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Rezension #116: „Astrid Lindgren – Ihr Leben“ von Jens Andersen

Wie so viele bin auch ich mit den Geschichten von Astrid Lindgren großgeworden. Vor allem „Pippi Langstrumpf“ und „Michel“ liebte ich sehr. Mein Vater nannte mich in Anlehnung an „Ronja“ gerne seine „kleine Räubertochter“. Manchmal glaube ich, dass diese Wahl meiner Kinderzimmerlektüre nicht ganz unschuldige daran war, dass mir heute bisweilen  eine „große Klappe“ nachgesagt wird – „im positiven Sinne“ natürlich. 😉

Lindgrens Figuren kenn ich also sehr gut. Über ihre Schöpferin wusste ich bis vor kurzem jedoch so gut wie gar nichts. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde ich schließlich durch eine Veranstaltung auf diese neue Lindgren-Biografie aufmerksam. Bereits die kurzen Ausschnitte, die ich dort hörte, waren sehr interessant und machten mich neugierig auf das gesamte Buch.

Worum geht es in dem Buch?

Bei Jens Andersens „Astrid Lindgren – Ihr Leben“ handelt es sich um eine klassische Biografie. Angefangen von ihrer Kindheit auf dem schwedischen Land über ihre Ausbildung und ihre frühe, ungewollte erste Schwangerschaft bis hin zu ihren schriftstellerischen Erfolgen, ihrer Arbeit als Lektorin und ihrem Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und Kinderrechte gibt dieses Buch einen vollständigen Überblick über Astrid Lindgrens Leben und ganz nebenbei auch der Geschichte Schwedens (fast) während des gesamten 20. Jahrhunderts.

Wie fand ich…

… den Einstieg?

Astrid Lindgren_CoverJens Andersen beginnt Astrid Lindgrens Biografie an ihrem Lebensabend. Eindrucksvoll beschreibt er, wie die Schriftstellerin zu ihrem 80. und 90. Geburtstag säckeweise Glückwunschkarten und –briefe aus aller Welt erhielt. Auch von den unzähligen Bittbriefen, in denen Astrid Lindgren um Rat und/oder finanzielle Unterstützung gebeten wurde, wird im ersten Kapitel eingegangen. Dabei bekommt man auch bereits einen ersten Eindruck von Astrid Lindgrens Charakter, in dem man erfährt, dass die Autorin tatsächlich nicht selten antwortete oder sogar mit kleineren oder größeren Geldbeträgen aushalf.

Mir sagte dieser Einstieg sehr zu. Er erzeugt ein wenig Spannung und erregt Aufmerksamkeit. Da ich – wie bereits in der Einleitung erwähnt – keine besonderen Kenntnisse über Astrid Lindgrens Leben hatte, war ich neugierig, woher genau ihre große Popularität – neben ihrem Büchern natürlich – rührte. Dies gefiel mir wesentlich besser, als eine streng chronologische Vorgehensweise mit Lindgrens Kindheit im ersten Kapitel.

… den Handlungsverlauf?

Nach dem einleitenden Kapitel führt Jens Andersen chronologisch durch Astrid Lindgrens Leben. Dabei widmet er ihren diversen Aktivitäten im mittleren Alter (Schriftstellerin, Lektorin und Verlagsleiterin, Aktivistin) jeweils eigene, separate Kapitel. Durch diese übersichtliche Darstellung lernte ich die verschiedenen Facetten Astrid Lindgrens gut kennen.

Ich habe dank der Biografie nicht nur viel darüber erfahren wie Astrid Lindgren am häufigsten schrieb (sie stenografierte ihre ersten Entwürfe meist im Bett liegend), sondern auch einiges über die (schwedische) Kinderbuchbranche – ein Genre, mit dem ich mich bislang nicht besonders beschäftigt habe – und die Entstehungsgeschichte zu ihren wichtigsten Werken gelernt. Auch Astrid Lindgrens ambivalentes Verhältnis zu den Verfilmungen ihrer Bücher, zu denen sie nicht selten selbst das Drehbuch schrieb, stellt Jens Andersen schön dar. Trotz dieser Fülle an Informationen, kam ich nie belehrt vor. Dennoch blieb einiges hängen, was diese Rezension, die ich mit 3 Wochen Abstand verfasse, zeigt.

… die Personendarstellung?

Die in „Astrid Lindgren – Ihr Leben“ dargestellten Charaktere kamen mir sehr realistisch vor. Schön fand ich, dass Jens Andersen, wo immer es geht, Astrid Lindgren und ihre WegbegleiterInnen selbst zu Wort kommen lässt, indem er aus Briefen, Tagebucheinträgen, Zeitungsberichten und ähnlichem zitiert. Auch die zahlreichen Bilder machten diese Biografie sehr anschaulich. Auch im von mir gelesenen eBook war die Darstellung der Bilder – obwohl natürlich ausschließlich Schwarz/Weiß – sehr gut und ansprechend. Das Buch vermittelt hierdurch den Eindruck, Astrid Lindgren und ihre Angehörigen und Freunde seien selbst daran beteiligt gewesen.

Angenehm fand ich zudem, dass Jens Andersen Astrid Lindgren nicht übertrieben erhöht darstellt und glorifiziert. So spricht er beispielsweise auch ihre problematische Doppelrolle als Autorin und Leiterin im gleichen Verlag an. Auch ihre wenig rühmliche Arbeit als Postzensorin während des zweiten Weltkriegs, der Astrid Lindgren hauptsächlich aus Pragmatismus nachging, wird ebenso offen angesprochen, wie ihre persönliche Betroffenheit von den Steuererhöhungsplänen der schwedischen Regierung, gegen die die Autorin 1974 so entschieden vorging, und die Kritik an ihrer „sturen“ Haltung. So entstand bei mir ein sehr rundes Gesamtbild. Gerade diese „Ecken und Kanten“ machten Astrid Lindgrens Charakter für mich so gut greifbar und Jens Andersens Darstellung so authentisch.

Wie hoch ist der „starke Frauen“-Faktor?

Ihren Mut und ihre Unabhängigkeit demonstrierte Astrid Lindgren bereits früh. Mit gerade einmal 17 Jahren wird sie ausgerechnet von ihrem Chefredakteur, einem wesentlich älteren mit einer anderen Frau verheirateten Mann, schwanger. In der damaligen Zeit ein Skandal! Lindgren zieht ins anonymere Stockholm, bringt ihren Sohn heimlich in Dänemark zur Welt und gibt ihn für die ersten Lebensjahre bei einer Pflegemutter ab, bis sie ihre eigenen Lebensverhältnisse soweit geordnet hat, dass sie selbst für ihn sorgen kann. Sie entscheidet sich klar für das Kind aber gegen den Vater, und kämpft sich so zunächst als junge Alleinerziehende durch. (Dass es in Astrid Lindgrens Büchern von kleinen, vaterlosen Jungen wimmelt, führt Andersen auf diesen prägenden Lebensabschnitt zurück, der für mich ebenso neu wie spannend zu lesen war.)

Diese Eigenständigkeit bewahrt sich Astrid Lindgren schließlich auch in ihrer späteren Ehe. Trotz zwei Kindern und ihrer Verpflichtungen im Haushalt verdient Astrid Lindgren ihr eigenes Geld, in dem sie während des zweiten Weltkriegs Privatpost zensiert. Später schreibt sie Bericht für die Zeitschrift des schwedischen Automobilclubs, dessen Vorstand ihr Mann angehört, bevor sie halbtags als Lektorin bei dem Buchverlag anfängt, der auch ihre eigenen Bücher veröffentlicht.

Lindgren BeitragsbildIhre große Popularität nutzt Astrid Lindgren in ihren späteren Lebensjahren auch dazu, um sich für die Rechte von Kinder wie beispielsweise eine gewaltfreie Erziehung, den Umwelt-, Tier- und Landschaftsschutz und gegen Atomkraft einzusetzen. 1974 führte ihre (meiner Meinung nach sehr egoistisch motivierte) Kritik an der sozialdemokratischen Steuerpolitik zur Abwahl der damaligen schwedischen Regierung.
Astrid Lindgrens Streitbarkeit beeindruckte mich sehr. Trotz zum Teil harscher Kritik setzte sie sich stets für die Dinge ein, an die sie glaubte und die sie für richtig hielt. Auch wenn ich inhaltlich nicht immer mit ihr übereinstimmte, schätze und bewundere ich ihre Standfestigkeit und Vehemenz, die Kritiker gerne als Starrsinnigkeit und Sturköpfigkeit bezeichneten. Der Erfolg (in dem Sinne, dass Lindgren das, was sie umsetzen wollte, meist auch erreichte) gibt ihr dabei Recht. So ging das schwedische Naturschutzgesetz, dass jeder Kuh eine Wiese, jedem Schwein frisches Stroh und allem Vieh bessere Schlachtbedingungen zubilligte und damals als das strengste Tierschutzgesetz der Welt galt, beispielsweise als „lex lindgren“ in die schwedische Geschichte ein.

Astrid Lindgren war für viele eine unbequeme Frau, weil sie genau wusste, was sie wollte und sich sehr engagiert und effizient dafür einsetzte. Dank ihrer großen internationalen Popularität hatte sie meist großen Erfolg. Astrid Lindgren ließ sich dabei nur schwer für Sachen einspannen, hinter denen sie nicht hundertprozentig selbst stand. All das macht sie für mich ebenso zu einer starken Frau wie ihr mutiger und selbstbestimmter Umgang mit ihrer frühen, unehelichen Schwangerschaft. Ihre neue Biografie „Astrid Lindgren – Ihr Leben“ von Jens Andersen fand ich daher sehr inspirierend.

Wie gefiel mir das Buch insgesamt?

Mit „Astrid Lindgren – Ihr Leben“ legt Jens Andersen eine ebenso inspirierende wie authentische Biografie einer beeindruckenden, bisweilen etwas unbequemen Frau vor. Die Biografie beschränkt sich dabei nicht nur auf ihr schriftstellerisches Leben, sondern zeigt Astrid Lindgren auch als Kind, Mutter und Ehefrau, als Geschäftsfrau und politisch engagierte Aktivistin. Zusammen mit den vielen Zitaten aus Tagebucheinträgen, Briefe und Zeitungsartikeln und die zahlreichen Bildern entsteht so ein sehr rundes Gesamtbild des Menschen Astrid Lindgren, in dem auch weniger positive, umstrittene Aspekte angesprochen werden wie beispielsweise ihre Doppelfunktion innerhalb ihres Verlages. Gerade dass Astrid Lindgren hier nicht übermäßig erhöht und heroisiert wird, gefiel mir an Jens Andersens Biografie besonders.

In „Astrid Lindgren – Ihr Leben“ wird sehr schön deutlich, dass die Schöpferin ihren eigenen Figuren an Freiheitsliebe, Unabhängigkeitsdrang und Selbstbewusstsein in nichts nachstand und sich bis ins hohe Alter ihre kindliche Spieltheit und Fantasie erhielt. Ich kann das Buch allen, die wie ich mit ihren Büchern aufwuchsen und starke weibliche Vorbilder suchen, nur wärmstens ans Herz legen.

Bewertung: ♥ ♥ ♥ ♥  Buchtipp!


Titel: Astrid Lindgren – Ihr Leben ♦ Autor: Jens Andersen ♦ Übersetzung: Ulrich Sonnenberg ♦ Verlag: Deutsche Verlagsanstalt ♦ Format: eBook (ePub) ♦ ISBN: 978-3-641-16795-0 ♦Preis: 21,99€

Leseprobe

Astrid Lindgren - Ihr Leben

Astrid Lindgren - Ihr Leben
7.675

Einstieg

7/10

    Handlungsverlauf

    8/10

      Personendarstellung

      8/10

        starke Frauen Faktor

        8/10

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