3 Herzchen, Rezension, Roman
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Rezension #97: „Flüchtige Seelen“ von Madeleine Thien

Wieder einmal habe ich mich bei der Wahl meiner Lektüre auf Litprom verlassen und den Gewinnerroman des LiBeratur Preises 2015 gelesen, ohne mich im Vorfeld genauer darüber zu informieren. Mit „Flüchtige Seele“ von Madeleine Thien habe ich einen anspruchsvollen und traurigen Roman über das oft lebenslängliche Leiden von Flüchtlingen gefunden. Leider war dieses hochaktuelle Thema in einer sehr emotionslosen Sprache erzählt, die mich nicht berühren konnte.  

Worum geht es?

Als Janies Vorgesetzter und Mentor Hiroji von einem Tag auf den anderen spurlos verschwindet, macht sich Janie selbst auf die Suche nach ihm. Die Spur führt ausgerechnet nach Kambodscha, wo Hirojis Bruder vor vielen Jahren verscholl, nachdem er dort als Mitarbeiter für das Rote Kreuz tätig war. So wird Janie, die selbst als junges Mädchen vor der Roten Khmer aus Kambodscha floh, von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt.

Warum habe ich es gelesen?

Madeleine Thien wurde für „Flüchtige Seelen“ in diesem Jahr mit dem LiBeratur Preis ausgezeichnet. Mir war sie bis dahin völlig unbekannt. Da sie sich aber gegen starke Konkurenz durchsetzen konnte, wurde ich neugierig auf diesen Roman, der mit der Flüchtiglingsthematik ein dieser Tage so brandaktuelles Thema aufgreift.

Wie war mein erster Eindruck?

Vorallem ihre wunderschönen Sprachbilder, die in einem scheinbaren Gegensatz zur todtraurigen Geschichte stehen, hatten es mir sofort angetan. Ich las beispielsweise von einer Katze, die in „Sonnenscheinpützen“ badete und hatte sofort ein deutliches Bild dieser Szene vor Augen. Madeleine Thiens Umgang mit Sprache ist wunderschön und voller zarte Poesie, die dem Grauen, über das sie berichtet, etwas die Schärfe nimmt.

Wie fand ich den Aufbau?

Dicht verwebt Madeleine Thien in „Flüchtige Seelen“ Erinnerungsfragmente, fiktive Tagebucheinträge und Flashbacks zu einer atmosphärisch dichten Einheit. Immer wieder werden ihre Figuren von grauenhaften Szenen von ihrer Flucht und anderen Erinnerungen auf ihrer Vergangenheit unter der Terrorherrschaft der Roten Khmer eingeholt. Dabei gelingt es Madeleine Thien, dass ich stets den Überblick über Ort und Zeit behalte. Zu groß ist der Kontrast zwischen dem Heute im winterlichen Kanada und dem Gestern im schwülen kambodschanischen Dschungel.

Zudem wechselt die Erzählperspektive je nach Gattung des Textes. Zwar ist der Hauptteil in der dritten Person verfasst; Tagebucheinträge und Erinnerungsfragmente sind jedoch teilweise Inder Ich-Perspektive geschrieben. Auch das sorgt für Klarheit dem Leser.

Auch dass die einzelnen Kapitel jeweils einem bestimmten Charakter zugeordnet sind, erleichterte mir die Orientierung. So war stets klar, über wessen Vergangenheit und Erinnerungen ich nun lesen werde. Stück für Stück fügen sich so im Laufe des Romans die einzelnen Teile ineinander, bis ein komplexes vollständiges Bild entsteht.

Wie fand ich die Charaktere?

Madeleine Thien kommt in „Flüchtige Seelen“ mit gerade einmal sechs Charakteren aus, die alle wunderbar ausdifferenziert und komplex dargestellt werden. Was die Sache bisweilen etwas kompliziert erscheinen lässt, ist, dass alle Protagonisten verschiedene Identitäten annehmen, um unter der Roten Khmer und während der Flucht überleben zu können. Es erfordert etwas Aufmerksamkeit, um mitzubekommen, um wen es sich eigentlich handelt. Ich hatte hiermit während des Lesens jedoch nie ein Problem.

Ich fand es interessant und spannend, zu erfahren, welche unterschiedlichen Leben die einzelnen Figuren bereits führten. Bisweilen hat man den Eindruck, dass es sich um einen vollkommmen anderen Menschen und eine vollkommen andere Zeit handelt, so unvereinbar erscheinen die verschiedenen Identitäten. Etwas schade fand ich jedoch, dass Madeleine Thien in einem relativ emotionslosen Stil die einzelnen Szenen jeweils nur von außen – einem reinen Beobachter gleich – beschreibt. So konnte ich mich nicht wirklich mit ihren Figuren identifizieren und blieb von dem Gelesen trotz all der Grausamkeiten erstaunlich unberührt. Andererseits zeigt jedoch auch sehr gut die innere Zerrissenheit, die Terror und Flucht bei Thiens Figuren ausgelöst haben. Bei all den furchtbaren Erfahrungen wie Folter, Gehirnwäsche und dem Tod naher Angehöriger, ist ihnen ein halbwegs normales Leben nur möglich, weil sie die Vergangenheit so gut es geht verdrängt oder vermeintlich anderen Personen zugeschrieben haben.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

Mit „Flüchtige Seelen“ legt Madeleine Thien einen anspruchsvollen und traurigen Roman über ein ebenso ernstes wie aktuelles Thema vor. Am Beispiel Kambodschas unter der Herrschaft der roten Khmer zeigt sie auf eindrucksvolle Weise, was Terror und Flucht in einem Menschen bewirken. Auch lange nach ihrer Auswanderung ins sichere, ferne Kanada bleiben Thiens Figuren innerlich zerrissen, erleben immer wieder die dramatischen Szenen ihrer Flucht und ihres Lebens davor und scheitern hierdurch in ihrem neu aufgebauten Leben.

„Flüchtige Seelen“ ist keine leichte Kost, die den Leser unterhalten will. Vielmehr ist es eine anstrengende Reise in die Gefühlswelt eines Menschen auf der Flucht vor einem unmenschlichen Staat in ein besseres, freieres Leben. Dabei verschweigt Madeieine Thien nicht, dass dies einigen gar nicht, anderen nur zum Teil und mit Einschränkungen gelingt. Im Ergebnis entsteht so ein ebenso komplexer wie ehrlicher und trauriger Roman über die unterschiedlichen Schicksale von Flüchtlingen, den ich erstaunlich schnell gelesen hatte und der mich noch lange beschäftigte.

Das hochaktuelle Thema und die gekonnte, anspruchsvolle Umsetzung, ohne jede Form der Effekthascherei, überzeugen. Vollkommen zu Recht erhielt Madeleine Thien für dieses Werk den LiBeratur Preis. Gerade in diesen Tagen wünsche ich mir für „Flüchtige Seelen“ viele aufmerksame Leser.

Bewertung: ♥♥♥♥♥ lesenswert


Titel: Flüchtige Seelen ♦ Autorin: Madeleine Thien ♦ Übersetzerin: Almuth Carstens ♦ Verlag: Luchterhand ♦ Format: eBook (ePub) ♦ Umfang: 256 Seiten (Printausgabe) ♦ ISBN: 978-3-641-10617-1 ♦ Preis: 15,99€

Flüchtige Seelen

Flüchtige Seelen
7.52

Einstieg

7/10

    Handlungsverlauf

    8/10

      Charaktere

      9/10

        Sprache

        5/10

          Aufbau

          9/10

            1 Kommentare

            1. Servus Kerstin,
              danke für die Buchvorstellung! Ich hatte das Buch auch letzte Woche in der Hand (zumal ich schon 2x in Kambodscha war und mich daher das Thema interessiert). Es ist wahrlich eine anspruchsvolle Lektüre – wobei ich gerade solche Bildlichen Beschreibungen, wie Du sie oben aufführst, sehr sehr gerne bei Büchern mag. Ich finde sowas „veredelt“ das Lesen (okay, klingt gerade etwas doof aber ich denke Du weißt was ich meine). Ich werde das Buch hoffentlich diese Tage auch noch lesen … Danke für den Einblick!

              Liebe Grüße
              Kati@ZeitzuLesen

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