5 Herzchen, Frauen, Liebling, Rezension, Roman
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Rezension #102: „Lady Africa“ von Paula McLain

In ihrem neuen Roman erzählt Paula McLain die Geschichte von Beryl Markham, einer Flugpionierin, die als erste Frau den Atlantik überquerte. Da ich eine Vorliebe für biografische Romane über mutige, außergewöhnliche, starke Frauen habe, war ich sofort begeistert, als ich in der Vorschau auf das aktuelle Herbstprogramm des Aufbau Verlags „Lady Africa“ fand. Ich wurde nicht enttäuscht: Meine Begeisterung war tatsächlich so groß, dass ich mir nur wenige Tage, nachdem ich dieses Buch beendet hatte, auch „Madame Hemingway“ von Paula McLain zulegte.

Worum geht es?

Die junge Beryl wächst Anfang des 20. Jahrhunderts bei ihrem Vater, einem britischen Lord, im afrikanischen Busch auf. Ohne ihre Mutter, welche die Tochter früh verlässt, fehlt es Beryl an weiblichen Vorbildern. Sie wird zu einem wahren Wildfang und teilt mit ihrem Vater die Liebe zu Rasserennpferden. Aber es fällt ihr schwer, ihren Platz in der steifen, aristokratischen Gesellschaft zu finden, die von ihr das Tragen von Seidenkleidern, Sonnenhüten und weißen Handschuhen verlangt.

Erst als sie Karen „Tania“ Blixen – die Autorin von „Jenseits von Afrika“ – und dessen Geliebten Denys Finch Hatton kennenlernt, fühlt sich Beryl erstmals verstanden. Die Freundschaft der drei beeinflusst Beryls Leben auf schicksalhafte Weise gleich mehrfach und begründet schließlich auch ihre Liebe zur Fliegerei.

Warum habe ich es gelesen?

Biografischen Geschichten von außergewöhnlichen, mutigen oder starken Frauen kann ich nur sehr schwer wiederstehen. So war ich der Flugpionierin Beryl Markham bereits in „Mutige Frauen. Flintenweiber, Königinnen, Kurtisanen“ von Peter Braun begegnet. Bereits diese Kurzbiografie las sich sehr spannend und machte mich neugierig. Daher war ich sofort begeistert, als ich in der Vorschau auf das aktuelle Herbstprogramm des Aufbau Verlags mit „Lady Africa“ eine ausführliche Biografie fand. Hinzu kam, dass bei Readpack.de, auf deren Urteil ich mittlerweile blind vertraue, bereits eine sehr positive Rezension zu Paula McLains letztem Werk „Madame Hemingway“ erschienen war.

Wie war mein erster Eindruck?

McLain_LadyAfrica_U1.inddDas Hardcover ist schön gestaltet. Gerade für mich, die ich normalerweise lieber eBooks lese, ist es immer eine besondere Freude ein so tolles Buch in Händen zu halten, das ich mir nur in besonderen Ausnahmefällen wie diesem gönne. Der Schutzumschlag zeigt ein Foto von Beryl Markham vor einem Motorflugzeug. Auch Einband, Bindung, Papierqualität und das Lesebändchen tragen zum wertigen Gesamteindruck bei.

Im Prolog wird zunächst der wohl berühmteste Moment in Beryl Markhams Leben – ihr Flug über den Atlantik – vorweggenommen. Paula McLain, die in der Ich-Form aus Beryl Markhams Perspektive erzählt, beendet ihn mit einem Cliffhanger an einer Stelle, an der noch nicht klar ist, ob Beryl Markham den Flug erfolgreich beenden wird. Danach beginnt das Buch mit dem Umzug der Familie von London nach Afrika in das britische Protektorat – das heutige Kenia – als Beryl gerade einmal knapp 3 Jahre alt ist. Mir gefiel dieser packende, spannende Prolog. Dank der Erzählperspektive fand ich schnell in die Geschichte und Zugang zu Beryl Markhams Charakter.

Wie fand ich die Sprache?

Bereits durch die Entscheidung, Beryl Markham die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen zu lassen, entstand bei mir schnell ein persönlicher Bezug zum Inhalt dieses Romans. Paula McLain schreibt zudem in einer sehr lebendigen Sprache mit viel wörtlicher Rede, so dass sich „Lady Africa“ leicht und unterhaltsam liest. Das Buch hat sich von den eher recht trockenen Tatsachenberichten, die man bei Biografien leider des Öfteren antrifft. Vollkommen zu Recht hat der Aufbau Verlag daher „Roman“ unter den Titel geschrieben.

Wie fand ich die Charaktere?

Paula McLain entwirft in „Lady Africa“ sehr lebendige Charaktere, mit einer für historische Figuren eher ungewohnten Tiefe. Dies trägt sehr zum hohen Unterhaltswert des Buches bei, da auch das Konfliktpotenzial zwischen den einzelnen Figuren schön herausgearbeitet ist.

Bisweilen habe ich mich aber gefragt, wie viel von den Charaktereigenschaften, die Paula McLain ihren Figuren zuspricht, tatsächlich belegbar sind und was der besseren Lesbarkeit und des Unterhaltswerts wegen der literarischen Freiheit der Autorin zuzuschreiben ist. Zwar macht Paula McLain im Anhang zum Buch einige Anmerkungen zu den zahlreichen Quellen zu ihrem Roman; eine befriedigende Antwort auf diese Frage erhielt ich jedoch auch hier nicht. Andererseits ist diese historische Exaktheit bei einem Roman aber auch gar nicht erforderlich.

Wie fand ich den Aufbau?

„Lady Africa“ ist in drei Teile unterteilt, die jeweils aus einzelnen Kapiteln von wenigen Seiten bestehen. Ein Prolog und Epilog runden den Roman ab.
Mir gefiel dieser Aufbau sehr gut. Abgesehen vom Prolog werden die wichtigsten Stationen in Beryl Markhams Leben in streng chronologischer Reihenfolge erzählt. Der berühmte rote Faden ist dabei stets erkennbar. Auch die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Ereignissen und Personen wurden mir stets klar, so dass ich der Handlung zu jedem Zeitpunkt problemlos folgen konnte.

Nur kurz vor dem Ende des zweiten Teils gibt es nach Kapitel 32 einen für mich nicht nachvollziehbaren zeitlichen Sprung, der leider auch später nicht aufgeklärt wird. Kapitel 32 endet damit, dass sich Beryl Markham beinahe mittellos und vollkommen auf sich gestellt im afrikanischen Busch wiederfindet. Das nächste Kapitel handelt schließlich von ihrem Aufenthalt in London, ohne darauf einzugehen, wie sie es dorthin schaffte. Diese Lücke fand ich schade; sie ist jedoch der einzige echte Kritikpunkt am gesamten Roman.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

Mit „Lady Africa“ legt Paula McLain einen wunderbaren, leicht und unterhaltsam zu lesenden Roman über Beryl Markhams Leben vor ihrer Atlantiküberquerung vor. Es ist die Lebensgeschichte einer jungen Frau, die sich in den aristokratischen Kreisen und gesellschaftlichen Zwängen des beginnenden 20. Jahrhunderts ein selbstbestimmtes, unabhängiges und freies Leben erkämpft. Ihre Leidenschaft, ihr Mut und ihre Zielstrebigkeit inspirieren und beeindrucken auch noch heute.

Der Leser lernt Beryl Markham als wildes, junges Mädchen kennen, das später angeregt durch die Pferdeliebe ihres Vaters die erste, sehr erfolgreiche Pferdetrainerin Afrikas wird. Tatsächlich enthält „Lady Africa“ neben vielen wunderschönen Landschaftsbeschreibungen auch lange, spannende Passagen über den Pferdesport, die selbst mich, obwohl ich keine besondere Pferdefreundin bin, fesseln konnten.
Nur privat will sich Beryls Glück nicht so recht einstellen. Mit den Männern und der Ehe macht sie eher schlechte Erfahrungen. Ihr großer Drang nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit stößt nur selten auf Verständnis. Auch diese unglückliche, sehnsüchtige Seite von Beryl Markham zeigt „Lady Africa“ auf eine sehr eindrückliche Weise, die mich wie bei einer nahen Freundin mitleiden ließ. Umso mehr beeindruckte es mich daher, dass Beryl tatsächlich niemals aufgab und sich auch nicht von großen Schicksalsschlägen, von denen es in ihrem Leben gleich mehrere gab, aus der Bahn werfen ließ.

Etwas schade ist nur, dass der Roman tatsächlich mit der Atlantiküberquerung endet und nicht auch noch Beryl Markhams weiteres Leben beleuchtet, das nicht weniger abenteuerlich verlief. Aber auch so begeisterte mich Paula McLain durch ihre leichtfüßige, unterhaltsame Erzählart, die vollkommen ohne Pathos, Kitsch oder Schwülstigkeit auskommt. Dieser klare, lebendige Sprachstil gefiel mir sehr. Ich habe das Buch regelrecht verschlungen. Ein bisschen ärgerte es mich, dass ich dem Aufbau Verlag eine Rezension dazu zugesagt hatte, denn viel lieber als das Buch auseinander zu nehmen, wie ich es nun getan habe, hätte ich es einfach still für mich genossen. Dann aber hättet Ihr nie erfahren, wie wunderbar „Lady Africa“ ist.

Meine Begeisterung war tatsächlich so groß, dass ich mir nur wenige Tage, nachdem ich dieses Buch beendet hatte, auch „Madame Hemingway“ von Paula McLain zulegte. Ebenfalls als Hardcover. Das werde ich – so mein fester Vorsatz – aber tatsächlich nur für mich alleine lesen und ohne anschließende Rezension still genießen.

Bewertung: ♥♥♥♥♥ Lieblingsbuch


Titel: Lady Africa ♦ Autorin: Paula McLain ♦ Übersetzung: Yasemin Dincer ♦ Verlag: Aufbau ♦ Format: Hardcover ♦ Umfang: 458 Seiten ♦ ISBN: 978-3-351-03619-5 ♦ Preis: 19,95€

Lady Africa

Lady Africa
9.12

Einstieg

10/10

    Sprache

    9/10

      Charaktere

      9/10

        Aufbau

        9/10

          Schluss

          8/10

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            1. Pingback: Lieblinge und Schwächlinge des 2. Halbjahres 2015 – Kerstin Scheuer

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