4 Herzchen, Rezension, Roman
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Rezension #106: „Eigentlich müssten wir tanzen“ von Heinz Helle

Heinz Helle wurde 1978 geboren und studierte in München und New York Philosophie. Er ist Absolvent des Schweizer Literaturinstituts in Biel, wo er mit seiner Frau und Tochter lebt. Sein Debütroman „Die beruhigende Klang von explodierendem Kerosin“ erschien 2014 und schaffte es prompt auf die Shortlist zum Schweizer Buchpreis 2014. Auch sein im September erschienener zweiter Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“ erhielt bereits einige Aufmerksamkeit. Er stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2015.
Heinz Helle erschafft hierin eine atmosphärisch dichte, apokalyptische Vision, in der er die Frage ansiedelt, was den Menschen im Kern tatsächlich ausmacht.

Worum geht es?

Eine Gruppe junger Männer verbringt das Wochenende auf einer einsamen Berghütte. Als sie wieder in das Tal zurückkehren, ist ihr Wagen – genau wie alle anderen Autos – ausgebrannt. Die Einwohner der Ortschaft sind tot oder geflohen. Die Häuser und Läden geplündert. Verängstigt versuchen sie, sich zu Fuß durch das zerstörte Land zuschlagen. Es sind hauptsächlich ihre Erinnerungen, die sie weitergehen lassen. Mit der Zeit wird es aber immer schwieriger für sie, noch einen Grund zu finden, um am Leben zu bleiben.

Warum habe ich es gelesen?

Nach der Leseprobe zur Longlist des Deutschen Buchpreises 2015 landete „Eigentlich müssten wir tanzen“ auf meiner persönlichen Shortlist. Besonders neugierig wurde ich auf den Roman, als er auch in einem Newsletter der Fantasy-, SciFi- und Horrorbuchhandlung Otherland Berlin empfohlen wurde. Buchpreiskandidaten hatte ich hier bis dato noch keine gefunden.

Wie war mein erster Eindruck?

Der Einstieg in „Eigentlich müssten wir tanzen“ fiel mir nicht ganz leicht. Die unterkühlte, extrem sachliche Sprache in Verbindung mit dem episodischen Aufbau des Romans war für mich zunächst ungewohnt. Nach einigen Seiten gelang es mir jedoch, mich in dem Buch zu Recht zu finden und lernte schnell den besonderen Reiz dieser Eigenheiten schätzen.

Eigentlich müssten wir tanzen_CoverWie fand ich…

…die Sprache?

Heinz Helle erzählt „Eigentlich müssten wir tanzen“ in einer sehr kargen, nüchtern-sachlichen und unterkühlten Sprache. Dabei verzichtet er fast gänzlich auf Adjektive oder Adverbien. So gewöhnungsbedürftig dieser Sprachstil auch sein mag, passt er doch sehr gut zu der apokalyptischen, zerstörten Landschaft und der Trostlosigkeit und Agonie, in der sich die Männer plötzlich wiederfinden. Die Wirkung dieser Sprache sowie meine eignen Bilder in meinem Kopf, die Heinz Helle damit heraufbeschwört, ist so groß, dass mich der Roman schnell durch ein starkes Gefühl der Beklemmung verstörte.

…den Aufbau?

Unterstützt wird diese Wirkung durch den szenenhaften Aufbau, den Heinz Helle wählt. Er erzählt in geradezu lakonischen Shortcuts. Aus kurzen Flashbacks erfährt der Leser aus den vorherigen Leben der Protagonisten. Dem Roman fehlt es vollkommen an beschreibenden Längen, die einen Ort, eine Person oder eine Stimmung näher beschreiben würden. Dadurch bietet sich dem Leser keinerlei verstreuende Unterhaltung. Es gibt auch für ihn – genau wie für die Protagonisten – kein Entkommen aus der Ödnis der Situation. Fast glaubte ich, die Melancholie, das Grauen und die zunehmende Verzweiflung der Protagonisten selbst spüren zu können.

…die Charaktere?

In „Eigentlich müssten wir tanzen“ findet man keine fein ausdifferenzierten, komplexen Charaktere. Zwar erfährt man in Flashbacks einiges über die „alten“ Leben der Männer und ihre Jobs. Diese Welt scheint jedoch weit hinter den Freunden zu liegen. Ihr existenzieller Überlebenskampf lässt die persönlichen charakterlichen Unterschiede zwischen ihnen zunehmend verschwinden, bis die Männer schließlich nur noch „funktionieren“. Sie essen, sie schlafen, sie gehen weiter. Für mehr fehlt immer mehr die Energie. Die Gruppe wird zur reinen Zweckgemeinschaft.

Besonders interessant fand ich, dass man sich innerhalb der Gruppe unausgesprochen auf bestimmte Regeln einigte, die gegenüber anderen nicht galten. Außenstehende werde ab einem bestimmten Punkt nicht einmal mehr als gleichwertige Menschen angesehen. Über diese Entwicklung zu lesen, verstörte mich sehr.

…den Schluss?

Das ganze Buch liest sich bereits wie eine Aneinanderreihung verstörender Szenen, zwischen denen ich mir des Öfteren etwas Erholung gewünscht hätte. Den Schluss fand ich diesbezüglich aber noch einmal besonders krass. Wenn man „Eigentlich müssten wir tanzen“ beendet hat, ist der Impuls groß, sich vor lauter Hoffnungslosigkeit und Melancholie aus dem Fenster zu stürzen. (Wie gut, dass ich im Souterrain wohne.) Selten hat mich ein Buch so sehr in eine bestimmte Gefühlswelt hineingezogen.

Der Schluss ließ mich noch einmal vor Grauen erschaudern. Insgesamt ist er die konsequente Fortsetzung des restlichen Romans, wodurch sich ein schlüssiges Gesamtbild ergibt.

…das Buch insgesamt?

Mit „Eigentlich müssten wir tanzen“ legt Heinz Helle ein atmosphärisch sehr dichtes und intensives Buch vor. Durch die karge Sprache und den episodischen Aufbau werden die zunehmende Hoffnungslosigkeit und Agonie der Protagonisten eindrucksvoll transportiert. Für mich als Leserin waren Depression und abnehmender Lebenswille der Protagonisten fast körperlich spürbar.

Dabei gelingt es Heinz Helle von weit mehr als nur dem Grauen der Männer angesichts der apokalyptischen Welt, in der sie sich plötzlich wieder finden, zu berichten. Vielmehr dient ihm diese typische Horrorbuch-Szenerie dazu, die großen Fragen der Menschheit stellen. So erzählt „Eigentlich müssten wir tanzen“ auch vom Sinn des Lebens und dem Inhalt und Wert von Freundschaften. Auch die Fragen, ob das bloße Aufrechterhalten von Körperfunktionen ausreicht, um überhaupt von einem Leben sprechen zu können, spielt eine zentrale Rolle des Romans. Dass auch Heinz Helle letztendlich nicht auf alles eine endgültige Antwort hat, hat in all der existenziellen Schwermut fast schon etwas Tröstliches.

Besonders beeindruckend fand ich, dass sich der Roman trotz aller dieser philosophischen Fragen nach einer kurzen Eingewöhnung erstaunlich gut und flüssig las. Auch wenn „Eigentlich müssten wir tanzen“ keine leichte Unterhaltungsliteratur ist, konnte ich den Roman gut nach Feierabend lesen, ohne mich überfordert zu fühlen.

Bewertung: ♥♥♥♥♥ Buchtipp!


Titel: Eigentlich müssten wir tanzen ♦ Autor: Heinz Helle ♦ Verlag: Suhrkamp ♦ Format: eBook (ePub) ♦ ISBN: 978-3-518-42493-3 ♦ Preis: 19,95€ ♦ Leseprobe: >>PDF<< ♦ Autorenlesung: >>youtube<<

Eigentlich müssten wir tanzen

Eigentlich müssten wir tanzen
7.9

Einstieg

7/10

    Aufbau

    8/10

      Sprache

      9/10

        Charaktere

        7/10

          Schluss

          9/10

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