4 Herzchen, Krimi, Rezension
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Rezension #52: „Die Akte Vaterland: Gereon Raths vierter Fall“ von Volker Kutscher

Worum geht es?

Berlin. Juli 1932. Ein Mann wird tot im Lastenaufzug des Vergnügungstempels „Haus Vaterland“ gefunden. Scheinbar ist der Mann ertrunken. Aber wie kann das sein?

Gereon Rath übernimmt den Fall. Auch Charlotte „Charly“ Ritter, die von ihrem Studienjahr in Frankreich zurück ist und am Alex als Kommissaranwärterin anfängt, wird dem Fall zugeteilt. Dies macht es nicht einfach, die Verlobung der beiden geheim zu halten.

Während Charly verdeckt als Küchenhilfe im „Haus Vaterland“ ermittelt, führen die Spuren Gereon Rath weit in den Osten Preußens – bis in die Masuren. Dort trifft er auf sehr verschlossene Dörfler, denen er schließlich aber doch ein bis dahin gut gehütetes Geheimnis entlocken kann.

Warum habe ich es gelesen?

Seit dem ersten Fall „Der nasse Fisch“ verfolge ich die Gereon Rath-Reihe. Ich mag die tolle Verbindung zwischen historischem, gut recherchiertem Setting und spannenden Kriminalfällen ohne viel technischen Schnickschnack.

Da mit „Märzgefallene“ aktuell bereits Raths 5. Fall auf den deutschen Bestsellerlisten zu finden ist, hielt ich es für an der Zeit, diese Serie wieder auf den aktuellen Stand zu lesen.

Wie war mein erster Eindruck?

Der Prolog zu „Die Akte Vaterland“ ist ein echter Volltreffer. Er hat wirklich alles, was mein Leserinnenherz höher schlagen lässt: ein sehr skurriler Charakter- eindeutig ein Außenseiter und sehr ursprünglich, wild und frei- und eine Vergewaltigungsszene, der eine Auseinandersetzung über das neue Frauenbild der 20er Jahre vorausgeht. Ich war entzückt!

Wie gefiel mir das Buch allgemein?

Mit „Die Akte Vaterland“ ist Volker Kutscher wieder ein gewohnt gut recherchierter historischer Kriminalroman gelungen.
Vor allem die Situation der Frauen im Deutschland der 30er Jahre kommt hierin gut zum Ausdruck: zum Arbeiten brauchen sie die Erlaubnis des Ehemanns und innerhalb der Berliner Polizei haben sie ihre eigene Abteilung.
Darüber hinaus wird auch der Putsch durch Reichskanzler von Papen literarisch gut verarbeitet. Die Spitze der Berliner Polizei wird ersetzt und es ist zu erahnen, dass dies für Gereon Rath noch zum Problem werden könnte…

Auch der Fall selbst ist sehr spannend. Erst ganz am Schluss laufen tatsächlich alle Fäden zusammen, so dass ich bis kurz vor Ende des Buchs eine falsche Person als Mörder tippte. Auch ohne große dramatische Wendungen tappt man als Leser lange im Dunkeln.
Zwar ahnte ich relativ früh, dass ein Herr mehr Dreck am Stecken zu haben scheint, als er vorgibt (was etwas schade war); wie genau er allerdings in das Gesamtbild passt, war mir bis zum Schluss vollkommen unklar.

Volker Kutscher konstruiert eine sehr verworrene und komplexe Geschichte mit der ein oder anderen Sackgasse, die mann als Leser genauso wenig voraussieht, wie die Ermittler. Zudem gibt es unterschiedliche zeitliche Ebenen, auf denen die Geschichte spielt. Trotzdem fällt es relativ leicht, den Durchblick zu behalten. Besonders schön fand ich, dass alle Nebenhandlungen und Sackgassen zu Ende erzählt werden. So bleiben am Ende des Romans wirklich keine offenen Fragen – außer der, was nun aus Gereon und der Berliner Polizei unter der neuen Führung wird.

Besonders gut haben mir die Kapitel mit Gereon in den Masuren gefallen. Hier ist das Leben ganz anders als in der Hauptstadt Berlin. Die untergründig schwelende Frage, ob man sich nun als Preuße oder Pole fühlt, führt zu einer starken Popularität nazional-sozialistischer Gedanken. Auch sonst hält das Dorf eng zusammen, wenn es um Raths Ermittlungen geht. Man ist verschwiegen, mürrisch und redet nur das notwenigste. Schnell wird klar, dass hier in den letzten Jahren das ein oder andere unter den Teppich gekehrt wurde. Auch aktuell werden gerne einmal 1,2 Augen zudrückt. Es ist schön, mit anzusehen, wie es Rath langsam gelingt, Zugang zu dieser eingeschworenen Dorfgemeinschaft zu bekommen und ein gute gehütetes Geheimnis des Dorfs aufzudecken. Es geht um schwarzgebrannten Schnaps, Eifersucht und Mord. Auch die skurrile Außenseiterfigur aus dem Prolog spielte hier zu meiner Begeisterung später noch eine gewisse Rolle.

Etwas schade fand ich lediglich, dass Charlotte, obwohl als Frau eigentlich zum Dienst in der Abteilung M verpflichtet, kurzerhand in Gereons Ermittlungsteam versetzt wird. Sicher: dieser Kunstgriff war notwendig, um Charly weiter in der Geschichte zu halten. Dennoch war mir das etwas zu konstruiert.

Auch das Rath in den Masuren scheinbar jeden Abend sturzbetrunken ist, ging mir irgendwann auf den Wecker.

Insgesamt vergebe ich für tolle historische Darstellung, den komplexen Kriminalfall und die außergewöhnliche Nebenfigur aus dem Prolog ♥♥♥♥♥ (Buchtipp).

Wie fand ich die Sprache?

Wie alle Gereon Rath-Romane ist auch „Die Akte Vaterland“ in der 3. Person geschrieben. Dabei nimmt der Erzähler aber die Perspektive und Erlebniswelt einer bestimmten Person ein. So kann man sich gut in die Szenen einfinden.

Meist ist es Gereon Rath, aus dessen Perspektive erzählt wird. Aber auch Charly und der Mörder selbst kommen zu Wort. Letztere Kapitel fand ich besonders stark, da man sofort eine konkrete Bedrohung und Gefahr spürte, ohne wissen, wer es ist, der hier gerade spricht, und was er vor hat.

Die Sprache passt sich den jeweiligen Hauptperson des Kapitels an, was ich sehr schlüssig fand.

Challenges:

Januar-Motto: "Dicke Dinger"

Januar-Motto: „Dicke Dinger“

Deutschland/ Europa Berlin)

Deutschland/ Europa Berlin)

Nr. 2: Buch, dessen Cover hauptsächlich Schwarz-Weiß ist

Nr. 2: Buch, dessen Cover hauptsächlich Schwarz-Weiß ist

 

"Die Akte Vaterland" von Volker Kutscher

8.38

Anfang

10/10

    Handlungsverlauf

    8/10

      Charaktere

      9/10

        Schluss

        8/10

          Sprache

          7/10

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