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Rezension #98: „Slum. Eine Geschichte von Leben, Tod und Hoffnung“ von Katherine Boo

Von diesem Sachbuch der Pulitzerpreisträgerin Katherine Boo habe ich mir viel versprochen. Ich erwartete nicht nur ein Porträt über „Annawadi“, einen Slum in Mumbai, sondern auch eine kritische Darstellung, inwiefern der reiche Westen die dortigen Lebensverhältnisse beeinflusst. Vorgefunden habe ich einen unterhaltsam und flüssig zu  lesenden Text mit Romancharakter. Katherine Boo zeichnet zwar vielschichtige Porträts der Bewohner Annawadis; die  bisweilen ironische Erzählweise und der locker, humorvolle Sprachstil wollten für mich aber nicht so recht zum Thema des Buchs passen. So entstand leider der Eindruck, dass das Leben im Slum zwar mühsam, anstrengend und ärmlich aber doch irgendwie ganz lustig ist. Schade! Aus dem Stoff hätte man definitiv mehr machen können.

Worum geht es?

Der Mumbaier Slum „Annawadi“ liegt eingepfercht zwischen dem internationalen Flughafen und ein paar teueren westlichen Luxushotels. Der Kontrast beider Welten könnte nicht größer sein, denn die Slum-Bewohner kämpfen täglich ums nackte Überleben, um genügend Nahrung und ein Dach über dem Kopf und träumen von einem besseren Leben. Aber Korruption, Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Religionen und das Kastensystem erschweren ihnen den Weg auf dem Dreck der Straße.

Pulitzerpreisträgerin Katherine Boo hat für ihr Buch „Slum. Eine Geschichte von Leben, Tod und Hoffnung“ die Bewohner Annawadis beobachtet und interviewt und darauf ein komplexes Porträt dieses Slums und seiner Bewohner geschaffen.

Warum habe ich es gelesen?

Seit einem beruflichen Aufenthalt in Mumbai fasziniert mich Indien. In kaum einem anderen Land sind die gesellschaftlichen Kontraste so groß und treffen so direkt aufeinander wie hier. Auch die Sanftmut und Schicksalsergebenheit der meisten Inder beeindruckt mich.

Von Katherine Boos Sachbuch „Slum. Eine Geschichte von Leben, Tod und Hoffnung“ versprach ich mir einen kritischen Einblick in die Verhältnisse eines Mumbaier Slums.

Wie war mein erster Eindruck?

Bereits der Prolog von „Slum. Eine Geschichte von Leben, Tod und Hoffnung“ überraschte mich sehr. Katherine Boo erzählt hier so unterhaltsam, lebendig und turbulent, dass es mich an einen fiktiven Roman erinnerte. Ich hatte mit der für Sachbücher und Reportagen sonst üblichen Nüchternheit und Distanz gerechnet. In „Slum“ schöpft Katherine Boo jedoch aus einer solchen sprachlichen und erzählerischen Fülle, dass ich direkt nach den ersten Seiten den Eindruck hatte, selbst mitten auf dem Maidan in Annawadi zu stehen und die Slumbewohner zu beobachten.

Wie fand ich den Aufbau?

SlumKatherine Boo gliedert „Slum“ in vier Teile, die jeweils aus drei bis sechs Kapiteln bestehen. Nachdem sie im ersten Teil Annawadi und seine Bewohner näher vorgestellt hat, widmet sie sich in den folgenden drei Teilen, dem Leben im Slum. Dabei zeichnet sie die Leben, Träume und Hoffnungen einzelner Bewohner nach und zeigt deren Beziehungen, Verwicklungen und Verbindungen untereinander auf. So entsteht nach und nach ein komplexes Bild des gesellschaftlichen Lebens im Slum Annawadi, bei dem auch der Einfluss der westlichen Welt und Weltwirtschaft im Allgemeinen deutlich.
Durch dieses systematische Vorgehen konnte ich immer gut folgen, denn Katherine Boo überfordert ihre Leser nicht, indem sie gleich zu beginnen sämtliche Einzelheiten dieses komplexen Sozialgebildes wiedergibt.

Auch die Szene des Prologs, in dem ein späteres Ereignis vorweg gegriffen wird, ist schickt gewählt. In ihr zeigen sich gut die Konflikte der Slumbewohner. Zudem bietet sie einiges an Dramatik und Spannung, so dass der Leser sofort gefesselt wird und neugierig ist, zu erfahren, wie es zu dieser Szene kam.

Wie fand ich die Charaktere?

In „Slum“ porträtiert Katherine Boo die Bewohner Annawadis mit viel Empathie und einem erfrischenden Schuss Ironie. Ihr gelingen differenzierte charakterliche Beschreibungen, bei denen ich stets nachvollziehen konnte, was den jeweiligen Menschen antreibt und was ihn oder sie zu dem machte, was er bzw. sie heute ist. So mit den individuellen Vergangenheit und den persönlichen Träumen und Hoffnungen konfrontiert, konnte ich mich ebenso in die clevere, zielstrebige Manush wie in die jugendlichen Müllsammler und Taschendiebe hineinversetzen. Katherine Boos Charakterisierungen wirken authentisch, denn sie sind weder geschönt noch werden Dinge ausgelassen oder verzerrt. Durch die Ambivalenz ihrer Darstellungen entstehen glaubwürdige, liebenswerte Charaktere, mit denen ich gut mitfiebern, -träumen und -leiden konnte.

Wie fand ich die Sprache?

Wie bereits erwähnt schreibt Katherine Boo in „Slum“ in einer sehr lebhaften, unterhaltsamen und turbolenten Sprache, die mich mehr an einen Roman als an ein klassisches Sachbuch oder eine Reportage denken ließ. Sie bedient sich gerne des Stilmittels der Ironie. Hierdurch wird „Slum. Eine Geschichte von Leben, Tob und Hoffnung“ zwar zu einem flüssig lesbaren und humorvollen Buch; zum eigentlichen Thema des Buchs passt es jedoch nur bedingt. Ich fand es teilweise etwas befremdlich, dass der Überlebenskampf der Menschen im Slum durch diese lockere, leichte Sprache fast zur reinen Unterhaltungsliteratur wird. So wird das Leid der Menschen zu Gunsten des Unterhaltungswerts dieses Buchs in einer für meinen Geschmack unangemessenen Art relativiert.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

Mit „Slum. Eine Geschichte von Leben, Tod und Hoffnung“ legt Katherine Boo ein erstaunlich unterhaltsames Porträt über einen Mumbaier Slum vor. Die Stärke des Buchs liegt vor allem in der liebevollen und vielschichtigen Charakterisierung der Slumbewohner. Durch die Darstellung ihrer persönlichen Lebensumstände und Vergangenheiten sowie ihrer Hoffnungen und Träume stehen differenzierte Porträts, die mich ebenso mit jungen Taschendiebe wie mit zielstrebigen, cleveren und engagierten Jugendlichen mitfiebern ließ. Katherine Boo macht deutlich, dass kein Mensch ausschließlich gut oder schlecht ist und dass auch die äußeren Umstände, in die ein Mensch hineingeboren wird, Einfluss darauf haben, wie sich dieser entwickelt. „Slum“ zeigt deutlich, dass es unter bestimmten Bedingungen nahezu unmöglich ist, sich stets „korrekt“ und legal zu verhalten.

Leider litt für mich die Ernsthaftigkeit des Themas etwas zu sehr unter der lockeren, unterhaltsamen Erzählweise von Katherine Boo. Echte Kritik konnte ich nicht entdecken. Auch Betroffenheit kam bei mir nur selten auf. Zudem vermisste ich die Darstellung des Einflusses des Westens und der Weltwirtschaft auf die Verhältnisse und Lebensumstände der Slumbewohner. Letzteres ist zwar an einigen Stellen angedeutet, hätte aber für meinen Geschmack etwas deutlicher dargestellt werden müssen. So entsteht leider der Eindruck, dass das Leben im Slum zwar mühsam, anstrengend und ärmlich aber doch irgendwie ganz lustig ist.

Bewertung: ♥♥♥♥♥ lesenswert


Titel: Slum. Eine Geschichte von Leben, Tod und Hoffnung ♦ Autorin: Katherine Boo ♦ Übersetzung: Pieke Biermann ♦ Verlag: Drömer Knaur ♦ Format: eBook ♦ Umfang: 336 Seiten (Printausgabe) ♦ ISBN: 978-3-426-30061-9 ♦ Preis: 9,99€

Slum. Eine Geschichte von Leben, Tod und Hoffnung

Slum. Eine Geschichte von Leben, Tod und Hoffnung
6.62

Einstieg

9/10

    Authentizität

    8/10

      Aufbau

      8/10

        Schluss

        5/10

          Sprache

          3/10
            • authentische Charakterdarstellungen
            • ironische, humorvolle Sprache verniedlicht Thematik

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