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Rezension #54: „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq

Kurz

„Unterwerfung“ von Michel Houellebecq ist eines der männlichsten Bücher, die ich je gelesen habe. Frauen sind eine reine Randerscheinung und kommen nur als Betthäschen und/oder Köchinnen/Haushälterinnen vor. Auch der unsympathische, selbstherrliche Macho-Protagonist machte das Buch zu keinem großen Lesevergnügen für mich. Zudem relativiert die Perspektive die großen gesellschaftlichen Umwälzungen, von denen der Roman eigentlich erzählt.

Die Aussage von „Unterwerfung“ erschloss sich mir nicht. Am ehesten ist es wohl als Kritik an den Intellektuellen Frankreichs zu sehen, die in „Unterwerfung“ als sehr selbstzentriert, weltfremd und käuflich dargestellt werden.

Wer das Buch lese will, sollte einige solide Kenntnisse der französichen Literatur, insebesondere Huysmans, sowie ein Grundverständnis der französischen Parteisystems mitbringen.

Bewertung: ♥♥♥♥ „Finger weg!“


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 Ausführlich

Worum geht es?

Paris 2022. Francois ist Literaturprofessor und Huysmans-Spezialist an der Sorbonnne. Als Single führt er ein eher langweiliges Leben ohne große Verantwortung. Als sich bei der Präsidentschaftswahl ein unerwarteter Sieg der Bruderschaft der Muslime andeutet, weckt dies sein Politikinteresse.

Warum habe ich es gelesen?

Das Buch erlangte bereits vor seiner Veröffentlichung durch die Anschläge in Paris traurige Berühmtheit. Überall wurde plötzlich darüber diskutiert. Nicht immer waren die Reaktionen positiv. Ich war neugierig und wollte mitreden können. Daher habe ich „Unterwerfung“ vorbestellt, um bei den ersten sein zu können, die es lesen.

Wie war mein erster Eindruck?

Mir wurde relativ schnell klar, dass Francois und ich keine Freunde werden würden. Er ist ein selbstverliebtes, egoistisches A..loch, das die Emanzipation der Frau als einen der größten Fehler der Menschheit sieht. Mit solchen negativen Protagonisten tu ich mir ja immer etwas schwer.

Auch schien mir einiges mehr an Kenntnissen über die französische Literaturgeschichte und das Werk und Leben von Huysmans von Nöten zu sein, als ich, die ich gerade einmal eine seiner Erzählungen gelesen habe, es aufweisen kann.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

Vielleicht lag es am unsympathischen Protagonisten. Vielleicht war es die viele Schwadroniererei über Huysmans. Oder der Umstand, dass es eines der männlichsten Bücher ist, die ich seit langem gelesen habe. Jedenfalls wurde ich mit „Unterwerfung“ nicht so richtig warm.

In der Erlebniswelt von Francois, der uns hier seine Geschichte erzählt, kommen Frauen nur als Betthäschen oder Köchinnen/Haushälterinnen vor. Dass diese ihm auch geistig ebenbürtig sein könnten, zieht er gar nicht erst in Betracht und so bleiben sie eine Randerscheinung in „Unterwerfung“ und werden zu Menschen zweiter Klasse degradiert. Zudem ist es für Francois die Berufstätigkeit der Frau, die zur niedrigen Geburtenrate und der Überalterung der westlichen Gesellschaft führte.
Dies ist nicht nur für mein emanzipatorisches Herz empörend, sondern auch schade für den gesamten Roman. Denn auf diese Weise erscheinen die tiefen Einschnitte, die mit dem Sieg der Bruderschaft der Muslime für die Frauen in Frankreich folgen, irgendwie weniger dramatisch und schlimm. Aus Sicht Francois` stellt sich vielmehr endlich das ein, was er sich ohnehin schon lange wünschte, aber nie offen zu sagen wagte. Auch gibt es eben keine Frau, aus deren Sicht man die gesellschaftlichen Umwälzungen erleben könnte, um mitzuleiden. Dies fand ich wirklich extrem schade.

Auch ist mir nach einigem Nachdenken noch immer nicht klar, ob Houellebecq mit diesem Roman eigentlich aussagen wollte.
Durch die schräge Perspektive finde ich eigentlich nicht, dass er besonders die Angst vor dem Islam schürt oder provoziert, wie oftmals behauptet wird. Natürlich werden Frauenrechte massiv beschnitten und die Polygamie wieder eingeführt. Aber Francois ist das nur Recht! Außerdem blühen die französischen Universitäten dank Petrodollars aus Saudi-Arabien und den VAE wieder auf.
Ich habe versucht, eine Parallele zu Huysmans und seinem berühmtesten Buch „Gegen den Strich“ zu ziehen. Aber so ganz komme ich damit auch nicht überein. Zwar finden in beiden Werken die Protagonisten am Schluss irgendwie zur Religion. In „Gegen den Strich“ aber wird von einem reichen Mann erzählt, der in absoluter Dekadenz lebt und seine „Rettung“ im Christentum und der Enthaltsamkeit findet. (Auch Huysman verbachte ein Teil seines Lebens im Kloster.) Bei „Unterwerfung“ erleben wir einen Mann, der sein sinnentleertes Leben mehr oder weniger an sich vorbei labbern lässt und am Schluss zur Dekadenz (Polygamie, extrem gut bezahlte Dozentenstelle) und Religion (Islam) findet. – Aber was will mir das sagen?!

Am ehesten kann man „Unterwerfung“ als geschickte Überzeichnung des Lebensstils der so genannten „Intellektuellen“ verstehen. Denn Francois und seine Kollegen kreisen schon sehr um sich selbst, ihre eigene Arbeit und den Universitätsbetrieb. Das Leben „draußen“ nehmen sich gar nicht wahr. Auch die Absurdität der Ausbildung von Literaturwissenschaftlern, die dann wieder eines Tages selbst dozieren und neue Literaturwissenschaftler ausbilden, die dann ihrerseits dozieren etc. wird gut deutlich. So verstanden zeigt und das Ende des Romans wie käuflich Intellektuelle im Grunde genommen doch sind, obwohl sie sich immer für etwas besser als den Rest halten. Zu dieser Sichtweise passt auch die Danksagung am Ende von „Unterwerfung“, in der Houellebecq ausdrücklich betont, nie an einer Uni gewesen zu sein. „Unterwerfung“ soll wohl eine Art „Rache des kleinen Mannes“ an den Intellektuellen Frankreichs sein, die ihn nie wirklich mitspielen ließen.

Ich möchte nicht sagen, dass ich enttäuscht bin, weil „Unterwerfung“ weitaus weniger skandalös ist, als es im Vorfeld propagiert wurde. Vielmehr ist es in anderer Hinsicht skandalös; nämlich in Bezug auf den fehlenden weiblichen Blickwinkel der Geschichte.

Alles in allem ist „Unterwerfung“ ein Buch, das man (gut) lesen kann; man hat aber auch nicht viel verpasst, wenn man es nicht liest.

Wie fand ich die Sprache und die Lesbarkeit?

Die ersten Seiten waren schwierig für mich zu lesen. Es dauerte etwas, bis ich mich an die bandwurmartigen Schachtelsätze mit den Gedankensprüngen und Einschüben gewöhnt hatte. Man braucht schon etwas Konzentration, um bei den langen Satzkonstrukten von Houellebecq nicht den Faden zu verlieren. Wenn man sich aber einmal darin eingerichtet hat, ist das Buch eigentlich ganz gut und flüssig lesbar.

Man sollte aber schon über eine Kenntnisse der französischen Literatur und besonders Huysmans und ein Grundverständnis des französischen Parteiensystems besitzen, um das „Unterwerfung“ vollumfänglich verstehen zu können.
Erstes fehlt mir, wie eingangs bereits erwähnt, leider etwas. Ich könnte nun „Gegen den Strich“ von Huysmans lesen, um mir anschließend noch einmal „Unterwerfung“ vorzunehmen. Bei einem anderen Buch habe und hätte ich dies auch gemacht. Da ich aber schon Francois nicht ausstehen kann und mir die extrem männliche und damit einseitige Perspektive schwer auf den Wecker ging, wüsste ich nicht, weshalb ich mich so anstrengen sollte.

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Februar-Motto: "Stand-Alones"

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Frankreich / Europa

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Nr. 20: erstmalig 2015 in dieser Sprache erschienen

Nr. 20: erstmalig 2015 in dieser Sprache erschienen

"Unterwerfung" von Michel Houellebecq

1.94

Anfang

2/10

    Handlungsverlauf

    2/10

      Charaktere

      1/10

        Schluss

        1/10

          Sprache

          3/10

            4 Kommentare

            1. Also von dem Buch hab ich schon echt viel gehört, überall wird das angepriesen und allein wegen diesem kommerziellen Charakter kommt es für mich nicht in Frage. Deine Bewertung bestätigt meinen ersten, oberflächlichen Eindruck ganz gut, dass hier wieder etwas Kleines groß gehyped wurde.

              Liebe Grüße
              Tobi

              • Kerstin Scheuer sagt

                Ich glaube, es war einfach die Tatsache, dass das Buch einen Tag nach den Anschläge in Paris veröffentlicht wurde, die hier den Hype so richtig auslöste und für die guten Verkaufszahlen sorgte.
                Weiß nicht, wie populär es sonst geworden wäre. Ganz so provokant wie immer behauptet wird, fand ich es jedenfalls nicht. Diese merkwürdige Perspektive lässt das nicht so recht zu.

            2. Pingback: Monatsrückblick #7: Februar 2015 | so many books - so little time

            3. Tamara Emken sagt

              Ich kann diese Aussagen nicht teilen! Das Buch ist ein hochkomplexes Gedankenexperiment zu einer möglichen politischen Entwicklung. Und soll aufzeigen, wie Menschen ihre Einstellung den Gegebenheiten anpassen-auch wenn diese sogar vorher durch Ängste gesteuert wurden! Und zwar getrieben von der Chance, die eigentlichen Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen! Für mich absolut lesenswert, da ist s viele Fragen stellt, die dann jeder für sich beantworten muss! Was der Autor mit dem Ende ja auch einfordert!

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