0 Herzchen, Roman
Schreibe einen Kommentar

abgebrochen #2: „Der Pfandleiher“ von Edward Lewis Wallant

Obwohl die Verfilmung von 1964 längst zu den Klassikern zählt, erschien „Der Pfandleiher“ von Edward Lewis Wallant erst am Montag (05.10.2015) erstmals in deutscher Übersetzung. Mich interessierte die Geschichte um den deutschen Juden und KZ-Überlebenden, der sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Pfandleiher in New York ein neues Leben aufzubauen versucht, sehr, da sie ein literarisch eher selten bearbeitetes Thema aus einem ungewöhnlichen und persönlichen Blickwinkel schildert. Leider wurde ich jedoch nicht warm mit den Charakteren; und auch die Handlung war mir zu zäh. Deshalb brach ich das Buch schließlich rund 70 Seiten vor dessen Schluss ab.

Worum geht es?

Sol Nazerman ist deutscher Jude und KZ-Überlebender. Nach dem zweiten Weltkrieg wanderte er nach New York aus, wo er seitdem als Pfandleiher in Spanish Harlem den Lebensunterhalt für sich und die Familie seiner Schwester verdient. Nach außen mimt er den unnachgiebigen, knallharten Geschäftsmann, der nichts und niemanden an sich heran lässt. Aber die traumatischen Erlebnisse in seiner Vergangenheit lassen ihn nicht los und verfolgen ihn nachts in seine Träume. Als er erfährt, dass sein Boss sein Geld zum Teil im Rotlichtmilieu macht und über das Pfandleihhaus wäscht, versucht er erfolglos auszusteigen. Gleichzeitig bemerkt er eine Veränderung an seinem Angestellten Jesus Ortiz, der sich nach Feierabend in der Gesellschaft einiger zwielichtiger Gestalten herumtreibt, und zweifelt an dessen Loyalität. Zu Recht?

Warum wollte ich es lesen?

Ich fand vor allem den Stoff wahnsinnig interessant. Bücher über die Verbrechen deutscher Nazis während des Zweiten Weltkriegs gibt es ebenso viele wie über das Leben in den KZ. Schon wesentlich seltener sind hingegen Romane, die zeigen, wie ein Überlebender eines KZ nach dem Zweiten Weltkrieg versucht, wieder ins „normale“ Leben zurückzufinden.
Obwohl die Verfilmung von 1964 längst ein Klassiker ist, erschien die Romanvorlage am 05.10.2015 erstmals in einer deutschen Übersetzung. Auch das machte mich neugierig.
Die >>Leseprobe<< sprach mich an. Sie überraschte mich vor allem durch den feinen Humor, der in der Szene, in der Sol mit einem Kunden um einen Kreditbetrag feilscht, aufblitzte. Bei der Schwere des Themas hatte ich das zwar nicht erwartet. Es versprach jedoch eine interessante Mischung, die dem ernsten Inhalt etwas besser verdaulich zu machen schien.

Warum habe ich es abgebrochen?

Ich habe das Buch etwa 70 Seiten vor dessen Schluss, also nachdem ich gut Dreiviertel gelesen hatte, abgebrochen. Sprachlich fand ich „Der Pfandleiher“ nicht schlecht. Das ist auch der Grund, warum ich überhaupt so weit gelesen habe.
Mir fehlte jedoch ein klarer Spannungsaufbau. Auch dass ich mich nicht richtig in die Charaktere hineinversetzen konnte, machte die Lektüre nicht eben einfach. Ich merkte zunehmend, wie ich mich beim Lesen langweilte, bis mich schließlich die Lust auf diesen Roman ganz verließ.

Edward Lewis Wallant lässt sich viel Zeit, um seine Charaktere – vor allem Sol Nazerman – vorzustellen und zu beschreiben. Dabei bekommt man jedoch nur sehr selten einen Einblick in dessen innere Gefühls- und Gedankenwelten. Stattdessen nimmt Wallants Erzähler fast ausschließlich die Position des reinen Beobachters ein. Sehr detailliert und mit viel Beobachtungsgabe werden hauptsächlich Handlungen, Reaktionen und Gesichtsausdrücke beschrieben. Dabei bleibt es dem Leser selbst überlassen, hieraus eigene Rückschlüsse auf die Motive und Emotionen der Charaktere zu ziehen.
Dies allein wäre ja noch nicht schlimm. Eigentlich sind mir Bücher, die vom Leser eine gewisse Eigenständigkeit verlangen, sogar meist lieber, als solche mit allzu plakativen Charakterbeschreibungen. Blöd ist nur, dass Sol Nazerman, die Hauptfigur in „Der Pfandleiher“, sehr verschlossen ist, und ständig versucht, alle Menschen um sich herum durch eine besonders kalte, abweisende und mürrische Art auf Abstand zu halten. Dies führt zwar bisweilen zu sehr unterhaltsamen, fast schon komischen Auswüchsen, wenn man das Unausgesprochene hinter einer Szene erkennt. Meist gelang mir genau dieses Kunststück jedoch nicht. Dann las ich einfach nur einen Text über einen besonders griesgrämigen, ständig unfreundlichen Mann, dessen Gefühlswelt mir ein Rätsel blieb.

Ich hoffte also auf eine Wende, ein Ereignis, dass Sol Nazerman aus der Reserve locken und einen inneren Wandel bei ihm in Gang setzen würde. Tatsächlich werden zu meiner Freude auch bereits früh gleich mehrere solcher Begebenheiten in der Handlung angelegt. Leider blieb die tatsächliche Wende jedoch auch 70 Seiten vor dem Ende des Buchs noch immer aus.

(Ich habe das restliche Buch anschließend für diese Rezension quergelesen und festgestellt, dass es ganz am Ende doch noch ein dramatischen Erlebnis kommt, das Sol Nazerman schließlich zum Umdenken bringt. Aber auch diese Erkenntnis konnte mich nicht mehr für den Rest des Buchs begeistern.)

„Der Pfandleiher“ plätschert über mehrere 100 Seiten in einer gefälligen Sprache weitestgehend nichtssagend vor sich hin. Lediglich die Szenen mit den Kunden des Pfandleihhauses und seine Erinnerungen und an die Zeit im KZ brachten zumindest ein bisschen Abwechslung und so etwas wie Spannung und Unterhaltung. Letztendlich reichte jedoch auch das nicht aus, um mich richtig für „Der Pfandleiher“ zu erwärmen. Bis zum Schluss vermisste ich einen klaren roten Faden in der Handlung. Die Gleichförmigkeit von Sol Nazermans Tagen schlägt sich auch in einer Gleichförmigkeit der Kapitel nieder. Bei mir löste dies leider nur Langeweile und Desinteresse aus.

Vielleicht bin ich einfach zu jung für dieses Buch. Die Schrecken des Krieges und das Leid durch Folter und Vertreibung sind mir gottseidank fremd. Ohne diese Erfahrungen und konkrete Einblicke in Sol Nazermans Gefühls- und Gedankenwelt war es mir schlicht nicht möglich, mich in einen Charakter, der all das am eigenen Leib erfahren musste und überlebte, hineinzuversetzen. Aber selbst wenn mir dies besser gelungen wäre, hätte es wohl nichts an Wallants schlechtem Timing und dem mangelhaften Spannungsaufbau geändert. Vielleicht werde ich es dennoch zu einem späteren Zeitpunkt, wenn ich selbst auf mehr Lebenserfahrung – wenn auch hoffentlich weiterhin nicht dieser Natur – zurückblicken kann, noch einmal mit „Der Pfandleiher“ versuchen.

der PfandleiherBewertung: ♥♥♥♥♥ abgebrochen


Titel: Der Pfandleiher ♦ Autor: Edward Lewis Wallant ♦ Übersetzung: Barbara Schaden ♦ Verlag: Berlin Verlag ♦ Format: eBook (WMEPUB) ♦ Umfang: 352 Seiten (Printausgabe) ♦ ISBN: 978-3-8270-7691-5 ♦ Preis: 16,99€


Weitere Rezensionen:

Einen wesentlich besseren Zugang zu „Der Pfandleiher“ als ich fand übrigens Marie, deren Rezension Ihr >>hier<< findet.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.