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Rezension #5: „Der Medicus“ von Noah Gordon

Bewertung: ♥♥♥♥♥

Inhalt:

Der Roman beginnt im 2. Jahrhundert in London. Als Rob Cole verwaist, ist er gerade einmal 9 Jahre alt. Die insgesamt 4 Geschwister werden getrennt und Rob beginnt eine Lehre zum Baderchirurgen. Zusammen mit seinem Meister reist er durch ganz England, unterhält und behandelt die Menschen und verkauft „Spezialspezifikum“, eine Medizin, die hauptsächlich aus Alkohol besteht.

Aber Rob, der über die seltene Gabe verfügt, durch Berührung den Schmerz und das Leid der Mensch zu erkennen, fühlt sich zu höherem berufen. Er möchte alles erfahren, was es über den Arztberuf zu erfahren gibt, um möglichst vielen Menschen helfen zu können. Nach dem Tod seines Meisters macht er sich daher auf den langen und beschwerlichen Weg nach Isfahan, um beim „Arzt aller Ärzte“ Medizin zu studieren…

Meinung:

In „Der Medicus“ lässt Noah Gordon das 2. Jahrhundert detailreich wieder auferstehen. Die Orts-, Personen- und Behandlungsbeschreibungen sind so plastisch, dass man als Leser das Gefühl bekommt selbst mittendrin zu sein. Man sieht nicht nur die einzelnen Figuren genau vor sich, man hört auch deren Schreien und riecht den allgemeinen Gestank nach Kot, Schmutz und Schweiß, den einen mittelalterliche Großstadt so mit sich brachte. Zudem erlebt man die räumliche Enge, in der man zu dieser Zeit lebte quasi am eigenen Leib mit.

Das Buch ist spannend und einfallsreich gestaltet und lässt sich dank der neuen Übersetzung in eine etwas moderne Sprache leicht lesen.

Vor allem der im Orient spielende Teil hat mir sehr gut gefallen, da sich hier Mittelalter und Exotik zu einem sehr spannenden Mix verbinden.
Hier ist es nicht mehr die katholische Kirche, sondern der Islam und das Judentum, die den Alltag der Menschen bestimmen und über die der Leser ganz nebenbei näheres erfährt. Zudem wird hier deutlich, wie gravierend die Unterschiede in Sachen medizinischem Fortschritt zwischen Europa und dem arabischen Raum zu jener Zeit waren.

Allerdings habe ich zwei kleinere Kritikpunkte:

Zum einen hätte Robs Begabung etwas stärker hervorgehoben werden können. Diese wird gleich zu Beginn des Buches eingeführt, als Rob im Alter von 9 Jahren zuerst den baldigen Tod seiner Mutter und dann seines Vaters voraussagt. Während seiner Lehre wird sie schließlich zum Problem, da sein Meister immer wieder Angst hat, man würde Rob als Hexer denunzieren. In Isfahan schließlich erfährt Rob, dass auch sein größtes Vorbild und Lehrer über dieses Talent verfügt; dass es bei Rob jedoch viel stärker ausgeprägt zu sein scheint. In dieser Stelle, die im zweiten Drittel des Buches ist, sah ich beim Lesen eigentlich den Hinweis auf eine große und außergewöhnliche medizinische Karriere, während der Rob etwas Bahnbrechendes entdecken wird.

Und tatsächlich gerät Robs Forscherdrang kurz danach in Konflikt zu den geltenden religiösen Vorschriften dieser Epoche: gerne würde er menschlichen Leichen sezieren, um mehr über die menschliche Anatomie zu erfahren. Die damaligen Bestattungsregeln lassen dies aber nicht zu.

Leider werden beide Motive nicht konsequent weiterentwickelt. So öffnet Rob in Isfahan zwar heimlich Leichen, fertigt Zeichnungen an und gelangt zu für seine Zeit vollkommen neue Erkenntnisse. Da er aber nicht preisgeben kann, woher er diese Einsichten hat, findet er in der Ärzteschaft kein Gehör und gibt nach kurzer Zeit einfach auf.

Dies fand ich etwas enttäuschend. Meines Erachtens hätte man aus der Figur des Rob Cole, so wie sie angelegt wurde, mehr machen können.

Aber die detailgetreuen Schilderungen des Lebens im 2. Jahrhundert gleichen diese kleineren Kritikpunkte in der Personenentwicklungen mehr als aus. Das Buch gibt wirklich einen sehr guten Einblick in das Leben zu dieser Zeit. Einige der beschriebene Figuren in Isfahan haben sogar reale, historische Vorbilder!

Ich kann das Buch nur weiterempfehlen.

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