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Rezension #88: „Nachtland (Die Seiten der Welt 2)“ von Kai Meyer

Ich habe ein leicht gespaltenes Verhältnis zu zweiten Bänden.
Wurde die Handlung von Anfang an entsprechend groß angelegt, habe ich große Freude an Fortsetzungen. Sie versprechen dann epische Abenteuer, die in Einzelbänden nicht zu finden sind. Vor allem im Fantasy-Bereich habe ich meinen Spaß daran, mich in fremden, magischen Welten zu verlieren.
Nicht selten jedoch soll mit einem zweiten Band nur der finanzielle Erfolg eines ursprünglich als Einzelband angelegten Buchs weiter ausgeschlachtet werden. Dann hat man es meistens mit wenig originellen Fortsetzungen zu tun, bei denen lediglich das Muster des ersten Bandes, welches ja so wunderbar funktionierte, neu aufgegossen wird. An solchen zweiten Bänden habe ich nur wenig Spaß und ärgere mich nicht selten über den fehlenden Einfallsreichtum des Autors.

Mit „Nachtland“ legte nun auch Kai Meyer einen zweiten Band, nämlich die Fortsetzung zu „Die Seiten der Welt“ vor. Der erste Teil gefiel mir gut. Umso gespannter war ich daher, in welche Kategorie wohl „Nachtland“ einzuordnen wäre.

Worum geht es?

Furia und Isis haben sich dem Widerstand angeschlossen und kämpfen mit Finnian und den Barden-Brüdern gegen die Adamitische Akademie. Ihr neuster Plan ist es, die Sanktuarium-Karte zu stehlen, um so den Weg zum Versammlungsort des Rats der Akademie zu erfahren. Doch dabei etwas einiges völlig schief und plötzlich bestehen Zweifel an Isis` Loyalität.
Aber bald zeigt sich, dass dies nicht das größte Problem der Freunde ist, denn die gesamte bibliomantische Welt schwebt in großer Gefahr.

Warum habe ich es gelesen?

Erst vor kurzem habe ich „Die Seiten der Welt“ gehört und war begeistert. (Meine Rezension findet Ihr >>hier<<.) Den zweiten Teil habe ich daher voller Vorfreude erwartet; erst recht, nachdem ich erfuhr, dass ich ein signiertes Exemplar gewonnen hatte.

Ich war gespannt, ob auch der zweite Teil ähnlich spannend, originelle und einfallsreich sein würde oder ob er mehr wie ein billiger Aufguss des ersten Bandes wirken würde.

Wie war mein erster Eindruck?

Nachtland CoverNachdem ich von „Die Seiten der Welt“ ja „nur“ die Audio-Datei kannte, war ich über die aufwändige Gestaltung des Buches erstaunt. Titel und Autor sind im Schutzumschlag geprägt; die blaue Farbe schimmert toll. Auch das Lesezeichen – die Eintrittskarte nach Libropolis -, die dem Buch beilag, fand ich toll.

Inhaltlich hat „Nachtland (Die Seiten der Welt 2)“ einen fulminanten, spannenden Anfang mit jeder Menge Action. Ich war praktisch von der ersten Seite an vollkommen gefesselt von diesem Buch und hätte es am liebsten an einem Stück durchgelesen, wäre die Zugfahrt nicht irgendwann doch leider zu Ende gewesen.

Im Gegensatz zum ersten Band wechselt Kai Meyer in „Nachtland (Die Seiten der Welt 2)“ öfter die Perspektive. Es ist nicht mehr nur hauptsächlich Furia, die der Leser auf ihren Abenteuern begleitet. In den ersten Kapiteln wechselt die Perspektive bereits ständig. So erlebt man die Handlung mal aus Furias Warte, dann wieder aus Cats oder Isis Nimmernis` Blickwinkel. Dabei macht Kai Meyer den Bruch immer ganz geschickt an den spannendsten Stellen, so dass ich regelrecht durch die ersten Kapitel jagte.

Wie fand ich den Aufbau?

„Nachtland (Die Seiten der Welt 2)“ ist in vier Teile und ein Nachspiel untergliedert, die wiederum aus mehreren Kapiteln bestehen. Die Erzählperspektive wechselt dabei von Kapitel zu Kapitel immer wieder. Da die Freunde über weite Teile des Buchs freiwillig oder gezwungenermaßen getrennt agieren, entsteht so schnell eine komplexe und bisweilen verworrene Handlung. Durch geschickte Brüche entsteht zusätzliche Spannung.

Mir fiel es bisweilen jedoch etwas schwer, alle Handlungsfäden bei fortschreitender Erzählung gedanklich immer gleich präsent zu haben. Oftmals werden einige Kapitel am Stück aus einer bestimmten Perspektive erzählt. Dies erscheint auch durchaus notwendig, um in der Handlung voranzukommen. Allerdings geschah es mir einige Male, dass ich beim anschließenden Wechsel der Perspektive zunächst gar nicht mehr so genau wusste, ob dieser andere Handlungsstrang zuvor endet. Dann musste ich bis zum letzten Kapitel aus dieser Perspektive zurückblättern, was etwas mühsam ist, da die Kapitel keine Überschriften tragen, an denen zu erkennen wäre, aus wessen Sicht sie geschrieben sind.
Dies mag aber auch einem persönlichen Leseverhalten liegen. Wie gesagt, lese ich (fast) ausschließlich im Zug auf dem Weg zur / von der Arbeit. Ein Buch dieses Umfangs unterbreche ich daher unzählige Male. Es begleitete mich 10 Tage, bevor ich es beendet hatte. Wer längere Teile am Stück lesen kann, hat vermutlich weniger Probleme damit, den Überblick zu behalten als ich.

Wie fand ich das Ende?

Das Ende ist erstaunlich düster. Ohne zu viel verraten zu wollen, kann ich hier verraten, dass einige Freunde des Widerstands im Kampf gegen die Akademie den Tod finden. Aber auch andere grausige persönliche Schicksale zeichnen sich ab.
Ich hatte so viel Gewalt, Brutalität und Finsternis bei einem Buch wie diesem nicht erwartet; muss aber sagen, dass es ihm gut steht. Allzu viel heile Welt und Kitsch vertrage ich nicht.

Aber ich kann auch die Romantiker unter Euch beruhigen: Es zeichnen sich gleich mehrere neue Paare ab.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

Mit „Nachtland (Die Seiten der Welt 2)“ gelingt Kai Meyer eine würdige Fortsetzung, die diesen Namen auch tatsächlich verdient. So trifft der Leser nicht nur auf neue bibliomatische Gegenstände und Charaktere; auch die Handlung wird weiter vorangetrieben und erhält eine vollkommen neue Dynamik und größere Komplexität.

Während der erste Band hauptsächlich dazu diente, Libropolis und die Welt der Bibliomantik einzuführen; werden im zweiten Band nun nicht nur spannende Abenteuer bestanden, sondern auch ein sehr viel komplexerer Hintergrund dieser Bücherwelt entworfen. Gleich von mehreren Seiten droht eine so große Gefahr, dass sie die Welt der Bibliomantik für immer zu zerstören droht. Nicht selten habe ich mich beim Lesen gefragt, wie Kai Meyer all dies auf den wenigen verbleibenden Seiten noch alles auflösen möchte.

Dass er es nicht tut, fand ich in diesem Fall gut. Eine zu schnelle Auflösung hätte mich fürchterlich enttäuscht. Ich bin froh, dass sich Kai Meyer den Höhepunkt stattdessen für den dritten Band aufhebt. So werden wir wohl ein absolut würdiges Ende im Kampf um die Rettung der Bibliomantik erleben, auf das ich schon sehr gespannt bin.

Ein bisschen frage ich mich allerdings, ob es von Anfang an ein festes Konzept für diese Reihe gab. Bereits der erste Band wirkte ein wenig so, als habe Kai Meyer erst während des Schreibens bemerkt, dass er die entworfenen Geschichte nicht in nur einem Buch würde zu Ende erzählen können. Im Nachwort bemerkt er nun

Ich bin gespannt, an welche phantastischen Orte uns die Reise durch die bibliomantische Welt noch führen wird – sie ist zweifelllos groß genug für viele Geschichten.

Dies klingt ein bisschen so, als habe er beschlossen, die Reihe auszuweiten. Ich weiß noch nicht so recht, ob ich das gut finden soll. Ich hoffe nicht, dass „Die Seiten der Welt“ nun zu noch einer endlosen Buchreihe wird, bei der es nur darum geht, eine gut funktionierende Idee finanziell maximal auszuschlachten. In dieser Hinsicht bewundere ich J.K. Rowlings Konsequenz bezüglich der „Harry Potter“-Reihe.

Trotzdem werde ich den dritten Band auf jeden Fall lesen. Es ist gerade viel zu spannend und gut gemacht, um die Buchreihe nun an dieser Stelle abzubrechen.

Bewertung: ♥♥♥♥  Buchtipp!


Titel: Nachtland (Die Seiten der Welt 2) ♦ Autor: Kai Meyer ♦ Verlag: Fischer FJB ♦ Format: Hardcover mit Umschlag ♦ Umfang: 592 Seiten ♦ ISBN: 978-3-8414-2166-1 ♦ Preis: 19,99€


Bisher erschienen:

  • Die Seiten der Welt (meine Hörbuch-Rezension gibt es >>hier<<)
  • Nachtland (Die Seiten der Welt 2)

Fortsetzung ist für 2016 angekündigt.

"Nachtland (Die Seiten der Welt 2)" von Kai Meyer

8.62

Einstieg

10/10

    Handlungsverlauf

    8/10

      Charaktere

      9/10

        Schluss

        9/10

          Sprache

          8/10

            3 Kommentare

            1. hm… sollte ich es womöglich doch lesen? band 1 hat mich nicht restlos überzeugt, aber was du schreibst klingt durchaus interessant. hm… hm…

            2. Pingback: Lieblinge/Schwächlinge im 3. Quartal 2015 | Kerstin Scheuers Blog

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