3 Herzchen, Krimi, Rezension
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Rezension #105: „Ein Bulle im Zug“ von Franz Dobler

Für seinen Roman „Ein Bulle im Zug“ erhielt Franz Dobler den „Deutschen Krimipreis 2015“. Die Jury lobte vor allem Franz Doblers „unfassbar gute Augen und Ohren für den Irrwitz, die furchtbare Komik und den Wahnsinn nicht nur des gesellschaftlichen Pandämoniums, das in Zügen unterwegs ist“ und nannte „Ein Bulle im Zug“ einen „kompletten, richtig guten Kriminalroman“. Gerade letzteren Eindruck kann ich leider nicht bestätigten.

Worum geht es?

Fallner wurde vom Polizeidienst suspendiert, weil er bei einem Einsatz einen Jungen erschoss. Laut Fallners Aussage hatte dieser zuvor eine Waffe gezogen. Dumm nur, dass sein Partner Mayer nichts dergleichen gesehen haben will. Um den Kopf wieder frei zu bekommen und zu sich selbst zu finden, beschließt Fallner, mit dem Zug aufs gerade Wohl kreuz und quer durch Deutschland zu fahren. Im Gepäck hat er den Fall eines mutmaßlichen Serienmörders, der immer in der Nähe von Bahnhöfen zuzuschlagen scheint. Gelingt es ihm neue Ermittlungserkenntnisse zu Tage zu fördern? Und was ist mit seinem eigenen Fall?

Warum habe ich es gelesen?

Franz Dobler wurde für „Ein Bulle im Zug“ mit dem Deutschen Krimipreis 2015 ausgezeichnet. Daran habe ich mich erinnert, als ich dieses Buch in einer schönen Ausgabe bei der Büchergilde entdeckte. Das schlichte, klare und doch aussagekräftige Cover gefiel mir wesentlich besser als das des Tropen Verlags.

Wie war mein erster Eindruck?

Schon beim Anlesen in der Buchhandlung merkte ich, dass ich einen ungewöhnlichen Krimi in den Händen hielt und wurde neugierig. Franz Dobler hat ein beeindruckendes Sprachgefühl und zeichnet mit seinen Worten ebenso starke wie ungewöhnliche Bilder, die einem lange im Gedächtnis bleiben. Da wird beispielsweise auf einem ICE ein „weißer Hai, der den Tag herbei sehnt, an dem er mitten in der Stadt seine Kraft zeigen und den Sackbahnhof mit voller Wucht attackieren könnte“ (Seite 8) und aus Autos „Monsterkisten“.

Frank Dobler wirft den Leser vollkommen unvorbereitet mitten hinein in die Geschichte und den reichlich verwirrten Kopf von Fallner. Er erzählt unchronologisch, springt immer wieder in unterschiedlich weit zurückliegende Vergangenheiten zurück. Dadurch dauerte es eine Weile, bis ich mich in diesem Text, der Situation und den Zusammenhängen zu Recht fand. Für ein Buch, auf dessen Cover das Wort „Krimi“ prangt, ist das höchst ungewöhnlich. Im Allgemeinen erwarte ich von diesem Genre eine leichter zugängliche Lektüre. Dennoch hatte auch dieser Mix für mich seinen Reiz.

Wie fand ich…

… die Charaktere?

„Ein Bulle im Zug“ kommt mit sehr wenigen Charakteren aus: Neben Protagonist Fallner spielen nur Fallners Frau Jacqueline und sein Partner Mayer weitere wesentliche Rollen. Was mir die Sache etwas erschwerte, war, dass keiner der Charaktere echte Sympathiepunkte bei mir sammeln konnte. Die mehr oder weniger offene Aggressivität beider Männer gegenüber Frauen fand ich ebenso befremdlich wie Jacquelines oftmals sehr derbe, reichlich provozierende Ausdrucksweise und ihre Waffenliebe. So konnte ich leider nur schwer und unzureichend Zugang zu den Charakteren finden, was das Leseerlebnis natürlich störte.

… den Handlungsverlauf?

Der Handlungsverlauf war für mich bisweilen verwirrend und meist nur schwer zu erkennen. Im Kern geht es darum, wie Fallner seinen tödlichen Schuss auf einen afghanischen Jungen verarbeitet. Er scheint traumatisiert und versucht immer wieder den genauen Ablauf des Einsatzes zu rekonstruieren. Dabei beschäftigt ihn vor allem die Frage, ob der Junge eine Waffe hatte, wie Fallner zu sehen glaubte, und wo diese abgeblieben sein könnte. Franz Dobler nimmt den Leser in die zum Teil doch sehr wirren Gedankengänge von Fallner mit. Die Erzählung mäandert um aktuelle Geschehnisse, Gedanken, Rückblenden, Fantasien, (Wunsch-)Träume und Halluzinationen. Da forderte es mich manchmal sehr, den Überblick zu behalten. Über weite Strecken gerät der Krimi zum Psychogramm.

All dies wäre grundsätzlich okay, wenn denn der Klappentext nicht etwas vollkommen anderes in Aussicht stellen würde. Der zweiter Handlungsstrang, die Aufklärung der mutmaßlichen Mordserie im Bahnhofsumfeld, wird nur nebenbei behandelt und nicht konsequent weitergeführt. Mich enttäuschte dies etwas.

… den Schluss?

Den Schluss fand ich denn einerseits sehr gut, den hier wusste Franz Dobler noch einmal zu überraschen. Das Ende war für mich vollkommen unerwartet. Auch mit der darin enthaltenen Brutalität hatte ich nicht gerechnet.

Andererseits konnte ich die Schlussfolgerungen, die Fallner zur Lösung seines „Problems“ führten, nicht immer nachvollziehen. Auch, dass die Mordserie nicht noch einmal aufgegriffen wird, fand ich sehr schade. Dieser Handlungsstrang verläuft leider irgendwann vollkommen im Sande.

… die Sprache?

Franz Dobler hat ein tolles Sprachgefühl. Gekonnt und originell spielt er mit der deutschen Sprache. Mir gefiel dies ebenso sehr wie sein schwarzer Humor, der immer da zum Vorschein kommt, wo Fallner den erschossenen Jungen „sieht“ und mit ihm „Unterhaltungen“ führt. Morbider, makabrer Humor wie dieser ist genau mein Geschmack.

… das Buch insgesamt?

Trotz einiger Stärken konnte mich „Ein Bulle im Zug“ leider nicht überzeugen. Zwar erkenne ich den originellen Versuch, den klassischen Kriminalroman mit anderen Genre zu mixen. Allein die Umsetzung scheint mir nicht gut geglückt. Grundsätzlich gefiel es mir, dass Franz Dobler anspruchsvollere Töne anstimmte und sich mit „Ein Bulle im Zug“ von der reinen Unterhaltungsliteratur entfernt. Auch seinen herrlichen schwarzen Humor fand ich gut.

Leider schafft es Frank Dobler dabei aber nicht, sämtliche Handlungsstränge konsequent zu Ende zu erzählen. So versandte Fallners eigentlicher Arbeitsauftrag auf seiner Zugreise relativ schnell im allgemeinen Gefühls- und Gedankenchaos und wird auch am Schluss nicht noch einmal aufgegriffen. Dies störte mich massiv.

Auch die Charaktere waren schwierig gezeichnet und boten für mich nur wenige Identifikationsmöglichkeiten. So fand ich denn auch keine Zugang zu den Figuren und damit letztlich auch zur Story.

Bewertung: ♥♥♥♥♥ lesenswert


Titel: Ein Bulle im Zug ♦ Autor: Franz Dobler ♦ Verlag: Tropen ♦ Format: Hardcover ♦ Umfang: 347 Seiten ♦ ISBN: 978-3608501254 ♦ Preis: 21,95€ ♦ Leseprobe: >>klick<<

(Die von mir gelesene Ausgabe der Büchergilde Gutenberg ist leider vergriffen.

 

Ein Bulle im Zug

Ein Bulle im Zug
5.66

Einstieg

5/10

    Handlungsverlauf

    4/10

      Charaktere

      5/10

        Schluss

        6/10

          Sprache

          8/10

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