4 Herzchen, Rezension, Roman
Schreibe einen Kommentar

Rezension #73: „Weiß ich, wann es Liebe ist?“ von Audur Ava Ólafsdóttir

„Weiß ich, wann es Liebe ist?“ ist ein kluger und sehr ruhiger Roman über Trauer, Liebe, Verlangen und Selbstzweifel, der diese großen Gefühle jedoch nicht plakativ herausschreit.

Audur Ava Ólafsdóttir erzählt in einem ruhigen, feingliedrigen Fluss, der den Leser sanft davon trägt. Obwohl der Roman alles andere als trivial ist und immer wieder eigenständige Schlussfolgerungen erfordert, konnte ich bei seiner Lektüre so gut abschalten, als säße ich selbst in jenem Rosengarten des Klosters, in dem „Weiß ich, wann es Liebe ist?“ spielt. 

Es ist ein Buch, indem ich mich gut fallen lassen und komplett versinken konnte. 

Bewertung: ♥♥♥♥♥ Buchtipp

Worum geht es?

Arnljótur begibt sich auf eine Reise. Im weltberühmten Rosengarten eines Kloster möchte er weiter an der Rose züchten, die seine verstorbene Mutter entdeckte. Gleichzeitig soll es eine Reise zu ihm selbst werden, von der er sich Klarheit für sein weiteres Leben erhofft. Er lässt dafür alles hinter sich: seinen alten Vater, seinen behinderten Bruder und seine Heimat Island. Als plötzlich Anna, ein ehemaliger One Night-Stand und Mutter seiner Tochter Flóra Sól, bei ihm auftaucht, entdeckt er stattdessen die Liebe zu seinem Kind.

Warum habe ich es gelesen?

Das Buch war ein Geschenk meiner „Schwiegereltern“ zu Weihnachten. Ich selbst hätte es mir schon allein wegen des Titels und des Covers nie gekauft. Der Klappentext las sich dann aber doch nicht so schlecht, und ich beschloss, dass es ja nicht schaden könne, zumindest einmal reinzulesen.

Wie war mein erster Eindruck?

Leider fiel mir der Einstieg in „Weiß ich, wann es Liebe ist?“ trotz Ich-Erzähler nicht sehr leicht. Der Roman hat einen sehr abrupten Anfang, bei dem der Leser nicht „abgeholt“ wird. Audur Ava Ólafsdóttir erzählt so, als kenne man bereits den Hintergrund des Protagonisten sowie alle Nebencharaktere. Es gibt keinen Personeneinführungen, die es dem Leser erleichtern würden, sich in der Geschichte zu Recht zu finden. Dieses anfängliche Gefühl der Orientierungslosigkeit verfliegt jedoch schnell. Spätestens im zweiten Kapitel sind Personen und Setting klar.

Wie fand ich die Sprache?

Audur Ava Ólafsdóttir erzählt in einem ruhigen, feingliedrigen Fluss, der den Leser sanft davon trägt. Es hat etwas kontemplatives. Fast wirkt es wie eine Art Meditation, denn Ólafsdóttir beschreibt ausschließlich Handlungen, Reaktionen und Körperwahrnehmungen. Sie überlässt es dem Leser, hieraus eigenständig Rückschlüsse auf die Gefühlswelt von Arnljótur zu ziehen.

35964_OlafsdottirDie Sprache stellt so einerseits einen sehr schönen Bezug zum Hauptort des Geschehens – einem Kloster – her. Andererseits wird aber deutlich, wie wenig Zugang Arnljótur selbst zu seinen eigenen Gefühlen hat.

Mir hat diese Emanzipation des Lesers sehr gut gefallen. Bisweilen ist es zwar etwas anstrengend, sich den eigentlichen Inhalt des Romans immer wieder selbst erarbeiten zu müssen; im Grunde macht aber genau diese sprachliche Zurückhaltung den besonderen Charme von „Weiß ich, wann es Liebe ist?“ aus. Es ist ein kluger Roman über Trauer, Liebe, Verlangen und Selbstzweifel, der diese großen Gefühle jedoch nicht plakativ herausschreit.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

„Weiß ich, wann es Liebe ist?“ ist ein Buch, indem ich mich gut fallen lassen und komplett versinken konnte. Obwohl der Roman alles andere als trivial ist und einige eigenständige Schlussfolgerungen erfordert, konnte ich bei seiner Lektüre so gut abschalten, als säße ich selbst in jenem Rosengarten des Klosters.

Man braucht etwas Geduld – sowohl mit Arnljótur und dem Text als auch mit sich selbst. Lässt man sich jedoch auf den Roman ein und hat erst einmal einen Zugang gefunden, wird man nicht nur mit der Einsicht belohnt, wie spannend es sein kann, sich selbst und seinen eigenen Empfindungen ganz auf den Grund zu gehen. In all dem, was Ólafsdóttir zwar unausgesprochen lässt, aber dennoch ständig mitschwingt, tut sich dann auch die ganze Fülle des menschlichen Lebens mit all seinen Höhe und Tiefen auf. Der tragische Verlust der eigenen Mutter. Eine aus einem One Night-Stand mit der Freundin des besten Freundes resultierende Schwangerschaft. Der behinderte Zwillingsbruder. Alle diese Dinge werden so federleicht und vollkommen selbstverständlich als Teil von Arnljóturs Leben geschildert, dass dem Leser die Tragweite all dieser Ereignisse nur zögerlich bewusst wird.

Trotzdem ist etwas Tröstliches in der äußerlichen Ruhe, mit der Arnljótur all dies widerstandslos akzeptiert, und wie es ihn doch tief im Inneren bewegt. Ohne selbst etwas davon zu ahnen, besitzt er eine Weisheit über das Leben, die älter zu sein scheint, als er selbst.

Ich hatte viel Freude daran, mit ihm seine Vatergefühle zu entdecken. Trotz des offenen Endes habe ich „Weiß ich, wann es Liebe ist?“ schließlich mit dem guten Gefühl beendet, dass Arnljótur seinen Weg finden wird.


Titel: Weiß ich, wann es Liebe ist? ♦ Autorin: Audur Ava Ólafsdóttir ♦ Übersetzung: Angelika Gundlach ♦ Verlag: insel taschenbuch ♦ broschürt ♦ ISBN: 978-3-458-35964-7 ♦ Umfang: 304 Seiten ♦ Preis: 8,99


 Challenges:

April-Motto: "Frauenpower"

April-Motto: „Frauenpower“

Nr. 21: ... das Du geschenkt bekommen hast.

Nr. 21: … das Du geschenkt bekommen hast.

 

"Weiß ich, wann es Liebe ist?" von Audur Ava Olafsdottir

7.66

Anfang

7/10

    Handlungsverlauf

    7/10

      Charaktere

      7/10

        Schluss

        7/10

          Sprache

          9/10

            Schreibe einen Kommentar

            Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.