4 Herzchen, Rezension, Roman
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Rezension #56: „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler

Es ist vor allem die Einheit aus Sprache und Inhalt, die „Ein ganzes Leben“ zu einem besonderen Leseerlebnis werden lässt. Robert Seethaler erzählt in einer schlichten, klaren Sprache,  die dennoch verzaubert.

Allem – auch den größten Unglücksmomenten – liegt eine demütige Akzeptanz des natürlichen Laufs der Dinge zu Grunde, die auf mich als Leserin eine sehr beruhigende Wirkung hatte.

Die Schlichtheit des Romans findet sich auch in dessem szenischen Aufbau wieder. Seethaler benötigt gerade einmal knapp 150 Seiten für das gesamte Leben von Andreas Egger mit all seinen Höhen und Tiefen. Er lässt ausgewählte Szenen sprechen, die in Eggers Leben ihre Spuren hinterließen.

Bewertung: ♥♥♥♥  „Buchtipp“

Worum geht es?

In „Ein ganzes Leben“ erzählt Robert Seethaler das einfache Leben von Andreas Egger, der im Alter von etwa 4 Jahren in das Tal kommt, in dem er den Rest seines Lebens verbringen wird. Er arbeitet als Hilfsknecht und schließt sich später einem Bautrupp an, der mit einer der ersten Seilbahnen auch die Elektrizität, den Tourismus und den Lärm ins Tal bringt. Egger findet seine große Liebe Marie, die er schon bald wieder verliert und landet während des zweiten Weltkriegs als russischer Gefangener in einem Arbeitslager.

Warum habe ich es gelesen?

Ausschlaggebend dafür, „Ein ganzes Leben“ auf meine Wunschliste zu setzen, war ein Kommentar, den ich zu meiner Rezension zu „Panischer Frühling“ von Gertrud Leutenegger erhielt. Dort stimmte man nicht nur meiner Einschätzung zu diesem Buch zu, sondern empfahl auch „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler als ein Buch, das eigentlich zum Deutschen Buchpreis 2014 hätte nominiert sein müssen.

Auch die Buchhändlerin meines Vertrauens schwärmte von Seethaler und vor allem dessen Sprache, die diesen Roman zu etwas ganz besonderem machten.

Entschieden habe ich mich schließlich für die Ausgabe der Büchergilde, da ich hier das Cover für besonders gelungen halte.

Wie war mein erster Eindruck?

Ich habe das Buch an einem Freitag auf dem Weg zur Arbeit begonnen und mich bereits nach wenigen Seiten geärgert, dass ich so sehr aus der Übung war, was das analoge Lesen betrifft. Ich hatte weder Stift noch Pagemaker zur Hand, um mir alle die schönen Stellen zu markieren, die mir in „Ein ganzes Leben“ schon auf den ersten Seiten begegneten. Im Büro angekommen, habe ich das sofort nachgeholt, bevor ich mit der Arbeit beginnen konnte.

Wie fand ich die Sprache?

Es ist vor allem diese wunderbare Einheit aus Sprache und Inhalt, die „Ein ganzes Leben“ zu einem besonderen Leseerlebnis werden lässt. Selten habe ich ein Buch gelesen, bei dem es so gut gelangt, die Stimmung und Atmosphäre sprachlich so präzise umzusetzen. Robert Seethaler erzählt in einer schlichten, klaren Sprache, der dennoch ein gewisser Zauber innewohnt. Dabei wird er jedoch nicht poetisch, und das Buch behält durchweg seine Leichtigkeit und Einfachheit. Den besten Eindruck bekommt man wohl durch folgendes Zitat auf Seite 28, das eigentlich Andreas Egger beschreibt, aber m.E. auch für die sprachliche Konzeption des Buchs steht:

Er dachte langsam, sprach langsam und ging langsam, aber jeder Gedanke, jedes Wort und jeder Schritt hinterließen ihre Spuren genau da, wo solche Spuren seiner Meinung nach hingehörten.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

Unterstützt wird diese Schlichtheit der Sprache durch den szenischen Aufbau des Buches. Seethaler benötigt gerade einmal knapp 150 Seiten für das gesamte Leben von Andreas Egger mit all seinen Höhen und Tiefen, den kleine und großen menschlichen Tragödien sowie den Glücksmomenten. Er lässt ausgewählte Szenen sprechen, die in Eggers Leben ihre Spuren hinterließen.

Dabei liegt allem – auch den größten Unglücksmomenten – eine demütige Akzeptanz des natürlichen Laufs der Dinge zu Grunde, die auf mich als Leserin eine sehr beruhigende Wirkung hatte und sich ebenfalls in der sprachlichen Ausdrucksweise wiederfindet:

Und manchmal, wenn er lange genug so dalag, hatte er das Gefühl, die Erde unter seinem Rücken würde sich ganz sachte heben und senken, und in diesen Momenten wusste er, dass die Berge atmeten.

So löst schließlich selbst Andreas Eggers Tod, den er einsam und alleine in einer Berghütte stirbt, keine große Trauer beim Leser aus, der längst weiß, dass der Tod für Egger unweigerlich zum Leben dazugehört. Man ist beruhigt, dass Egger so sterben durfte, wie er lebte, und dass er es in seinen geliebten Bergen tun konnte.

Fast möchte man sich Egger zum Vorbild nehmen, denn er war zwar nicht immer glücklich in seinem Leben, aber er war trotz allem immer zufrieden – auch und gerade mit den kleinen Dingen.
Aber man ahnt auch, dass durch die neue Zeit, in der wir leben, und die Hektik, Mobilität und Fortschritt mit sich bringen, ein Leben wie das von Andreas Egger zunehmend schwerer zu leben sein wird. So habe ich das Buch mit der leisen Frage geschlossen, ob uns durch all den technologischen Fortschritt letztlich nicht auch etwas genommen wurde; nämlich die Nähe zur Natur und das Vertrauen in diese.


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Challenges:

Februar-Motto. Stand alones

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Österreich / Europa

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Nr. 19: ... bei dem die Initialen des Autors zwei aufeinanderfolgenden Buchstaben im Alphabet entsprechen

Nr. 19: … bei dem die Initialen des Autors zwei aufeinanderfolgenden Buchstaben im Alphabet entsprechen

"Ein ganzes Leben" von Robert Seethaler

7.96

Anfang

7/10

    Handlungsverlauf

    8/10

      Charaktere

      8/10

        Schluss

        8/10

          Sprache

          9/10

            2 Kommentare

            1. Hallo Kerstin,

              das Buch hört sich interessant an. Finde es immer spannend, wenn der Autor es schafft mit der Art zu schreiben, den Inhalt zu verstärken.

              Inhaltlich hört sich das Buch aber nicht so spannend an und das Setting scheint mir auch nicht so verlockend.

              Liebe Grüße
              Tobi

              • Kerstin Scheuer sagt

                Hallo Tobi,

                der reine Inhalt ist in der Tat nichts besonderes. Eben ein ganz normales Leben in den Alpen im 19. Jahrhundert. Aber man würde dem Buch Unrecht tun, es ausschließlich auf den Inhalt zu beschränken. Hier ist es das Zusammenspiel, das es so besonders macht.
                (Ich gebe aber zu, dass es nicht wesentlich länger als die knapp 150 Seiten hätte sein dürfen, um mich bei der Stange halten zu können.)

                Alles Liebe Kerstin

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