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Rezension #117: „Madame Hemingway“ von Paula McLain

Nachdem mir die Mischung aus Biografie und Roman in „Lady Africa“ so gut gefiel, habe ich nun auch Paula McLains älteren Roman „Madame Hemingway“ gelesen. Darin erzählt Hemingways erste Ehefrau über ihr Leben mit dem damals noch jungen und unbekannten Schriftsteller.

Der Roman wurde erstmals 2011 in Deutschland veröffentlicht und ist damit mein erstes Buch für die #GoldenBacklist-Challenge.

Worum geht es?

Als Hadley den einige Jahre jüngeren Ernest Hemingway kennenlernt und heiratet, ist dieser noch unbekannt in der Literaturszene. Um den Durchbruch zu schaffen, zieht das Paar in den 20er Jahren nach Paris. Tatsächlich stellen sich erste Erfolge ein. Aber das private Glück der beiden, das mit der Geburt des ersten Kindes zunächst so perfekt erscheint, zeigt schon bald Risse.

Wie fand ich…

… den Einstieg?

Madame Hemingway VorsatzblattNeben dem sehr schönen Cover auf dem Schutzumschlag fiel mir als erstes das tolle Vorsatzblatt auf, das einen Stadtplan von Paris zeigt. Solche Details sind der Grund, warum auch ein eBook-Fan wie ich ab und zu zum Hardcover greift.

Inhaltlich nimmt Paula McLain im Prolog ein Teil des Endes vorweg, in dem sie Hadley über ihre Enttäuschung darüber nachdenken lässt, von der vermeintlich besten Freundin hintergangen worden zu sein. Durch diesen Einstieg wird sogleich die Erzählperspektive des biografischen Romans deutlich: Paula McLain lässt ihn von Hadley selbst erzählen und zwar in der Retrospektive. Zudem weckte der Anfang sofort meine Neugier, weil ich natürlich wissen wollte, wie es dazu kam.

… den Handlungsverlauf?

Nachdem Prolog lässt Paula McLain Hadley ihre Geschichte chronologisch erzählen. Sie beginnt mit dem Tag, an dem sich die beiden zum ersten Mal begegnen. Danach folgt der Leser Hadley zuerst durch die aufregende Zeit des Kennenlernens und später auch durch alle Höhen und Tiefen der Ehe. Zeitliche Sprünge oder weitere Vorgriffe gibt es in der Handlung nicht, so dass stets klar ist, an welchem Punkt der Handlung man sich gerade befindet. „Madame Hemingway“ lässt sich hierdurch leicht und zügig lesen.

… die Personendarstellung?

Durch die Erzählperspektive erlebt der Leser die Charaktere ausschließlich durch die Augen von Hadley. So wird aus dem als Macho bekannten Ernest Hemingway ein erstaunlich empathischer Charakter. Nicht selten schien mir Hemingways tatsächliches Verhalten nicht ganz zu seiner angeblich so mitfühlenden Wesensart zu passen und dieser bisweilen sogar zu widersprechen. Macht man sich jedoch deutlich, dass Hadley hier ihre Sicht der Dinge erzählt, ergibt sich letztlich wieder ein rundes Bild: Offenbar sah sie mehr in Hemingway.

Auch die anderen Charaktere sind komplex gezeichnet, so dass ich von jedem ein sehr genaues Bild bekam. Wie oft McLain bei der Personendarstellung zu Gunsten der romanhaften Ausgestaltung der Biografie bestimmte Dinge ausschmückte und Lücken durch eigene Ideen schloss lässt sich nicht sagen. Für mich spielte dies aber auch keine Rolle, denn ich habe „Madame Hemingway“ als Roman gelesen und für einen solchen ist die Personendarstellung durchaus gelungen.

… die Sprache?

„Madame Hemingway“ ist in einem flüssig lesbaren Stil geschrieben. Ich konnte der Handlung stets ohne große Mühen folgen. Durch die romanhafte Ausgestaltung findet man in dieser Biografie viel wörtliche Rede. Das Buch und seine Charaktere wirken hierdurch sehr lebendig. Fast ist es ein bisschen so, als wäre man selbst dabei. So kraftvoll und detailreich sind die Schilderungen. Besonders gut im Gedächtnis blieben mir die Szenen der Stierkämpfe in Spanien.

Wie hoch ist der „starke Frauen“-Faktor?

image_1_12503So sehr mir „Madame Hemingway“ auch gefiel, muss ich doch leider zugeben, dass es mit dem „starke Frauen“-Faktor nicht allzu weit her ist. Da das Buch in den für die Frauenbewegung so spannenden 20er Jahren spielt, hatte ich mir in diesem Punkt tatsächlich mehr versprochen. Leider werden die Suffragetten nur am Rande thematisiert und eher nicht besonders vorteilhaft dargestellt. Sowohl Hadleys als auch Ernests Familie leiden in „Madame Hemingway“ unter den stärken Müttern, die beide der frühen Frauenbewegung angehörten.

Ausgehend von diesem Negativbeispiel nimmt Hadley bereits in der frühen Beziehung eine eher unterwürfige Rolle ein, die sie auch in ihrer späteren Ehe beibehält. Es ist stets Ernest, der vorgibt, wo und wie das Paar – später die Familie – lebt. Hadley folgt stets vollkommen widerspruchs- und kritiklos. Ihre Schicksalsergebenheit geht schließlich so weit, dass sie selbst dann lange Zeit nicht einfach in ihrer Passivität verharrt, als von der außerehelichen Affäre ihres Mannes mit einer ihrer besten Freundinnen erfährt. Im Gegenteil: sie fahren sogar zu dritt in den Urlaub! Viel zu spät erst fängt sie an, um ihre Ehe zu kämpfen. Mit „würdevoll“, wie es von einigen interpretiert wird, hat dies meiner Meinung nach nichts mehr tun. Für mich ist es vielmehr Selbstkasteiung und naive Unterwürfigkeit.

Wie gefiel mir das Buch insgesamt?

Mit „Madame Hemingway“ legt Paula McLain einen Roman über Zusammengehörigkeit, Freundschaft, gebrochenes Vertrauen, Egoismus und die Zerbrechlichkeit von Glück vor, der mich sehr berührte. Ich fand es interessant und spannend, mich Ernest Hemingway einmal auf eine andere Art anzunähern. Durch die Augen seiner ersten Ehefrau betracht, habe ich einige neue Seiten des Schriftstellers kennengelernt.

Mit Hadley habe ich allerdings eine weibliche Hauptfigur vorgefunden, an der ich mich einige Mal sehr gerieben habe. Manchmal hätte ich sie sehr gerne angeschrien, sie solle um Gottes Willen endlich zur Vernunft kommen und der Wahrheit über ihren egoistischen Ehemann ins Auge sehen. Dennoch habe ich sehr mit ihr gelitten und ihren Schmerz über den doppelten Verrat geteilt, der schließlich das Ende ihrer Ehe bedeutete. Tatsächlich gefiel mir „Madame Hemingway“ so gut, dass ich nun überlege, auch „Paris, ein Fest fürs Leben“, in dem Hemingway selbst über seine Pariser Jahre schreibt, zu lesen.

Bewertung: ♥♥♥♥ Buchtipp!


Titel: Madame Hemingway ♦ Autorin: Paula McLain ♦ Übersetzung: Yasemin Diçer ♦ Verlag: Aufbau ♦ Format: Hardcover ♦ Umfang: 456 Seiten ♦ ISBN: 978-3-351-03358-3 ♦ Preis: 9,99€ (Taschenbuch)


Und sonst noch?

Es gibt noch zwei weitere Bücher zu diesem Thema, die jedoch beide nicht kenne:

 

Madame Hemingway

Madame Hemingway
8.175

Einstieg

7/10

    Handlungsverlauf

    9/10

      Personendarstellung

      9/10

        Sprache

        8/10

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