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Rezension #8: „Das Gleichgewicht der Welt“ von Rohinton Mistry

Bewertung: ♥♥♥♥

Inhalt:

Bombay Mitte der 70er Jahre. In Indien wurde der Ausnahmezustand ausgerufen, um der amtierenden Ministerpräsidentin die Macht zu sichern. Der ohnehin schon korrupte Staatsappart erhält einen Freischein zur behördlichen Willkür. Personen verschwinden spurlos, tauchen später mit Verstümmelungen und schweren Misshandlungen wieder auf – von einigen wird später die Leiche gefunden.
Vor allem in der ländlichen Bevölkerung ist das Kastensystem noch tief in den Kopf der Menschen verwurzelt.

In dieser politisch und gesellschaftlich schwierigen Zeit lernen sich Dina, Maneck, Omprakash und Ishvar kennen. Sie stammen aus Verhältnissen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit. Alle haben sie bereits Schicksalsschläge hinter sich, die sie zu dem gemacht haben, was sie heute sind.
Dennoch schaffen sie es, ihre Vorurteile und Verletzungen abzubauen und werden einander zu Freunden und einer Art Familienersatz. Bis das Leben sie wieder voneinander trennt…

Meinung:

Rohinton Mistry schlägt in diesem über 1.200 Seiten starken Buch einen sehr weiten Bogen. In den ersten Kapiteln wird das bisherige Leben der Hauptcharaktere ausführlich dargestellt. Dabei beginnt er jeweils mit der Elterngeneration und endet in der Zeit, zu der der Roman spielt. Hierdurch gelingt ihm eine atmosphärische Dichte, die den Leser schnell in seinen Bann zieht. Die Charaktere sind sehr überzeugend und authentisch. Die politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse in Indien werden plastisch beschrieben, so dass es auch einem Mitteleuropäer leicht fällt, sich in die indischen Verhätlnisse zu dieser Zeit hineinzudenken.

Ich fand das Buch gut, aber stellenweise etwas langamtig. Vor allem der Anfang des Buches mit den sehr ausführlichen Personenvorstellungen war irritierend. So blieb lange Zeit unklar, wo dieser Roman hinführen soll. Später jedoch wird das Buch wirklich interessant und spannend. Es gibt einige überraschende Wendungen. Lediglich das Ende war mir zu düster. (Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.)

Die eigentliche Stärke des Romans lag für mich jedoch darin, dass es ein so gute Bild von Indien in den 70er Jahren zeichnet. Mich persönlich fasziniert dieses Land bereits seit Jahren, weil es so vollkommen anders ist, als Europa. Nirgendwo sonst treffen extreme Gegensätze wie Arm und Reich so brutal aufeinander, ohne Neid, Gewalt oder Hass auszulösen. Die Einstellung der Mensch ist einfach so vollkommen anders. Man ist schicksalsergebener, zufriedener. Das Leben ist langsamer, ruhiger, harmonischer. Dies wird auch in diesem Roman deutlich, wo die Personen trotz diverser Schicksalsschlägen wie Zwangssterilisation, Verschleppung in ein Zwangsarbeitslager oder Verstoß von der Familie nicht in extreme Lebenskrisen geraten, sondern sich mit der Gewissheit, dass auch wieder bessere Zeiten kommen, in ihr Schicksal ergeben.

Ich empfehle das Buch allen Indien-Fans.
Als erste Indien-Lektüre ist es m.E. aber nicht geeignet, da viele Besonderheiten Indiens nicht näher erläutert werden. So setzt der Autor beispielsweise voraus, dass seine Leser wissen, was ein Zopadpatthi (=Slum) ist.

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