4 Herzchen, Frauen, Rezension
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Rezension #17: „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ von David Grossmann

Bewertung: ♥♥♥♥

Inhalt:

Der Roman spielt in Israel. Als Oras jüngster Sohn Ofer sich kurz nach dem Ende seiner 2jährigen Wehrpflichtzeit freiwillig zu einem Kreiseinsatz meldet, bricht für Ora eine Welt zusammen. Kurzerhand beschließt sie, den gemeinsam geplanten Wanderausflug, stattdessen mit ihrem besten Freund zu unternehmen, denn – so ihre Theorie – wenn sie die Nachricht von Tod ihres Sohnes nicht erreichen kann, dann wird ihm auch nichts passieren. Auf ihrer Wanderung erzählt Ora von Ofer und aus ihrem Leben, in dem der Krieg und die Liebe zu zwei Männern eine große Rolle spielen.

Meinung:

David Grossmann ist ein ungewöhnlicher und sehr gefühlvoller Antikriegsroman gelungen. Er schildert weniger die eigentlichen Kriegsereignisse als viel mehr das, was der Krieg mit den Menschen macht. Hierzu zählen die psychischen und pysischen Folgen genauso wie die hierdurch entstehenden Einschnitte und plötzlichen Wendung des eigenen Lebensweges.


Besonders beeindruckt haben mich die Schilderung des Alltags in Tel Aviv. So wird bespielsweise beschrieben, wie die Menschen im Linienbus an jeder Haltestelle das Risiko abschätzen, ob eine der zusteigenden Personen ein Selbstmordattentäter ist. Oder wie fast die gesamten Gäste  fluchtartig ein Cafe verlassen, als eine Frau mit Kinderwagen, die viele als zu alt für ein Baby einschätzen, eintritt. Die Menschen in Israel leben schon so lange mit dem Risiko und der Angst einer möglichen Attentats, dass es Teil des Alltags geworden ist. Man lebt zwar seinen gewohnten Alltag, ist aber auch immer ein bisschen auf der Hut und nie vollkommen sorglos und entspannt.
Im scheinbaren Gegensatz stehen die eindrucksvollen Landschaftsschilderung während der Wanderszenen. Hier wird die Schönheit des Landes und seine historischen Orte deutlich. So schaut Ora bespielsweise von einem Berg auf den See Genezareth herab und der Leser wird sich bewusst, dass dieses zerrissene Land die Wiege dreier Weltreligionen ist. Die Liebe des Autors zu seinem Land wird deutlich spürbar.

Der Roman ist anspruchsvoll zu lesen – und das nicht nur wegen des Themas. Ora springt in ihrer Erzählung immer wieder vor und zurück. Der Leser muss sich also immer wieder neu zurecht finden, aus welcher Zeit Ora nun berichtet, und sich hiervon ausgehend die Geschichte selbst zusammensetzen. Erschwert wird dies dadurch, dass Grossmann vollständig auf Anführungszeichen verzichtet. Bei Unterhaltungen ist es daher manchmal etwas schwer, herauszufinden, wann der eine aufhört und wann der andere anfängt zu sprechen. Zudem wechselt der Autor oft vollkommen unvermittelt von der Ich- in eine außenstehende Perspektive. Nicht selten geschieht dies innerhalb eines Satzes.

Die Arbeit jedoch lohnt sich. Ich war schwer beeindruckt von dem Buch und dem Land, über das man so oft schreckliche Dinge in der Tagesschau sieht, ohne es wirklich zu kennen. Der Roman von Grossmann ist bestens geeignet, um diese Lücke zu schließen. In mir kam sogar der Wunsch auf, in sichereren Zeiten Israel einmal zu besuchen.

Ich vergebe dennoch nur 4 von 6 Sternen, da ich mir durch die Machart des Romans wirklich schwer tat mit der Lektüre.

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