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Rezension #85: „Die Schatzinsel“ von Robert Luis Stevenson

Solange ich zu Hause wohnte, hatten mein Vater und ich zu Weihnachten ein Ritual: in dem Jahr sahen wir den TV-Vierteler „Die Schatzinsel“.
Die Romanvorlage gibt es nun seit einiger Zeit in einer neuen Übersetzung, die ich mir auch nostalgischen Gründen anschaffen musste.

Worum geht es?

Jims Eltern nehmen einen trunksüchtigen, alten Seemann als Übernachtungsgast in ihrer Taverne auf, der sich offenbar von seinen ehemaligen Schiffskameraden versteckt. Tatsächlich wird er nach einiger Zeit von ein paar zwielichtigen Gestalten aufgesucht und bedroht. Nachdem er durch die Aufregung an einem Schlaganfall verstorben ist, finden Jim und seine Mutter in der Seemannskiste u.a. auch eine Schatzkarte. Da Jim erkennt, dass es auch die Gauner hierauf abgesehen haben, übergibt er die Karten an den Friedensrichter Trelawney. Dieser beschließt, den Schatz mit Jim und dem gemeinsamen Freund Doktor Livesey selbst zu suchen. Er kauft ein Schiff und heuert eine Mannschaft an. Zu spät erkennt Jim, in welcher Gefahr die Freunde eigentlich schweben: Ein Teil der Mannschaft gehört zu jenen Piraten, deren Kapitän den Schatz einst versteckte; und sie sind fest entschlossen, sich ihre Beute zurückzuholen.

Warum habe ich es gelesen?

Als Kind hatte ich eine Phase, in der ich ganz wild auf solche Seefahrer-Abenteuer-Geschichten war. In einem Sommer verschlang ich Klassiker wie „Der Seewolf“, „Moby Dick“ und eben auch „Die Schatzinsel“, die ich auch viele Male als 4teilige TV-Serie sah. Als ich vor einigen Monaten erfuhr, dass „Die Schatzinsel“ neu übersetzt wurde, wollte ich diese modernere Fassung aus nostalgischen Gründen unbedingt lesen.

Wie war mein erster Eindruck?

Die Schatzinsel CoverIch habe mich für die schöne Ausgabe der Büchergilde Gutenberg entschieden. Das Buch ist in helles Leinen gebunden, in das in zartem Hellblau die Zeichnung eines Segelschiffs geprägt wird. Der Einband sieht nicht nur toll aus, sondern vermittelt auch haptisch einen wertigen Eindruck.

Auch inhaltlich bietet diese Ausgabe einiges: in einem Anhang finden sich verschiedene Texte zur Entstehung des Romans, u.a. auch von Robert Luis Stevenson selbst, sowie ein bislang in Deutschland unveröffentlichter Dialog der beiden Protagonisten. Nichtenthalten ist leider die vom Autor gezeichnete Schatzkarte, nach der „Die Schatzinsel“ entstand.

„Die Schatzinsel“ ist in sechs Teile mit jeweils mehreren Kapiteln unterteilt. Der erste Teil spielt ausschließlich in und um die Taverne. Ich war überrascht, wie viel Zeit sich Stevenson nimmt, bis man sich tatsächlich auf den Weg zur Schatzinsel macht. Aber auch hier wird schon einiges an Spannung geboten: Es gibt Handgemenge, Verfolgungsjagden, Plünderung und Verwüstungen.

Besonders schön fand ich den Einstieg in die Geschichte, in dem sich der Erzähler als Jim Hawkins zu erkennen gibt und den Leser direkt anspricht. Ich mag dieses Stilmittel, das man auch bei anderen Autoren jener Zeit, wie z.B. Charles Dickens, häufiger findet, weil es sofort eine fiktive Nähe zwischen Erzähler und Leser schafft.

Gutsherr Trelawney, Doktor Livesey und die anderen Gentlemen haben mich gebeten, alle Einzelheiten über die Schatzinsel vom Anfang bis zum Ende aufzuschreiben und dabei nicht auszulassen als die genaue Lage der Insel – und das nur, weil dort immer noch ein ungehobener Schatz ligt -, also greife ich im Jahre des Herrn 17.. zur Feder und kehre zurück zu der Zeit, als mein Vater Wirt vom „Admiral Benbow“ war und der wettergegerbte alte Seemann mit dem Säbelschmiss unter unserem Dach Quartier nahm.

(Kapitel 1, erster Satz)

Wie fand ich die Übersetzung?

Andreas Nohl findet in seiner Übersetzung eine auch heute flüssig lesbare Sprache, ohne „Die Schatzinsel“ in ein allzu modernes neues Gewand zu kleiden. So erkannt man noch immer den Geist jener Jahre um 1880, in denen der Roman entstand. Dieser Spagat gelingt Andreas Nohl sehr gut.

Nicht lange danach ereignete sich der erste der mysteriösen Vorfälle, die uns schließlich vom Käptn befreiten, wenn auch nicht, wie man sehen wird, von seinen Angelegenheiten.

(Kapitel 2, erster Satz in der Übersetzung von Andreas Nohl)

Nicht lange Zeit nach diesem Auftritt des erste von den geheimnisvollen Ereignissen ein, die uns schließlich den Kaptein vom Halse schafften, wenn auch nicht seine Angelegenheiten, wie der Leser sehen wird.

(Kapitel 2, erster Satz in der Übersetzung von Heinrich Conrad)

Sehr interessant und hilfreich fand ich auch die vielen Anmerkungen zum Text. In ihnen werden nicht nur die diversen Seemanns-Ausdrücke und Schiffsteile erläutert, sondern auch geografische Details und historische Hintergründe und Anspielungen erklärt, die „Die Schatzinsel“ dem heutigen Leser besser zugänglich machen. So konnte ich nun zum ersten Mal auch den eigentlichen Inhalt des Lieds „Fünfzehn Mann auf der Totenmanns Kiste“ verstehen, das im Buch so häufig zitiert wird.

Wie fand ich die Charaktere?

„Die Schatzinsel“ wimmelt nur so vor verschlagenen, trunk- und streitsüchtigen Halunken und rauhbeinigen Seemännern einerseits sowie vornehmen, englischen Gentlemen mit großem Ehr- und Loyalitätsverständnis andererseits. Vor allem Schiffskoch Long John Silver und Friedensrichter Trelawney könnten nicht unterschiedlicher sein. Dieses Spannungsfeld trägt die gesamte Handlung.

Der schillernste und interessante Charakter ist sicher der Schiffkoch Long John Silver, nach dem der Roman auch ursprünglich „The Sea Cook“ (dt. „Der Schiffskoch“) heißen sollte. Optisch wird er wie das Idealbild eines Piraten beschrieben: einbeinig, groß und mit einem Papagei auf der Schulter. Charakterlich ist Long John Silver gewieft, kompromisslos und intelligent. Diese Kombination macht ihn sehr gefährlich. Er spielt ein doppeltes Spiel und wechselt mehr als einmal die Seiten, um seine eigene Haut zu retten.
Obwohl Long John Silver eigentlich kein großer Sympathieträger ist, war und ist er doch meine Lieblingsfigur aus „Die Schatzinsel“, einfach weil sein Charakter die meisten Überraschungen bereithält und seine Gegenspieler Friedenrichter Trelawney und der Kapitän des Schiffs gegen Silver ziemlich verblassen.

Ungewöhnlich fand ich, dass in „Die Schatzinsel“ nur eine Frau, nämlich Jims Mutter, vorkommt. Sie ist ein Nebencharakter, der nur im ersten Teil der Geschichte auftritt und nicht einmal einen Namen hat. Störend oder negativ fand ich das aber nicht. (Während des Lesens fiel es mir gar nicht weiter auf.) Vielmehr dürften Frauen im 18. Jahrhundert tatsächlich eine absolute Seltenheit an Bord von Schiffen dieser Art gewesen und insgesamt höchstens als Passagiere vorgekommen sein.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

„Die Schatzinsel“ von Robert L. Stevenson ist zu recht bis heute ein Klassiker der Abenteuerliteratur. Ich empfand den Roman noch als genauso kurzweilig und fesselnd wie vor gut 20 Jahren.

Lange, ereignislose Zeiträume werden in der Erzählung gestrafft. So widmet Stevenson der Seereise zur Schatzinsel selbst nur insgesamt 3 Kapitel mit nicht einmal 20 Seiten, wobei er sich auf die Beschreibung der Stimmung an Bord beschränkt und lediglich zwei Begebenheiten, die für die Geschichte von größerer Bedeutung sind, ausführlicher schildert. Hierdurch bleibt „Die Schatzinsel“ auch für „Landratten“ wie mich relativ leicht verständlich. Bei zu vielen nautischen Ausdrücken verliere ich erfahrungsgemäß an Aufmerksamkeit und neige dazu, Passagen nur noch zu überfliegen, weil mir schlicht das Verständnis fehlt.

Der Großteil des Romans spielt auf und um die Gewässer der Insel. Besonders schön fand ich auch, dass Jims Erzählung an einem Punkt unterbrochen und dem der des Doktors ergänzt wird. Durch diesen Trick erhält der Leser einen umfassenden Überblick über die zu diesem Zeitpunkt recht turbulenten Ereignisse, welche die Freunde kurzzeitig trennte.

„Die Schatzinsel“ von Robert Luis Stevenson ist ein großartiges Abenteuer mit vielen Säbelkämpfen, reichlich Muskaten und Schießpulver sowie einer grausigen Piratengeschichte, die Generation von Schriftstellern inspirierte und noch heute große und kleine Fans findet.

Bewertung: ♥♥♥♥♥ Buchtipp!


Die Schatzinsel CoverTitel: Die Schatzinsel ♦ Autor: Robert Luis Stevenson ♦ Übersetzung: Andreas Nohl ♦ Verlag: Büchergilde Gutenberg ♦ Artikelnummer: 16664X ♦ Format: Hardcover (mit Leineneinband und Lesebändchen) ♦ Umfang: 301 Seiten (+Anhang) ♦ Preis: 27,90 € für Nichtmitglieder; 24,95 € für Mitglieder ♦ Link: >>klick<<

Eine weitere Ausgabe in gleicher Übersetzung ist beim Hanser Verlag erhältlich, wo es ein eBook gibt: >>klick<<


Fortsetzung:

TSilver Rückkehr zur Schatzinel Coveritel: Silver: Rückkehr zur Schatzinsel ♦ Autor: Andrew Morton ♦ Übersetzung: Klaus Modick ♦ Verlag: mare Verlag ♦ ISBN: 978-3-86648-188-6 ♦ Format: gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen ♦ Umfang: 480 Seiten ♦ Preis: 22,- € ♦ Link: >>klick<<

Klappentext:

Juli 1802: Am Nordufer der Themse, unweit von London, liegt das Hispaniola, ein Wirtshaus, das von Jim Hawkins und seinem Sohn geführt wird. Jim junior unternimmt oft einsame Streifzüge durch die nebelverhangene Marschlandschaft; ansonsten muss er nach der Pfeife seines Vaters tanzen und im Schankraum der Kneipe den immergleichen Geschichten lauschen: von Abenteuern auf hoher See, von Mord, Rache, vergrabenen Schätzen – und von einem Mann mit einem Holzbein.
Eines Spätabends taucht ein Mädchen bei Jim auf, Natty, mit einer Botschaft ihres Vaters – Long John Silver. Der alters-, aber keineswegs willensschwache Pirat hat einen Plan: Jim und Natty sollen gemeinsam zur Schatzinsel aufbrechen und den Silberschatz bergen, der vor vielen Jahren dort zurückgelassen werden musste. Wenig später stechen Jim und Natty in See, genau wie einst ihre Väter. Während der Reise wachsen nicht nur ihre Gefühle füreinander, sondern auch die Ahnung, dass das eigentliche Abenteuer noch vor ihnen liegt. Und sie haben recht: Als die Nightingale ihr Ziel erreicht, weicht die Aufregung um den versteckten Schatz ungeahntem Schrecken. Denn die Schatzinsel ist nicht mehr so menschenleer, wie sie einmal war …

 

"Die Schatzinsel" von Robert Luis Stevenson

8.54

Anfang

9/10

    Handlungsverlauf

    10/10

      Charaktere

      7/10

        Schluss

        8/10

          Übersetzung

          9/10

            2 Kommentare

            1. Hallo Kerstin,

              ein zeitloser Klassiker der mir echt gut gefallen hat. Sehr schön, dass du ihn hier rezensierst. Das Buch ist einfach klasse, da gibt es nichts und es ist schade, dass es nicht mehr Piratengeschichten in dem Format gibt. Die Fortsetzung von Andrew Morton hat mir noch besser gefallen als der eigentliche Klassiker.

              Ich muss aber sagen, dass ich Tilman von 54books echt Recht gebe, die Büchergilde Bücher gefallen mir überhaupt nicht. Also optisch würde mich das Buch gar nicht ansprechen. Da spielt aus meiner Sicht der Mare Verlag mit seiner Schuberreihe, wo auch regelmäßig sehr ausgefallene und sehr lesenswerte Klassiker neu auflegen in einer ganz anderen Liga.

              Hast du „Silver: Rückkehr zur Schatzinsel“ auch schon gelesen?

              Liebe Grüße und Danke für diese schöne Rezension!
              Tobi

              • Kerstin Scheuer sagt

                Hallo Tobi,
                manchmal vergisst man fast, was für tolle Klassiker es eigentlich gibt. Aber Du erinnerst ja auch regelmäßig an solche Schätze.
                „Silver“ kenne ich noch nicht, aber es steht auf meiner Wunschliste. Jetzt, wo ich weiß, dass es Dir gut gefiel, ist es ein ganzes Stück weiter nach oben gerutscht.
                Designfragen sind auch immer ein bisschen Geschmackssache. Ich kaufe gerne bei der Büchergilde. Wenn ich Hardcover kaufe, dann eigentlich immer da. Vor allem die Weltlese-Edition, in der es Erstübersetzungen von afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Autoren gibt, die man bei uns noch nicht kennt, gefällt mir sehr.

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