5 Herzchen, Fantasy, Liebling, Rezension
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Rezension #108: „Die Mechanik des Herzens“ von Mathias Malzieu

Mathias Malzieu wurde geboren 1974 in Montpellier. Er ist Frontmann und kreativer Kopf der französischen Kultband „Dionysos“, deren Lieder er selbst schreibt, textet und interpretiert. Parallel zu deren sechstem Album „la Mechanique du coeur“ erschien Mathias Malzieus zweiter, gleichnamiger Roman, der überraschend zum internationalen Bestseller wurde.

Worum geht es?

In der Mitte des 19. Jahrhunderts kommt Jack in einem Waisenhaus in Edinbergh zur Welt. Das Wetter ist so kalt, dass die Hebamme – Doktor Madelaine- bei Jack ein gefrorenes Herz diagnostiziert. Zum Glück „repariert“ Madelaine auch Menschen. Sie setzt Jack eine Kuckucksuhr ein, die sein Herz unterstützen soll. Jack überlebt, muss sich aber an ein paar Regeln halten: die Kuckucksuhr muss täglich aufgezogen und regelmäßig gewartet werden. Außerdem muss er seine Gefühle im Zaum haben. So ermahnt ihn Doktor Madelaine regelmäßig, sowohl seinen Zorn zügeln als auch vor der Liebe. Aber das Schicksal nimmt natürlich seinen Lauf und Jack verliebt sich – ausgerechnet an seinem neunten Geburtstag – unsterblich in eine junge Flamencotänzerin.

Warum habe ich es gelesen?

Die liebe Ingrid Pabst hat mich mit ihrer Rezension auf Lebens[leseliebe]lust neugierig auf das Buch gemacht. Das ist nun schon fast 1,5 Jahre her. Ich meine mich aber trotzdem erinnern zu können, dass es zuerst der poetische Buchtitel war, der meine Neugier weckte. Ihre Rezension mit folgendem Fazit überzeugte mich schließlich:

Wer gerne zwischen den Zeilen liest und sich von einer poetischen Schreibweise beeindrucken lässt, sollte schleunigst zum Buch greifen. Zudem ist die Liebesgeschichte zwischen Miss Acacia und Jack derart bezaubernd und doch so real, dass man sie fast spüren kann.

Wie war mein erster Eindruck?

Die Mechanik des Herzens von Mathias Malzieu

Obwohl es „Die Mechanik des Herzens“ auch als eBook (ePub/mobi) gibt, habe ich mich für das Taschenbuch entschieden. Daran war Benjamin Lacombe nicht ganz unschuldig. Er hat wirklich ein wunderschönes Cover gestaltet. Ich finde, nicht nur die beiden Hauptcharaktere gut getroffen, sondern auch die bittersüße, düstere Stimmung des Buchs herrlich eingefangen.

Inhaltlich gefielen mir gleich die ersten Seiten des Buchs wahnsinnig gut. Mathias Malzieu hat eine traumhaft schöne Sprache, auf die ich später noch einmal eingehen werde.

Interessant fand ich, dass man auf einen Ich-Erzähler (Jack) trifft, der von seiner eigenen Geburt erzählt. Tatsächlich beginnt die Handlung sogar kurze Zeit davor. Bereits hierdurch sowie die Schilderung der besonderen Umstände der Geburt wird gleich zu Beginn klar, dass Jack kein gewöhnlicher Junge bzw. Mann ist.

Wie fand ich…

…die Sprache?

Für mich war die Sprache eines (wenn nicht sogar das) Highlights des Buchs. Mathias Malzieu erzählt in so starken Bildern, dass mein Eindruck von Figuren, Orten und Stimmungen beinahe so klar wie bei einem Film war. Gleichzeitig wirkt seine Sprache jedoch auch sehr zart (fast schon filigran). In seinen Worten liegt ein feiner Hauch melancholischer Sehnsucht, der sich nie zu sehr in den Vordergrund drängt und mich trotzdem tief berührte.

…die Charaktere?

Mathias Malzieu beweist in „Die Mechanik des Herzens“, dass er eine Vorliebe für Außenseiter und schräge bisweilen leicht morbide Charaktere hat. Diese schildert er jedoch stets mit viel Einfühlungsvermögen. Zudem statt er sie mit so liebenswerten Schwächen und Eigenarten aus, dass man sie einfach ins Herz schließen muss.

Besonders schön fand ich, dass Mathias Malzieu auch historischer Personen auftreten lässt. So entwickelt sich der französische Filmpionier George Melies für den jungen Jack schnell zum wichtigsten Wegbegleiter und Mentor. Die Geschichte erfährt hierdurch eine gewisse Erdung, ohne von ihrem märchenhaften Zauber einzubüßen.

…das Ende?

Auch das Ende war ganz nach meinem Geschmack. Obwohl es eigentlich sehr traurig ist, fühlte ich mich dadurch getröstet. Nachdem ich so lange mit Jack durch alle emotionalen und seelischen Höhen und Tiefen gegangen war, war dieser Abschluss für mich wie ein heilender Balsam, der mich zu einer tiefen inneren Ruhe finden ließ. Auf mich hatte der Schluss eine reinigende Wirkung, wie es sonst nur ein hemmungsloses Ausheulen im Arm der besten Freundin hat.

…das Buch insgesamt?

„Die Mechanik des Herzens“ ist ein berührendes Gothic-Märchen für Erwachsene. Mathias Malzieu erzählt eine bitter-süße Geschichte vom Wesen der Liebe. Dabei lässt er auch die unangenehmen Seiten wie unerwiderte Sehnsucht und rasende Eifersucht nicht aus. Das Ergebnis ist eine der zauberhaftesten, poetischsten und melancholischsten Liebesgeschichten, die ich gelesen habe. Fast schon scheint die Geschichte zu schweben, so zart und gefühlvoll schreibt Mathias Malzieu über Jacks Liebe zur Miss Acacia. Gleichzeitig steckt „Die Mechanik des Herzens“ jedoch voller düsterer Melancholie. Eine gewisse Erdung erfährt das Buch durch die sehr geschickte Einbeziehung historischer Personen.

Aus „Die Mechanik des Herzens“ spricht viel Lebensweisheit und –erfahrung, die auf sehr phantasievolle Weise in einen bildreichen und ausdrucksstarken Text umgesetzt wurde. Mathias Malzieu scheint seine innersten Empfindungen auszudrücken; und diese – so merkt man schnell – unterscheiden sich im Kern nicht von den eigenen Sehnsüchten, Wünschen und Ängsten oder denen jedes anderen Menschen. Hierdurch schien er nicht nur sich selbst zu offenbaren, sondern auch mir weit in die Seele zu schauen. Das ist es auch, weshalb es ihm gelang, mich so tief mit seiner Geschichte zu berühren.

Bewertung: ♥♥♥♥♥ Lieblingsbuch!


Titel: Die Mechanik des Herzens ♦ Autor: Mathias Malzieu ♦ Übersetzung: Sonja Finck ♦ Verlag: btb ♦ Format: Taschenbuch ♦ Umfang: 192 Seiten ♦ ISBN: 978-3-442-74780-1 ♦ Preis: 8,99€ ♦ Leseprobe: >>randomhouse.de<< 


Und sonst noch?

jackkuckucksuhrherzt_442272014 wurde die Verfilmung des Buchs unter dem Titel „Jack und das Kuckucksuhrherz“ veröffentlicht. Mathias Malzieu schrieb nicht nur das Drehbuch für diese 3D-Animation, sondern führte auch zusammen mit Stephane Berla die Regie. In der französischen Originalfassung spricht er zudem Jack. Die Musik zum Film stammt von seiner Band „Dinoysos“.

Ich weiß noch immer nicht, ob ich den Film sehen möchte. Eigentlich wäre es ein toller Stoff für Tim Burton gewesen, dessen Filme ich liebe. Vielleicht machte Mathias Malzieu als Autor der Romanvorlage seine Sache auch nicht schlecht. Wie immer scheint mir aber die Gefahr zu groß, von der Verfilmung enttäuscht zu werden. Gerade weil mir das Buch so sehr gefiel.

Die Mechanik des Herzens

Die Mechanik des Herzens
9.28

Einstieg

9/10

    Charaktere

    9/10

      Handlungsverlauf

      9/10

        Schluss

        10/10

          Sprache

          10/10

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