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Rezension #44: „ER“ und „SIE“ von Turgay Yagan

Worum geht es?

Hamburg 2013. Journalist Orkan und Juristin Laura lernen sich bei einer Balettaufführung von „Romeo und Julia“ kennen und verlieben sich ineinander. Aber Orkans selbstbezogene, wenig kompromissbereite Art und seine Abenteuerlust macht eine dauerhafte Beziehung schwer.

Die Bücher „ER“ und „SIE“ schildern die Geschichte einmal aus der Perspektive von Orkan und einmal aus der von Laura.

Warum habe ich sie gelesen?

In diversen Nachberichten zur Frankfurter Buchmesse 2014 las man von diesen Büchern. Vor allem das originelle Konzept wurde immer wieder gelobt. Auch für mich war dies Hauptargument, die Bücher zu lesen. Zwar ist die Idee mit den zwei Perspektiven nicht ganz neu. Dass es aber hier zwei getrennte Bücher sind und damit dem Leser überlassen bleibt, wie er sie liest (parallel oder nacheinander), ist tatsächlich neu.

(Näheres zu meinen Beweggründen findet Ihr auch in meinem Neuzugang-Beitrag zu den Büchern.)

Wie war mein erster Eindruck?

Die Bücher sind in einer Art Tagebuchform geschrieben, d.h. es ist nach Daten sortiert und in der Ich-Perspektive erzählt. Dies macht es einfach, die entsprechende Stelle im anderen Buch zu finden. Tatsächlich sind beide Bücher absolut deckungsgleich, was ich sehr schön fand.

Leider sind einige Rechtschreib- und Zeichenfehler enthalten. Auch das ein oder andere falsche oder doppelte Wort war zu finden. Das nervte zwar etwas; war aber noch nicht so schlimm, dass ich mich nicht auf den Inhalt konzentrieren konnte.

Wie gefielen mir die Bücher allgemein?

ACHTUNG: Spoiler!

Ich habe die Bücher nacheinander beginnend mit Orkan, also „ER“ gelesen.

Leider ging mir Orkan tierisch auf die Nerven. Er stellt sich stets als perfekt und vorbildlich darrend scheint vollkommen frei von Fehlern zu sein. Erst nicht nur der perfekte Kumpel, der mit seinem Freund trotz Katers zum Fussballspiel geht; er geht auch am gleichen Tag zu einer Ballettpremiere. Zudem hat er perfekte Umgangsformen und will allen ernstes bereits seit seinem 11ten Geburtstag jedes Jahr seiner Mutter weißen Rosen geschenkt haben – als Dank, dass sie ihn zur Welt brachte.
Das war mir dann doch etwas zu dick aufgetragen.

Zu dick aufgetragen war mir auch die Liebesgeschichte an sich. Spätestens zum ersten Kuss in Venedig dreht sich mir endgültig der Magen um. Wenig später verbringen Laura und Orkan dann ihre erste Nacht zusammen und sie nennt ihn den perfekten Liebhaber, der alle vor ihm vergessen macht. *würg*
Mir war das alles zu viel.

Die besten Stellen sind die, in denen es nicht um die Beziehung der beiden geht.
Im letzten Drittel dreht sich die Geschichte nämlich komplett und wird sehr politisch, was mir grundsätzlich gut gefiel; auch wenn auch hier wie im gesamten Buch reichlich übertrieben wird. Vor allem die Aktualität der Ereignisse sagte mir zu. Leider sind Laura und Orkan hier getrennt. Diesen Teil der Geschichte aus „ER“ kann man deshalb in „SIE“ auch gar nicht wiederfinden. (Laura liest nicht einmal in der Zeitung davon und erfährt es aus dem Fernsehen.) Das ursprüngliche Konzept wird hier nicht konsequent zu Ende gedacht. Vielmehr entstehen zwei getrennte Geschichten, die am Schluss wieder andeutungsweise zusammenlaufen.
Die im Klappentext angedeutet Liebesgeschichte für sich genommen ist reichlich banal und kitschig.

In „SIE“ wird hier stattdessen ein Vergewaltigungsprozess geschildert, auf dem Laura den Angeklagten vertritt. Selbstverständlich ist dieser – ganz dem Frauenbild beider Bücher entsprechend – unschuldig und wird nur aufs Geldgier beschuldigt. Überhaupt liest sich dieser Teil ganz so, als seien die Männern in den meisten Vergewaltigungsfällen die eigentlichen Opfer, was ich wirklich empörend finde. Besonders schlimm wird dies vollkommen aus der Luft gegriffene These dadurch, dass Yagan sie Laura – einer Frau – in den Mund legt! Aber in der Denke der Bücher ist dies nur konsequent, denn Frauen werden hier durchweg als sexgeile, manipulierende und materialistische Wesen dargestellt. (Einzige Ausnahme ist interessanterweise ausgerechnet Orkans Ex!)

Sehr geärgert habe ich mich auch über die häufigen Verallgemeinerungen wie sich eine Frau oder ein Mann verhalten. Zunächst hielt ich dies für die persönliche Sichtweise Orkans, aber „SIE“ schließt hier unverändert an, so dass man es wohl für einen Spleen von Yagan halten muss. Dies macht auch die Covergestaltung und Farbwahl der Einbände deutlich: „ER“ ist blau und „SIE“ voilett.

Auch das Ende gefiel mir nicht. Es ist zwar offen gestaltet, aber es deutet sich an, dass beide wieder zusammen finden. Ungelöst bleibt hierbei jedoch vollkommen der Konflikt, der sich aus den unterschiedlichen Interessenlagen von Orkan und Laura ergibt. Bleibt man im Frauenbild der Bücher ist aber klar, dass Laura ihren Standpunkt aufgeben wird, ihre Bedürfnisse zurücksteckt und Orkan n Zukunft sein egoistische Verhalten durchgehen lässt und toleriert. Tolle Botschaft!

Mein klares Fazit lautet daher: „Kann man lesen; muss man aber nicht.“

Bewertung: ♥♥♥♥♥ „lesebar“

Was ich sonst noch den Büchern sagen möchte:

Der Autor Turgay Yagan war auch Herausgeber der Kinderzeitung „Die Zeitung“, mit der er vor etwa 10 Jahren vor allem deshalb Schlagzeilen machte, weil er wegen Insolvenzverschleppung und Betrug angeklagt wurde. Tatsächlich spielt ein Insolvenzverwalter auch eine gewisse Rolle in „SIE“. Hier kommt dieser aber gar nicht gut weg und wird als extrem langweilig, prinzipientreu und höchst unsympatisch beschrieben. Ein bisschen hatte ich den Eindruck, es sei Thurgau Yagans persönliche Abrechnung mit diesem Berufszweig.

Als ich die Pressesprecherin des TT Verlags, der die beiden Bücher herausbrachte, hierzu anschrieb, teilte man mir mit, Herr Yagan wolle lieber als Autor wahrgenommen werden. Inwiefern ähnliche Vorkommnisse beim TT Verlag ausgeschlossen sind, wollte man mir mit Hinweis auf Betriebsgeheimnisse nicht verraten.

"er" und "sie" von Turgay Yagan

3.62

Anfang

4/10

    Handlungsverlauf

    4/10

      Charaktere

      3/10

        Schluss

        3/10

          Sprache

          4/10
            • aktueller politischer Bezug
            • Vorurteile
            • negatives Frauenbild
            • Kitsch

            3 Kommentare

            1. Jürgen Meier sagt

              Als freiberuflicher Illustrator meldete ich mich 2006 auf eine Anzeige im Hamburger Abendblatt. Ein Termin wurde vereinbart – und schon saß ich mit im Boot des damaligen EPC-Verlags. Ich zeichnete viele Bilder für Turgay Yagan´s “Meine Zeitung”, ein Honorar für meine Arbeit habe ich trotz gerichtlich eingeklagtem Titel bis heute nicht erhalten – Yagan, dem Tricksen, Täuschen und Vertrösten nicht abgeneigt, entschwand mit einem “neuen” Verlag in eine andere Stadt.

              Was mich bei meinem vergleichsweise überschaubaren finanziellen Verlust immens geärgert hat, ist das System, dessen sich Herr Yagan schamlos und wie es scheint ohne Unrechtsbewusstsein bedient. Er vergibt Aufträge und hat gleichzeitig, vermutlich aufgrund seines eigenen, ganz anders ausgerichteten Geschäftsmodells nicht ansatzweise vor, seine Rechnungen zu begleichen.

              Ich saß einem Menschen gegenüber, der wusste, dass er mich für meine zukünftige Dienstleistung nicht honorieren würde, die Täuschung also für unser Geschäftsverhältnis vorangestellt hat.
              Was mich weiterhin ärgert ist, dass ich seit dieser Zeit meinen Auftraggebern unwillentlich mit einer Yagan-Erinnerung begegne.
              Ich nenne es seither das “Turgay-Yagan-Prinzip” kurz TYP.

              • Kerstin Scheuer sagt

                Sehr geehrter Herr Meier,
                schön, dass Sie auf meinen Blog gefunden haben und vielen Dank für Ihren Kommentar.
                Eigentlich wollte ich mit meiner Rezension keine Debatte zu den Geschäftspraktiken von Herrn Yagan eröffnen. Dazu kenne ich den Fall viel zu schlecht, um hier irgend etwas fundiertes sagen oder gar Position beziehen zu können.
                Ich würde es daher begrüßen, wenn sich die weiteren Kommentare auf die beiden besprochenen Bücher beziehen würden.
                Ich hoffe auf Ihr Verständnis.
                Viele Grüße
                Kerstin Scheuer

            2. Pingback: Wochen-Index #7: Jahres-Rückblick 2014 | KerstinScheuersBlog

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