♥♥ Buchtipp!

Leseprobe

 Titel: Die Fotografin. Die vielen Leben der Amory Clay ♦ Autor: William Boyd ♦ Übersetzung: Patricia Klobusiczky, Ulrike Thiesmeyer ♦ Verlag: Berlin Verlag ♦ Format: Hardcover (auch als eBook erhältlich) ♦ Umfang: 560 Seiten ♦ ISBN: 978-3-8270-1287-6 ♦Preis: 24,-€

Die Fotografin. Die vielen Leben der Amory Clay

Die Fotografin. Die vielen Leben der Amory Clay
7.7

Gestaltung

9/10

    Handlungsverlauf

    6/10

      Charaktere

      7/10

        Ende

        9/10

          starke Frauen-Faktor

          7/10

            2 Kommentare

            1. Sehr spannend, Rezensionen zu lesen, wenn man ein Buch schon kennt. Ich kann Dir nur zustimmen, den letzten Teil habe ich auch so empfunden wie Du. Die extrem fürsorgliche Mutter passte nicht ganz zum ersten Teil.

              Aber der Schluss hat mich dann auch sehr nachdenklich gestimmt und ich werde mich sicher noch häufig in meinem Leben an diese Schlusspointe zurückerinnern. So eindrucksvoll habe ich sie empfunden.

            2. Pingback: Die Fotografin – William Boyd |

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