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Rezension #70: (Hörbuch) „1000 Peitschenhiebe – Weil ich sage, was ich denke“ von Ralf Badawi

„1000 Peitschenhiebe – Weil ich sage, was ich denke“ ist zugleich ein erstaunliches Zeugnis vom großen Mut eines einzelnen Mannes, eine grundlegende Einführung in Badawis Thesen und Forderungen sowie eine Dokumentation der Spannungen zwischen der traditionellen Auslegung des Islams und dem Anspruch auf ein freies und selbstbestimmtes Leben. Raif Badawis Texte sind feinsinnig, bisweilen bissig und nicht frei von Ironie und Witz. Seine Schriften zeugen von der Intelligenz, dem Mut und dem Selbstbewusstsein des Autors. Nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo sind es Stimmen wie die von Badawi, die eine Verständigung und ein friedliches Zusammenleben unserer unterschiedlicher Kulturen und Religionen möglich erscheinen lassen.

Bewertung: ♥♥♥♥♥ (Hör-) Buchtipp!

Worum geht es?

Seit nunmehr drei Jahren sitzt Raif Badawi in Haft. Das ursprünglich verhängte Todesurteil wurde mittlerweile in 10 Jahre Haft, etliche Peitschenhiebe und 1.000.000,- Real abgemildert. Seine Frau musste mit den gemeinsamen Kindern ins Ausland ziehen, um den ständigen Anfeindungen zu entgehen. Raif Badawi hat alles verloren, dabei hat er weder gestohlen noch gemordet oder vergewaltigt. Er wurde für etwas verhaftet und verurteilt, was für uns im Westen vollkommen normal erscheint. Sein Verbrechen ist es, seine Meinung äußert zu haben. Raif Badawi ist Blogger. In Saudi-Arabien.

Raif Badawis vierzehn grundlegende, verbotene Aussagen liegen nun erstmals in deutscher Übersetzung vor. Am 20.04.2015 erscheint im Hörverlag eine ungekürzte Lesung des Schauspielers Steffen Groth.

Warum habe ich es gehört?

Als mir der Hörverlag anbot, die Lesung bereits vor deren offizieller Veröffentlichung zu hören und darüber zu berichten, war ich sofort begeistert. Ich hatte bereits vom unglaublichen Schicksal Badawis gelesen und war neugierig auf seine Texte; dem Grund seiner Verurteilung.

Wie war mein erster Eindruck?

Das Hörbuch ist gut aufgebaut. Eine Einleitung von Konstantin Schreiber führt zunächst kurz in die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Umbrüche in der arabischen Welt ein. So erhält der Hörer einen guten Einblick in den Hintergrund, vor dem Raif Badawi in der Zeit von 2010 bis zu seiner Verhaftung 2012 seine Texte verfasste.

Wie fand ich die Lesung?

Zentraler Begriff in Raif Badawis Texten ist der des „Liberalismus“, unter dem er primär das Recht auf ein freies und selbstbestimmtes Leben versteht; frei von jeder Einschränkung durch Religion und Staat.

Er beschreibt damit eine scheinbare Selbstverständlichkeit, die jedoch in vielen islamischen Staaten unter der Herrschaft der Muslimbrüder und anderer radikal-islamischer Gruppen nicht gilt.

Badawi möchte mit seinen Texten zu einer „Aufklärung der Gesellschaft“ beitragen, so beschreibt er es selbst im Vorwort, das er seiner Frau am Telefon aus dem Gefängnis diktierte. Er prangert nicht nur die Macht und Lehren der islamischen Führer und die unzeitgemäße Auslegung der Scharia und des Koran an. Badawi setzt sich auch ganz konkret für Frauenrechte, wie etwa das Recht einer Frau, selbst für ihren Lebensunterhalt aufzukommen, ein. Es geht um Polygamie, die Verlogenheit und Scheinheiligkeit mancher islamischer Ehebräuche und die Unterdrückung, Verfolgung und Vernichtung aller „Andersgläubigen“. Auch aktuelle international politische Themen wie beispielsweise Israel, 9/11, die Demonstrationen auf dem Tahir Platz und der Salafismus werden angesprochen.

Raif Badawis Texte sind feinsinnig, bisweilen bissig und nicht frei von Ironie und Witz. Bei mir riefen sie sehr unterschiedliche Gemütsregungen hervor: von Lachen über Empörung bis zu blankem Unverständnis darüber, dass in Saudi-Arabien noch heute nach unseren Maßstäben mittelalterliche Bräuche gepflegt werden. Badawis Schriften zeugen von der Intelligenz, dem Mut und dem Selbstbewusstsein des Autors.

„1000 Peitschenhiebe – Weil ich sage, was ich denke“ ist zugleich ein erstaunliches Zeugnis vom großen Mut eines einzelnen Mannes, eine grundlegende Einführung in Badawis Thesen und Forderungen sowie eine Dokumentation der Spannungen zwischen der traditionellen Auslegung des Islams und dem Anspruch auf ein freies und selbstbestimmtes Leben. Raif Badawi trägt nicht nur zum Verständnis dieser für uns noch immer so fremden islamischen Kultur bei sondern deutet auch eine freiere Auslegung des Islams an, die mögliche Brücken zu anderen Religionen sein könnte. Nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo erscheint diese notwendiger denn je.


Titel: 1000 Peitschenhiebe – Weil ich sage, was ich denke ♦ Autor: Raif Badawi ♦ Format: Ungekürzte Lesung, Download ♦ Produktion: der Hörverlag ♦ Sprecher: Steffen Groth ♦ Buchvorlage: Ullstein HC ♦ Laufzeit: ca. 90 min ♦ ISBN: 978-3-8445-1979-2 ♦ Preis: € 4,95 UVP


Wer mehr über das Leben unter der Herrschaft der Muslimbruderschaft erfahren möchte, dem empfehle ich außerdem „I am Malala“ von Malala Yousafzai, zu dem in diesem Blog ebenfalls eine Rezension erschienen ist: >>Link<<

(Hörbuch) "1000 Peitschenhiebe - Weil ich sage, was ich denke" von Ralf Badawi

(Hörbuch)
8.25

Anfang

8/10

    Aufbau

    8/10

      Aktualität

      9/10

        Sprecher

        8/10

          4 Kommentare

          1. Pingback: Blogger schenken Lesefreude – Welttag des Buches | so many books - so little time

          2. Danke für die Rezi! Nach all dem, was ich in den letzten Wochen über RB gelesen habe, war ich sehr neugierig und dieses Hörbuch werde ich mir sicher zulegen!

            • Kerstin Scheuer sagt

              Ich fand es, wie schon geschrieben, sehr interessant, herauszufinden, was Badawin eigentlich „Schlimmes“ schrieb. „1000 Peitschenhiebe“ gibt es übrigens auch als Buch, falls Du mit Hörbüchern nicht so viel anfangen kannst.

          3. Pingback: Monatsrückblick #9: April 2015 | so many books - so little time

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