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Rezension #76: „Der Architekt des Sultans“ von Elif Shafak

Mit „Der Architekt des Sultans“ legt Elif Shafak eine beeindruckend ideen- und detailreiche literarische Chronik über die Blütezeit Istanbuls vor. Es ist ein atmosphärisch dichtes Buch über die Liebe zur Architektur und den außergewöhnlichen Schöpfergeist des einstigen Hofarchitekten Sinan. Geschickt und einfallsreich verknüpft Shafak geschichtliche Fakten mit literarischer Fiktion zu einem ebenso lehrreichen wie unterhaltsamen Roman.

Trotz kleiner Mängel im Spannungsaufbau und gewisser Längen schaffte es Shafak, mich zu bewegen. Und ist es nicht genau das, was gute Literatur letztendlich ausmacht?

Bewertung: ♥♥♥♥♥ lesenswert

Worum geht es?

Istanbul. 1540. Nach dem Tod seiner Mutter flieht Jahan vor seinem brutalen Stiefvater auf einem Frachtschiff und gelangt nach Istanbul, wo er als Elefantenführer in den Dienst des Sultans eintritt. Seine aufgeweckte Art und Intelligenz lassen ihn schnell zum Schüler des Hofarchitekten Sinan aufsteigen. Außerdem lernt er Prinzessin Mihrimah kennen, seine einige große und unerreichbare Liebe. In seiner kindlichen Naivität gerät er in zahlreiche Intrigen, Verstrickungen, Hinterhalte, Gefahren und sogar Kriege.

Warum habe ich es gelesen?

Während meines letzten beruflichen Aufenthalts in Istanbul wurde ich auf die türkische Autorin Elif Shafak aufmerksam; eine der erfolgreichsten türkischen Autorinnen. Seitdem ist ihr Roman „Der Bastard von Istanbul“ auf meiner Wunschliste. Als ich las, dass vorablesen.de ihren neuen Roman „Der Architekt des Sultans“ verlost, habe ich mich sofort begeistert beworben und hatte Glück. Die Leseprobe versprach einen tollen Mix aus Exotik und Geschichte.

Wie war mein erster Eindruck?

Der Architekt des Sultans_CoverSchon die ersten Seiten versprühen den besonderen Charme und die Romantik des alten Orients. Elif Shafak erzählt von all den wilden, exotischen Tieren im Serail des Sultans von Istanbul und einer blutigen Nacht, in der sich der neue Sultan durch die Ermordung seiner Brüder den Thron zu sichern versucht. Der besonders Detailreichtum der Erzählung brachte mich unmittelbar zum Träumen und ließ mich schnell und mühelos in diese ferne, vergangene Welt eintauchen.

Etwas war lediglich, dass Erzähler und Handlungszeitpunkt zu Beginn ein paar Mal springen, bevor der Roman schließlich einen gleichmäßigen und stetigen Fluss findet, dem man gut folgen kann.

Wie fand ich die Sprache und die Übersetzung?

Elif Shafak pflegt in „Der Architekt des Sultans“ einen üppigen, ausschweifenden und blumigen Erzählstil mit einer sehr bildhaften Sprache, der mir sehr gefiel. Er passt gut zur exotischen Grundstimmung des Romans.

Auch die Übersetzung ist gut gelungen. Einige höfische Titel sowie Begriffe aus dem Koran bzw. Islam wurden nicht übersetzt. Für alle Worte, die nicht unmittelbar im Text erklärt werden, gibt es einen Annex. Ich fand diese Lösung sehr schön. Die unübersetzten Ausdrücke erhöhen die Authentizität und unterstreichen die Exotik des Textes. Durch den Annex kann man dennoch die wichtigsten Wissenslücken füllen und ist auch bei wenigen Vorkenntnissen in der Lage, dem Text zu folgen.

Wie fand ich den Handlungsverlauf bzw. den Spannungsaufbau?

Was den Handlungsverlauf und den Spannungsaufbau angeht, bin ich etwas zwiespältig.
Einerseits schäumt „Der Architekt des Sultans“ geradezu über vor guten Ideen. Immer wieder blitzen ganz unverhofft erstaunliche Enthüllungen und Wendungen auf. Das Timing ist dabei nahezu perfekt und ließ bei mir keine Langeweile aufkommen.
Andererseits gelingt es Shafak jedoch nicht, das Potential ihres Ideenreichtums voll auszu­schöpfen. In den Rahmenhandlungen von „Der Architekt des Sultans“ stecken noch so viele interessante Geschichten, dass es für mindestens ein weiteres Buch ausreichen würde. Daher wird manches verständlicher Weise nur kurz und relativ oberflächlich erwähnt. Gerade bei spannenden Themen fand ich dies schade. Zudem hat Shafak bisweilen Schwierigkeiten, die drei Haupthandlungsstränge gleichmäßig weiterzuentwickeln. Mal ist es Mihrimah, die über viele Kapitel ohne Erklärung vollkommen aus der Handlung „verschwindet“; mal vermisste ich Jahans Elefanten.

Auch verfügt der Mittelteil über gewisse Längen, die jedoch gut zu bewältigen sind. Das Ende ist wiederum sehr ausgewogen. Es werden alle begonnenen Fäden wiederaufgenommen und alle entstandenen Fragen beantwortet.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

Mit „Der Architekt des Sultans“ legt Elif Shafak eine beeindruckend ideen- und detailreiche literarische Chronik über die Blütezeit Istanbuls vor. Es ist ein atmosphärisch dichtes Buch über die Liebe zur Architektur und den außergewöhnlichen Schöpfergeist des einstigen Hofarchitekten Sinan; eine historisch reale Person. Geschickt und einfallsreich verknüpft Shafak geschichtliche Fakten mit literarischer Fiktion zu einem ebenso lehrreichen wie unterhaltsamen Roman über einige der bedeutendsten architektonischen Bauwerke Istanbuls.
Bei der Lektüre von „Der Architekt des Sultans“ fühlte ich mich zurückversetzt in jene Zeit und hatte das damalige Istanbul mit all seinem Prunk und Pomp sowie seiner orientalischen Exotik deutlich vor Augen. Einige historische Gebäude Istanbuls wie z.B. die Hagia Sofia werde ich bei meinem nächsten Besuch sicher mit ganz anderen Augen ansehen.

Trotz kleiner Mängel im Spannungsaufbau und gewisser Längen schaffte es Shafak, mich zu bewegen. Ich kämpfte mit Jahan im Krieg und litt mit ihm im herrschaftlichen Verlies. Ich wurde wütend, zornig und traurig. Ich war gerührt, verblüfft und erschüttert. Und als ich „Der Architekt des Sultans“ nach all diesen unterschiedlichen Gefühlsregungen schließlich beendete, war ich zu Tränen gerührt und von einer tiefen inneren Ruhe und Ausgeglichenheit erfüllt. Und ist es nicht genau das, was gute Literatur letztendlich ausmacht? Dass sie etwas in uns bewegt?

Erinnerte mich an:

„Der Medicus“ von Noah Gordon

„Die Säulen der Erde“ von Ken Follet


Titel: Der Architekt des Sultans ♦ Autorin: Elif Shafak ♦ Übersetzung: Michaela Grabinger ♦ Verlag: Kein & Aber ♦ Format: Hardcover ♦ Umfang: 656 Seiten ♦ ISBN: 978-3-0369-5715-9 ♦ Preis: 24,90 €


Challenges:

Istanbul / Türkei

Istanbul / Türkei

Nr. 22: ... in dem ein Tier von großer Bedeutung ist

Nr. 26: … das in einem Verlag erschienen ist, dessen Name mit dem selben Buchstaben beginnt, wie Dein Vorname

 

 

"Der Architekt des Sultans" von Elif Shafak

7.46

Anfang

8/10

    Handlungsverlauf

    7/10

      Schluss

      8/10

        Charaktere

        7/10

          Sprache

          7/10

            4 Kommentare

            1. Einige Passagen am Ende haben mich auch gerührt, ja. Aber ansonsten hat sich der Roman zu sehr in die Länge gezogen. Ich kenne sowohl das Buch „Der Medicus“, als auch “ Die Säulen der Erde“, muss aber sagen, dass dieser Roman an keines der Bücher von Gordon oder Follet herankommt. Denn die sind Spannung pur und warten mit Wendungen auf.

              • Kerstin Scheuer sagt

                Hallo Beatrix,

                der Roman hat tatsächlich Längen; das sehe ich auch so.

                Mein Vergleich mit „Die Säulen der Erde“ und „Der Medicus“ bezog sich ausschließlich auf das Themen:
                Die Liebe Sinan zur Architektur und dass er darin seine Ehrfurcht vor Gott bzw. Allah ausdrückt, erinnerte mich an „Die Säulen der Erde“. Und die Parallele zu „Der Medicus“ sehe ich darin, wie Geschichte und Fiktion verknüpft werden.

                Übrigens gab es bei Lovelybooks einen Kommentar zu dieser Rezension, in der genau wie von Dir auf die stilistischen Unterschiede hingewiesen wurden. Allerdings hielt man hier Shafak für die bessere Autorin und nannte Follett und Gordon „Ramschautoren“. Da sieht man mal wieder, wie weit die Meinungen zu Literatur auseinander gehen. Zum Glück!

                Alles Liebe.
                Kerstin

            2. Hallo liebe Kerstin,
              das ist ja interessant, was du da in Erfahrung gebracht hast. Klar gibt es unterschiedliche Meinungen und das ist auch gut so. Aber ausgerechnet Follett und Gordon haben exzellente Recherchen betrieben, da wundert mich so eine Aussage schon.
              Beste Grüße!

            3. Pingback: Rezension #134: „Ehre“ von Elif Shafak – Kerstin Scheuer

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