4 Herzchen, Krimi, Rezension
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Rezension #69: „Die Falle“ von Melanie Raabe

Melanie Raabe beherrscht das Verwirrspiel mit dem Leser auf eine meisterliche Weise, die mich mehr als einmal an Gillian Flynn denken ließ. Durch immer neue Wendungen entsteht ein Thriller mit echtem Suchtpotential.

Besonders hervorzuheben ist die ausgefeilte, fast schon poetische Sprache von Melanie Raabe, die zunächst so gar nicht zum Genre des Thrillers passen möchte, dann aber doch den ganz eigenen Charme  von „Die Falle“ ausmacht.

 Ein etwas originelleres Ende hätte dem Buch meines Erachtens jedoch besser gestanden.

Bewertung: ♥♥♥♥ Buchtipp

Worum geht es?

Seit mehr als 11 Jahren hat die erfolgreiche Autorin Linda Conrads ihr Haus nicht mehr verlassen. Den Grund dafür, kennen nur sie und ihre Eltern: Sie hat Angst vor dem Mörder ihrer Schwestern, den sie vor so langer Zeit am Tatort überraschte. Nun glaubt sie ihn, im Journalisten Victor Lenzen wiedererkannt zu haben und beschließt, ihm eine Falle zu stellen. Mit sich selbst als Köder. Doch wie sehr kann Linda ihrem traumatisierten Gedächtnis trauen?

Warum habe ich es gelesen?

Über „Die Falle“ von Melanie Raabe wurde unmittelbar nach der Veröffentlichung viel geschrieben. Fast alle waren begeistert. Als ich dann von einer Leserunde hierzu bei Lovelybooks las, war daher klar, dass auch ich mich bewerben würde. Ich hatte Glück und durfte teilnehmen.

Wie war mein erster Eindruck?

Zunächst fiel es mir etwas schwer, ins Setting zu finden. Zwar ist die Erzählperspektive mit der traumatisierten Linda Conrads als Icherzählerin gut gewählt; für mich aber blieb lange unklar, ob es Lindas Schwester und deren Mord überhaupt gab. Diese Zweifel machten es mir schwer, Victor Lenzen als potentiellen Mörder oder überhaupt in irgendeiner Form als Bedrohung wahrzunehmen. Dieser Eindruck kippte erst nach dem ersten Drittel des Buchs.

Wie fand ich die Sprache?

Es war wohl hauptsächlich die Sprache, die mich von Anfang an bei der Stange hielt. Für einen Thriller ist „Die Falle“ in einer sehr ausgefeilten, fast schon poetischen Sprache geschrieben. Diese trägt sehr gut über die Einsamkeit und Langeweile von Lindas selbst gewählter Isolation, die in den ersten Kapiteln beschrieben wird.

Melanie Raabe bedient sich des Öfteren Metaphern, in denen sie sich Naturereignissen und Wetterphänomenen bedient. So wird beispielsweise Kapitel 2, in dem Linda den mutmaßlichen Mörder ihrer Schwester im Fernseher erkennt mit folgenden Sätzen eingeleitet:

Das Erdbeben kam an einem Dienstag. Es gab keine kleineren Vorgeben. Nichts, dass mich gewarnt hätte.

(aus: „Die Falle“ von Melanie Raabe, Seite 7)

Auch später ist immer wieder von einem bald aufziehenden Gewitter die Rede. Vergleiche und Sinnbilder dieser Art sind gewiss nicht neu. Melanie Raabe setzt sie in „Die Falle“ aber so subtil und wirkungsvoll manipulativ ein, dass aus dem vermeintlichen „alten Hut“ eine wahre Freude wird.

Schon alleine diese tolle Sprache, in der das Buch erzählt wird, macht „Die Falle“ für mich lesenswert.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

Spätestens nach dem ersten Drittel hatte mich „Die Falle“ vollkommen gefesselt und wurde zum echten Pageturner. Melanie Raabe beherrscht das Verwirrspiel mit dem Leser auf eine meisterliche Weise, die mich mehr als einmal an Gillian Flynn denken ließ. Immer wenn ich dachte, der Höhepunkt an Spannung sei erreicht, kommt Melanie Raabe mit einem neuen Einfall, einer weiteren Wendung, die das vorangegangene noch toppt. So entsteht ein Thriller mit echtem Suchtpotential, den ich am liebsten an einem Stück durchgelesen hätte.

Erstaunlicher Weise ist „Die Falle“ trotz aller Spannung und Dramatik erstaunlich unblutig. Die besten Momente spielen sich auf rein psychologischer Ebene ab. Es sind reine Gedankenspiele gepaart mit der immer wiederkehrenden Frage danach, was tatsächlich wahr ist und was reine Einbildung. Dramatik, Spannung und Entsetzen spielen sich fast ausschließlich im Kopf der Figuren ab. Gerade dieses perfide Spiel führt zu einer weitaus größeren Anspannung meiner Nerven, als es der blutigste Krimi gekonnt hätte.

Eine solche Virtuosität weckt natürlich große Erwartungen; auch und gerade ans Ende. Dieses aber war mir dann doch etwas zu einfach. Etwas mehr Originalität in Form eines Endes, das wirklich niemand erwarten konnte, hätte dem Buch meines Erachtens besser gestanden. Doch statt eines verstörenden und überraschenden Endes präsentierte mir Melanie Raabe am Schluss ein bisschen zu viel heile Welt.


Titel: Die Falle ♦ Autorin: Melanie Raabe ♦ Verlag: btb ♦ ISBN: 987-3-442-75491-5 ♦ Preis: 19,99 €


Challenges:

April-Motto: "Frauenpower"

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Deutschland / Europa

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Nr. 32: ... das zuerst auf Deutsch erschienen ist und ins Englische übersetzt wurde

Nr. 32: … das zuerst auf Deutsch erschienen ist und ins Englische übersetzt wurde

"Die Falle" von Melanie Raabe

7.94

Anfang

7/10

    Handlungsverlauf

    9/10

      Charaktere

      8/10

        Schluss

        7/10

          Sprache

          9/10

            3 Kommentare

            1. Meine Rezension zu „Die Falle“ geht diese Woche auch noch online. Eigentlich könnte ich jetzt aber auch ganz schnell noch deinen Text kopieren, der sagt nämlich so ziemlich dasselbe aus wie meiner. 😉

              Nur dass du dir mit der Aufmachung ja unheimliche Mühe gibst! Ich bin echt begeistert!

              • Kerstin Scheuer sagt

                Oh, vielen Dank! Das freut mich wirklich sehr.
                Dein alter Blog war einer der ersten, die ich gelesen habe.

                Normalerweise bin ich bei diesen gehypten Büchern ja vorsichtig. Aber dieses ist nunmal einfach gut.

            2. Pingback: Monatsrückblick #9: April 2015 | so many books - so little time

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