3 Herzchen, Rezension, Roman
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Rezension #72: „Still Alice – mein Leben ohne Gestern“ von Lisa Genova

Gerade nach der Oscarverleihung hatte ich große Erwartungen an „Still Alice – mein Leben ohne Gestern“. Leider wurden sie nicht erfüllt.  Der Roman ist in einem sehr nüchternen und sachlichen Ton verfasst, der echte emotionale Momente vermissen lässt.  Zwar sind viele Konfliktsituationen im Roman angelegt, diese werden jedoch nicht zu echten Spannungsmomenten ausgebaut.

Bewertung:  ♥♥♥♥♥ lesenswert

Worum geht es?

Alice (50) steht Mitten im Leben. Sie ist eine angesehene Professorin in Harvard, glücklich verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Als sie erfährt, dass sie an einer seltenen Form der früh einsetzenden Alzheimer Erkrankung leidet, bricht für sie zunächst eine Welt zusammen. Mit Hilfe ihrer Familie schafft sie es, sich langsam in ihrem neuen Leben zu Recht zu finden.

Warum habe ich es gelesen?

„Still Alice – mein Leben ohne Gestern“ war schon auf meiner Wunschliste, bevor es mir für die Leserlieblingsbuchchallenge empfohlen wurde. Ich lese gerne Romane, in denen es um die Bewältigung von Schicksalsschläge geht. Als es für die Verfilmung dann auch noch einen Oscar gab, musste ich es einfach lesen.

Wie fand ich den Anfang?

Mir fiel es schwer, in das Buch hineinzufinden. Ich konnte die ehrgeizige Grundhaltung von Alice, die ihre beiden erwachsenen Töchter vehement zur Karriere antreibt und ihnen rät, die Mutterschaft an zweite Stelle zu setzen, nicht Recht verstehen. Auch dass ihre geistigen, wissenschaftlichen Fähigkeiten immer wieder so hervorgehoben wurden, machte mich stutzig. Alice wird zu Beginn fast ausschließlich über ihre beruflichen Erfolge definiert, was meines Erachtens aber nur einen Teil einer Persönlichkeit ausmacht.

Auch dass das Buch in der dritten Person geschrieben wurde, erschwerte mir die Identifizierung mit Alice. Zwar ist der Erzähler weder neutral noch omnipräsent, sondern nähert sich schon Alices Perspektive an; trotzdem blieb durch die dritte Person bei mir eine gewisse Distanz bestehen.

Wie fand ich die Sprache?

Das Buch ist in einer gefälligen Sprache verfasst, die sich gut lesen lässt.  Sie weder besonders kunstvoll noch trivial zu nennen.

Dadurch, dass sowohl Alice also auch ihr Mann Akademiker sind, erfährt man in den Arztgesprächen viel Hintergrundwissen über die Krankheit. Als Neurologin lässt Lisa Genova hier ihr Fachwissen über die Prozesse im Gehirn, die durch die Krankheit gestört werden, einfließen. Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern hatte ich bei „Still Alice – mein Leben ohne gestern“ jedoch nicht das Gefühl, dass Genova hier nur ihr eigenes Wissen demonstrieren bzw. abladen möchte. Es ist geschickt in die Handlung eingebunden.
Dennoch fiel es mir teilweise schwer, diese Stellen und die Zusammenhänge, die hier beschrieben werden, zu verstehen. Glücklicherweise spielt dies jedoch für die Handlung an sich keine allzu große Rolle. Trotzdem bin ich froh, dass Buch nicht wie ursprünglich geplant, im englischen Original gelesen zu haben, denn dann wären diese Passagen wohl komplett unverständlich geblieben.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

Gerade nach der Oscarverleihung hatte ich große Erwartungen an „Still Alice – mein Leben ohne Gestern“. Leider wurden sie nicht erfüllt. Der Funke wollte einfach nicht überspringen. Wirklich emotional berührt war ich nur an einer Stelle, wo Alice in einer Rede über ihre persönlichen Erfahrungen mit der Erkrankung spricht. Es ist auch die einzige Stelle, wo der Leser eine echte Innensicht der Protagonistin erhält. Der Rest las sich für mich doch eher recht nüchtern und sachlich.

Hierdurch kam auch nicht so recht Spannung auf. Zwar sind viele Konfliktsituationen im Roman angelegt, diese werden jedoch nicht zu echten Spannungsmomenten ausgebaut. So beschließt Alice beispielsweise relativ früh, sich selbst den Weg zum Selbstmord zu weisen, wenn ihre Gedächtnisleistung in einem ihrer Meinung nach lebensunwürdigen Maß gesunken ist. Eine ernsthafte spätere Auseinandersetzung erfolgte jedoch nicht. Fast scheint dieser Beschluss im allgemeinen Trubel um die Schwangerschaft der älteren Tochter unterzugehen, wird dann aber doch gewohnt sachlich und undramatisch wieder aufgenommen und aufgelöst. Auch aus der Medikamentenstudie und den damit verbundenen Hoffnungen hätte man mehr machen können.

Zudem habe ich mich immer wieder gefragt, ob Demenz tatsächlich eine Katastrophe solchen Ausmaßes ist, wie es in „Still Alice – mein Leben ohne Gestern“ dargestellt wird. Selbstverständlich ändert sie das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen von Grund auf. Ich glaube auch, dass es viele tatsächlich wie auch im Roman zu der Frage führt, was eigentlich letzten Endes die eigene Persönlichkeit ausmacht. Aber es ist schließlich kein Todesurteil. Dass Alices Tochter ihr ungeborenes Kind auf die Veranlagung zu dieser Erkrankung untersuchen lässt, hat mich schockiert. Was wäre denn die Konsequenz gewesen, wenn das Ergebnis positiv ausgefallen wäre?!
Vielleicht war ich bei der Lektüre von „Still Alice – mein Leben ohne Gestern“ aber auch einfach noch zu sehr von Bettina Tietjens sehr positivem, lebensbejahenden Roman „Unter Tränen gelacht – die Demenz, mein Vater und ich“ beeinflusst, um hier eine objektive Einschätzung abgeben zu können.


Titel: Still Alice – mein Leben ohne gestern ♦ Autor: Lisa Genova ♦ Übersetzung: Veronika Dünninger ♦ Verlag: Bastei Entertainment ♦ eBook (ePub) ♦ 320 Seiten ♦ ISBN: 978-3-8387-0117-2 ♦ Preis: 7,49€


 

Scheibe-1Eigentlich hatte ich vor, den Film zu schauen, wenn ich mit dem Buch fertig bin. Da mich der Roman nun aber leider doch nicht so richtig vom Hocker reißen konnte, bin ich mir unsicher.

Wer hat den Film schon gesehen? Wie fandet Ihr ihn? Wie nah ist er an der Romanvorlage?


Challenges:

April-Motto: "Frauenpower"

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Harvard / USA

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März-Buch (gelesen im April)

März-Buch (gelesen im April)

Nr. 30: ... das verfilmt wurde

Nr. 30: … das verfilmt wurde

"Still Alice - Mein Leben ohne Gestern" von Lisa Genova

6.58

Anfang

6/10

    Handlungsverlauf

    8/10

      Charaktere

      5/10

        Schluss

        8/10

          Sprache

          6/10

            5 Kommentare

            1. oh, das hatte ich eigentlich auch auf meiner to-read-liste… ich werde es jetzt wohl erstmal etwas weiter nach unten schieben, da es dich nicht überzeugt hat. ich muss auch sagen, dass ich das thema ziemlich beunruhigend finde, es muss schrecklich sein, seinen eigenen „verfall“ so zu erleben. 🙁

              • Kerstin Scheuer sagt

                Ach, das Buch war schon ganz nett. Ich glaube, ich hätte „Unter Tränen gelacht“ einfach nicht so kurz davor lesen sollen. Die Botschaft über die Krankheit ist da nämlich eine ganz andere und meine Erinnerung an dieses Buch war wohl einfach zu frisch.

            2. Pingback: Monatsrückblick #9: April 2015 | so many books - so little time

            3. Ich wollte den Film mal sehen. DAs Thema ist schaurig und interessant zu gleich. Gut fand ich im Trailer die Szene, als die Mutter ihre Demenz (scherzhaft) ausnutzen will, um die Töchter zu manipulieren.

              Das Thema „Kinder auf Gene“ zu unternsuchen taucht bei „Grey’s Anatomy“ in abgewandelter Form auf – dort lässt sich die (erwachsene) Ärztin untersuchen. Ich denke, es geht vor allem darum, dass man nicht mehr soviel zweifelt kann, wenn sich herausstellt, dass man das mal bekommen könnte. Man ist dann möglicherweise motivierter, sein eigenes leben zu leben anstatt der anderen. Ich denke nicht, dass man deswegen sein Kind abtreiben lassen würde?

            4. Pingback: 3 Buchtipps zum Thema Demenz – Kerstin Scheuer

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