3 Herzchen, Krimi, Rezension
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Rezension #99: „Verschwörung. Millennium 4“ von David Lagercrantz

Als ich erfuhr, dass es eine Fortsetzung der Millennium-Reihe geben würde, war ich gleichermaßen erfreut und skeptisch. Natürlich habe ich mich auf ein Wiedersehen mit Lisbeth Salander gefreut. Dass sich aber ein anderer, mir bis dahin unbekannter Autor, an Stieg Larssons Erbe versuchen wollte, machte mich skeptisch. Würde David Lagercrantz es tatsächlich schaffen, in die Fußstapfen von Stieg Larsson zu treten?

Mit „Verschwörung“ gelingt David Lagercrantz ein erstaunlicher Spagat, indem er es schafft, die Grundzüge der Reihe fortzusetzen und gleichzeitig seine eigene Handschrift einzubringen. Das Ergebnis ist ein deutlich action- und temporeicher Thriller rund um die Themen Industriespionage im digitalen Zeitalter, künstliche Intelligenz und die Allmacht der CIA.

Worum geht es?

Spät abends wird Mikael Blomkvist von Frans Balder, einem erfolgreichen Wissen­schaftler und Spezialist für künstliche Intelligenz, angerufen. Dieser bittet ihn um einen sofortigen Besuch. Da sich Mikael hiervon die für das Überleben von „Millennium“ dringend benötigte neue Enthüllungsstory verspricht, willigt er ein. Doch als Mikael zum Gespräch erscheint, wurde Frans Balder nur wenige Minuten zuvor vor den Augen seines behinderten Sohnes erschossen. Mikael kann noch einen flüchtigen Blick auf den Täter erhaschen, bevor diesem die Flucht gelingt. Was wollte Frans Balder erzählen?

Mikael Blomkvist beginnt zu recherchieren und gerät mitten hinein in eine internationale Verschwörung, in der neben einem amerikanischen IT-Konzern und der russischen Mafia auch die CIA verwickelt zu sein scheint. Auch Lisbeth Salander, zu der Mikael schon lange keinen Kontakt mehr hatte, taucht im Rahmen seiner Nachforschungen auf.

Warum habe ich es gelesen?

Die ersten drei Bände der Millennium-Reihe habe ich vor einigen Jahren mit großer Begeisterung gelesen. Daher war ich ziemlich begeistert, als ich erfuhr, dass David Lagercrantz die Reihe fortsetzen wird. Die Aussicht auf ein Wiedersehen mit Lisbeth Salander freute mich. Gleichzeitig war ich neugierig und ein wenig skeptisch, wie gut es Lagercrantz tatsächlich gelänge, die Serie im Sinne Stieg Larssons fortsetzen.

Wie war mein erster Eindruck?

Auch wenn es schon einige Jahre her ist, seit ich die ersten drei Bände las, habe ich „Verschwörung“ begonnen, ohne dieser vorher noch einmal zu lesen oder mir auch nur eine Zusammenfassung deren Inhalt zu besorgen. Ich war gespannt, wie gut es mir so unvorbereitet gelänge, in die Geschichte hineinzufinden.
Zu meinem Glück stellte sich heraus, dass es David Lagercrantz gut versteht, seine Leser „abzuholen“. Geschickt fügt er an den entscheidenden Stellen in ein bis zwei Sätzen die Hintergrundinformationen aus den vorherigen Bänden ein, die man braucht, um der Handlung folgen zu können. Auf diese Weise fand ich sehr schnell in die Reihe zurück und mir gelang ein schneller Einstieg ins Buch.

David Lagercrantz unterteilt „Verschwörung“ in drei Teile, die jeweils aus mehreren Kapiteln bestehen. In den ersten Kapiteln wird ausschließlich über Frans Balder erzählt. Erst später fügt David Lagercrantz weitere Perspektiven, wie z.B. die des Attentäters und von Mikael Blomkvist hinzu. So wird der Leser langsam in die komplexe Handlung eingeführt und nicht gleich zu Beginn zu vielen Handlungssträngen und Details erschlagen.

Wie fand ich die Charaktere?

So viel erzählerisches Geschick David Lagercrantz auch beim Aufbau von „Verschwörung“ zeigt; seine Charakterzeichnungen konnten mich leider nicht überzeugen. Diese waren mir durchweg zu widersprüchlich angelegt. Grundsätzlich begrüße ich es zwar immer, wenn Figuren vielschichtig sind und nicht nur die üblichen Klischees bedienen. Bei Lagercrantz treten die Widersprüche innerhalb eines Charakters jedoch so deutlich zu Tage, dass es mir oftmals nicht gelang, die einzelnen Eigenschaften zu einem für mich stimmigen Gesamtbild zusammenzufügen.
So wird Frans Balder beispielsweise als Ausnahmetalent auf den Gebieten der Mathematik und Informatik beschrieben. Seine Gedanken, die dem Leser in den ersten Kapiteln präsentiert werden, sind jedoch sehr trivial und lassen rein gar nichts von seiner Genialität erahnen.
Auch Stellen wie diese ließen mich stutzen:

…das machte ihm Angst. Vielleicht zögerte er deshalb einige Sekunden, ehe er sein Handy aus der Tasche holte und die Nummern der beiden Polizisten aufrief, die dort draußen Wach hielten.

Überhaupt nervte mich die Art, in der Lagercrantz bei seinen Charakterisierungen ständig die eigenen Aussagen später doch wieder relativiert oder ganz zurücknimmt:

Und da war noch etwas, was ihn verstörte. Andererseits spielte es keine Rolle.

Auch mit Beschreibungen wie dieser konnte ich nicht viel anfangen:

Er lief geduckt, und irgendetwas an seiner Haltung sah professionell aus, als wäre er schon oft so gerannt – vielleicht in einem fernen Krieg.

Auch an Lisbeth Salanders Charakter wagt sich David Lagercrantz im dritten Teil von „Verschwörung“. Er fügt weitere Details aus ihrer Vergangenheit hinzu, aus denen der Leser erfährt, warum Lisbeth Salander so gut mit Computern umgehen kann. Ich muss gestehen, dass es mir zu Beginn doch sehr widerstrebte, dass ein fremder Autor diesen außergewöhnlichen und zentralen Charakter weiterausbaut.
Zum Glück gelingt es Lagercrantz in diesem Fall jedoch, das Gesamtbild von Lisbeth nicht zu stören. Ich glaube, auch Stieg Larsson wäre mit diesem Detail aus Lisbeths Vergangenheit einverstanden gewesen.

Wie fand ich den Handlungsverlauf?

In „Verschwörung“ erzählt David Lagercrantz einen handwerklich gut gearbeiteten spannenden und komplexen Thriller über Industriespionage in den Zeiten zunehmender digitaler Vernetzung, ganz im Sinne von Stieg Larsson. Geschickt gelingt ihm der Spannungsaufbau, indem er einen Erzählstrang immer wieder an einer besonders brisanten Stelle abbricht und einen anderen Faden wieder aufnimmt. Hierdurch entwickelt die Handlung einen regelrechten Sog, der es schwierig mir machte, den E-Reader aus der Hand zu legen.
Insgesamt erschien mir die Handlung action- und temporeicher sowie mit mehr direkten, körperlichen Auseinandersetzungen aufgebaut, als es bei Stieg Larsson der Fall war. Hierdurch gewinnt die Geschichte einen anderen Drive als bei Larsson. Die neue Action wird dabei jedoch wohl dosiert eingesetzt, so dass die Handlung nicht wie die bloße Aneinanderreihung von Schuss- und Kampfszenen zur reinen Effekthascherei verkommt, sondern tatsächlich für zusätzliche Spannung sorgt.

Leider gab es innerhalb der Handlung für mich einige Stellen, an denen ich stutzen musste, weil ich sie nicht ganz schlüssig fand. So spielt beispielsweise Lisbeths Zwillingsschwester eine zentrale Rolle innerhalb der Geschichte. Mikael Blomkvist erkennt deren Verwandtschaft mit Lisbeth anhand eines Blicks in ihr Gesicht bzw, in ihre Augen. Wenig später heißt es jedoch, dass Lisbeth und ihre Schwester zweieiige Zwillinge sind, die sowohl optisch als auch charakterlich nichts gemeinsam hätten.
Auch dass es in „Verschwörung“ von so vielen Ausnahmetalenten und Genies wimmelt, sorgte nicht gerade für besondere Glaubwürdigkeit und Realismus. Auf der anderen Seite verhindert vor allem in der Mitte des Buchs der Dilettantismus der „normalen“ Streifenpolizei und anderer staatlicher Stellen zu oft, dass Verdächtige frühzeitig geschnappt werden können. Dieses Ungleichgewicht wirkte auf mich bisweilen etwas zu konstruiert.

Wie fand ich den Schluss?

Auch der Schluss ist handwerklich gut gemacht. David Lagercrantz führt am Ende alle Handlungsstränge zusammen und ließ mich nicht mit unbeantworteten Fragen zurück. Nur die allerletzte Szene war mir etwas zu harmonisch, was aber sicher eine Geschmacksfrage ist.

Dass nicht alle Hintermänner der von Mikael und Lisbeth aufgedeckten Verschwörung gefasst werden, fand ich etwas schade. Aber nicht etwa, weil ich eine besondere Vorliebe für Happy Ends habe und alle Bösewichte verhaftet sehen möchte. Ich befürchte aber, dass dahinter die Absicht steht, einen ständigen Widersacher für Lisbeth Salander zu schaffen. Ich hoffe nicht, dass sich die nächsten Bände hierdurch stärker ähneln als bisher und Lisbeth künftig nur noch diese eine Person jagt, die ihr natürlich jedes Mal aufs Neue knapp entkommt. Auch fände ich es schade, wenn Lagercrantz die ursprünglich auf eine bestimmte Anzahl von – ich meine 8 – Bänden ausgelegte Reihe nun endlos ausdehnen würde. Dank des Endes von „Verschwörung“ wäre dies jedoch zumindest denkbar. Leider.

Wie fand ich das E-Book insgesamt?

Mit „Verschwörung“ legt David Lagercrantz einen handwerklich gut gemachten Industriespionage-Thriller vor, der wesentlich mehr Action und direkte körperliche Auseinandersetzungen enzthält, als die Bücher von Stieg Larsson. Hierdurch gewinnt die Geschichte an Tempo und entwickelt einen Sog, der es mir schwierig machte, den E-Reader aus der Hand zu legen.
Einigen Schwächen zeigte Lagercrantz in der Charakterentwicklung. Was vermutlich als Darstellung besonders facetten- und detailreicher komplexer Charaktere gedacht war, wirkte auf mich oft zu widersprüchlich, um einen stimmigen Gesamteindruck von den Figuren zu erhalten. Auch innerhalb der Handlung gab es für mich ein bis zwei Momente, in denen mir der Verlauf nicht ganz logisch erschien.
Hierüber habe ich jedoch gerne hinweggesehen, denn insgesamt war das Wiedersehen mit Lisbeth Salander, über deren Vergangenheit man in „Verschwörung“ weitere entscheidende Details erfährt, sehr gelungen.

„Verschwörung“ bietet Spannung, Action und Tempo; und das praktisch von der ersten Seite. Dabei ist die Erzählung jedoch sehr ausgewogen. Lagercrantz gelingt eine angenehme Balance aus internationaler Verschwörung, Industriespionage im digitalen Zeitalter und handfester Gewalt. Das Buch liest sich anders als die von Stieg Larsson, denn Lagercrantz fügt eigene Aspekte hinzu. Seine eigene Handschrift ist durchgehend erkennbar. Dass Lagercrantz nicht versuchte, Stieg Larsson bis ins kleinste zu imitieren, gefiel mir. Dennoch behält er die wesentlichen Elemente der Reihe bei, die hierdurch trotz allem schlüssig und würdig fortgesetzt wird. „Verschwörung“ liest wie ein James Bond-Film mit Daniel Craig, wohin gegen die Millennium-Bücher von Stieg Larsson eher ein Sean Connery waren.

Ist „Verschwörung“ wie die drei ersten Bände von Stieg Larsson? – Nein.

Sollte man „Verschwörung“ lesen? – Ich halte es für lesenswert; als Lisbeth Salander-Fan sowieso.

Bewertung: ♥♥♥♥ lesenswert

kann-LESEN-verursachen


 

Titel: Verschwörung ¨ Autor: David Lagercrantz ¨ Verlag: Heyne ¨ Format: eBook (ePub) ¨ Umfang: 608 Seiten (Printausgabe) ¨ ISBN: 978-3-641-15356-4 ¨ Preis: 18,99€


Bisher erschienen:

  • „Verblendung“ von Stieg Larsson
  • „Verdammnis“ von Stieg Larsson
  • „Vergebung“ von Stieg Larsson
  • „Verschwörung“ von David Lagercrantz

Verschwörung. Millennium 4

Verschwörung. Millennium 4
7.06

Einstieg

9/10

    Handlungsverlauf

    7/10

      Charaktere

      5/10

        Schluss

        6/10

          Sprache

          8/10

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