3 Herzchen, Rezension, Roman
Kommentare 3

Rezension #92: „Yael: Magie der Bestimmung“ von Joachim F. Giessler

Yael

Zugegeben: Titel und Cover hätten mich nie zu diesem Buch greifen lassen. Zu sehr hätte ich damit eine dieser kitschigen, zuckersüßen Liebesromanzen, die ich so gar nicht leiden kann, verbunden. Gut, dass ich zuerst den Autor kennenlernte, der mich dann neugierig auf diesen autobiografischen Roman machte. Mir wäre sonst ein interessanter Einblick in eine deutsch-israelische Ehe im Schatten des Holocaust entgangen.

Worum geht es?

Tel Aviv. Mitte der 70er Jahre. Der Messearchitekt und Möbeldesigner Michael fliegt für einige Tage beruflich nach Israel, wo er den Aufbau eines Messestandes überwachen soll. Dort lernt er Yael kennen, die ihm ein bisschen von Stadt und Land zeigt. Schnell merken beiden, dass sie mehr für einander empfinden. Trotz der großen Skepsis von Yaels Familie entscheiden sich die beiden für eine gemeinsame Zukunft. Nachdem Michael bei dem Versuch, in Israel Arbeit zu finden, scheitert, zieht Yael zu ihm nach Deutschland. Aber die zu dieser Zeit noch sehr präsente deutsch-jüdische Vergangenheit holt die beiden immer wieder ein.

Warum habe ich es gelesen?

Zugegeben: Cover und Titel allein hätten mich nie zu diesem Buch greifen lassen, da ich auf einen vollkommen anderen Inhalt getippt hätte. Aber der Zufall wollte es, dass der Autor, der hier seine eigene Lebensgeschichte erzählt, zusammen mit mir an mehreren Projekten arbeitet. Bei einer Abendveranstaltung kamen wir über private Dinge ins Gespräch; und er erzählte mir u.a., dass er durch die Arbeit seine geschiedene Frau kennengelernt und ein Buch über diese Zeit geschrieben habe. Ich wurde neugierig auf die gesamte Geschichte, die so gut zu meinen persönlichen Lesevorlieben zu passen schien: Biografien und fremde Länder bzw. Kulturen. Ich erwartete interessante Einblicke in eine deutsch-israelischen Alltag und jüdische Lebensweisen.

Wie war mein erster Eindruck?

giessler_yaelOptisch wie haptisch machte dieses Taschenbuch keinem besonders wertigen Eindruck auf mich. Es hat ein ungewohntes Format. Das Papier ist recycelt und wirkt dadurch leicht angeschmutzt. Auch hat es nur eine geringe Stärke. Auch der Karton, aus dem der Titelumschlag gestaltet ist, ist relativ dünn. Insgesamt wirkt es zwar nicht schlecht, aber doch billig verarbeitet.

Bei meinem ersten Blick ins Buchinnere wurde ich hingegen positiv überrascht. „Yael: Magie der Bestimmung“ enthält einen Annex mit Erklärungen israelischer Worte, jüdischer Fest und ähnlichen. Auch Landschaftsfotos aus Israel sind enthalten.

Wie fand ich die Sprache?

Die Geschichte gibt es in zwei Versionen: als klassische Autobiografie (geschrieben in der Ich-Perspektive) und als Roman (geschrieben in der dritten Personen und mit geänderten Namen). Wie mir Joachim F. Giessler erzählte, erfolgte die Überarbeitung als Roman auf Wunsch des Verlags. Ich fand dies etwas schade, denn ich bevorzuge eher einen Ich-Erzähler, bei dem ich meist schneller in den Text finde.

Von einem „Roman“ im engeren Sinne würde ich bei „Yael: Magie der Bestimmung“ aber trotzdem nicht sprechen. Das Buch ist in einem eher nüchternen Berichtsstil geschrieben. Von einem Roman erwarte ich eigentlich lebendige Dialoge und eine unterhaltsamere Sprache, als ich sie bei „Yael: Magie der Bestimmung“ vorgefunden habe. So las sich das Buch dann doch wie der Lebensbericht, der es ja auch ist.
Gestört hat mich dies jedoch nicht im Geringsten. Schließlich habe ich das Buch ja aus Neugier auf Joachim F. Giesslers Lebenserfahrungen und aus Interesse an Israel gelesen.

Wie fand ich den Aufbau?

Das Buch folgt keinem rein chronologischen Aufbau. In den Kapiteln werden vielmehr thematische Schwerpunkte gesetzt. Mal geht es um das Familienleben in Deutschland, ein anderes Mal um die Probleme des Reisens mit israelischem Pass und mit der Einhaltung der jüdischen Speiseregeln unterwegs. Auch die Auseinandersetzung mit der deutschen Nazi-Vergangenheit wird immer angesprochen.
Bisweilen war es etwas schwer zu folgen, da mir manche Zusammenhänge nicht sofort klar wurden.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

„Yael: Magie der Bestimmung“ beschäftigt sich mit einer wesentlich komplexeren Thematik, als es der Buchtitel zunächst vermuten lässt. Es ist keine dieser kitschig-zuckersüßen Liebesgeschichten, sondern die Geschichte einer deutsch-israelischen Ehe und der damit einhergehenden Auseinandersetzung mit den deutschen Nazi-Verbrechen. Ich habe viel über das Judentum und Israel gelernt. Auch die jüdische Sichtweise auf das dritte Reich, dessen Aufarbeitung und das heutige Deutschland fand ich hochinteressant. Für mich war es erschreckend, wie sehr auch die nachfolgende Generation noch unter den NS-Verbrechen leidet.

Einzig Michaels Haltung konnte ich nicht immer ganz nachvollziehen: Die ständige Betonung einer freiheitlichen Grundhaltung nervte ein wenig. Auch schien es ihm bisweilen etwas an Empathie zu fehlen. Immer wieder wundert Michael sich darüber, dass seine Frau in Deutschland wesentlich stärker an ihrem jüdischen Glauben festhält, als es in Israel der Fall war. Das kann er nicht verstehen. Dass sie sich so eventuell nur versucht, ein Stück Heimat nach Deutschland zu holen und in der Fremde an Gewohntem festhalten, um etwas Sicherheit zu bekommen, kommt ihm nicht in den Sinn. Anders herum steht für Michael aber fest, dass er nicht lange in Israel leben könnte, weil er „mit manchen Dingen, die dort so sind, wie sie sind, nicht umgehen kann“.
Dennoch spricht aus diesem Buch eine große Liebe und Faszination für das Land Israel und seine Landschaft. Schon allein deshalb, ist das Buch lesenswert. Fast scheint es, als habe sich Michael vor allem in das Land selbst verliebt.

„Yael: Magie der Bestimmung“ ist insgesamt ein lehrreiches, interessantes und lesenswertes Buch, das einen interessanten Blick auf ein schwieriges Thema zeigt.

Bewertung: ♥♥♥♥♥ lesenswert


Titel: Yael: Magie der Bestimmung ♦ Autor: Joachim F. Geissler ♦ Verlag: Neue Literatur ♦ ISBN: 978-3-940085-30-6 ♦ Format: Taschenbuch ♦ Umfang: 180 Seiten ♦ Preis: 14,90€ (Sonderpreis aktuell: 3,48€)


Wer sich Israel literarisch näher möchte, dem empfehle ich außerdem David Grossmann, dessen Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ ich >>hier<< rezensiert habe. Außerdem kann ich Euch den Blog „Fragmente“ empfehlen, auf dem Hadassa, eine in Israel lebende Deutsche, aus ihrem Alltag in Tel Aviv berichtet.

Meine nächste literarische Station in Israel, wird „Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst“ von Shani Boianjiu sein, von dem Mara eine eher durchwachsenen Eindruck hatte: >>klick<<

Yael: Magie der Bestimmung

Yael: Magie der Bestimmung
5.1

Erster Eindruck

3/10

    Sprache

    5/10

      Aufbau

      6/10

        Anspruch

        7/10

          Schluss

          5/10

            3 Kommentare

            1. Pingback: Lieblinge/Schwächlinge im 3. Quartal 2015 | Kerstin Scheuers Blog

            2. Wir gut, dass du gerade einen Archivbeitrag auf Twitter gepostet hast, sonst wäre ich auf diese Reiz hier wahrscheinlich gar nicht aufmerksam geworden 🙂

              Die Geschichte klingt interessant, obwohl ich mir schon vorstellen kann, dass sie eher nüchtern daher kommt. So eine Beziehung war damals aber sicher ganz und gar nicht einfach, da haben wir es heute doch wesentlich lockerer.

              Danke für deine Empfehlung meines Blogs!

              Liebe Grüße,
              Hadassa

              • Kerstin Scheuer sagt

                Ja, die beiden hatten es nicht einfach. Die Verbrechen der Nazizeit waren einfach noch zu präsent in den Köpfen der Menschen. In den 70ern haben ja auch noch viel mehr Verfolgte, die nach Israel auswanderten, gelebt. Das war ein Problem. Vor allem, als der gemeinsame Sohn in Deutschland zum Wehrdienst musste und eine deutsche Uniform tragen sollte.

            Schreib einen Kommentar

            Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.