4 Herzchen, Rezension, Roman
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Rezension #39: „Zwei Herren am Strand“ von Michael Köhlmeier

Worum geht es?

(Kurzbeschreibung des Verlags:)
Ein verblüffender Roman über Winston Churchill und Charlie Chaplin: Von zwei Herren, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die – jeder auf seine Art – gegen das Böse kämpfen. 

Winston Churchill und Charlie Chaplin – zwei Giganten der Weltgeschichte, so unterschiedlich wie nur möglich und doch enge Freunde. Der eine schuf als weltberühmter Komiker das Meisterwerk „Der große Diktator“, der andere führte mit seinem Widerstandswillen eine ganze Nation durch den Krieg gegen Adolf Hitler. Michael Köhlmeier hat mit dem Blick des großen, phantasievollen Erzählers erkannt, was in diesem unglaublichen Paar steckt: die Geschichte des 20. Jahrhunderts zwischen Kunst und Politik, Komik und Ernst. Der arme Tramp und der große Staatsmann, in diesem verblüffenden Roman des berühmten Autors aus Österreich erleben sie die Geschichte des Jahrhunderts.

Warum habe ich es gelesen?

Dies ist das letzte Buch meiner persönlichen Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2014. Ich habe es mir ganz bewusst bis zum Schluss aufgehoben, weil mir die Leseprobe am besten gefiel. Die Idee, diese großen Figuren der jüngeren Zeitgeschichte Europas literarisch in einem Roman zu vereinen, fand ich großartig. Zudem hat sich die Leseprobe ausgesprochen unterhaltsam amüsant und flüssig lesen lassen.

Wie war mein erster Eindruck?

Ich war etwas irritiert, als ich gleich in einem der ersten Kapitel feststellen musste, dass die Themen „Depression“ und „Suizid“ in diesem Roman eine zentrale Rollen spielten würden. Dies wird weder in der Kurzbeschreibung des Verlags (siehe oben) noch in der Leseprobe erwähnt. Auch schien es zunächst nicht zu dem lockeren, unterhaltsamen Erzählstil zu passen. Ich hatte die Befürchtung, diese Krankheit würde ins Lächerliche gezogen.

Wie fand ich das Buch insgesamt?

Glücklicherweise bewahrheiteten sich meine Befürchtungen nicht. Zwar wird das Thema in diesem Roman nicht mit einer solchen Schwere belegt, wie dies in anderen Werk der Fall ist, dennoch wird der Ernst der Krankheit deutlich.

Köhlmeier ist ein großartiger Erzähler. Am besten gefiel mir, wie er in diesem Roman historische Fakten und eigene Fiktion geschickt zu einem schlüssigen Ganzen zusammenfügt, und ganz nebenbei auch noch ein bedeutendes Stück europäische Zeitgeschichte erzählt. An einigen Stellen gelingt diese Mischung so gut, dass mir zunächst nicht ganz klar, wurde, ob es sich nun um einen historische Tatsache handelt, oder der Fantasie des Autors entspringt.
Dies klingt, als müsse der Roman „schwere Kost“ sein. Und sicher ist er nicht trivial. Aber ich habe ihn auch nicht als anstrengend erlebt. Das Buch liest sich durch den lockeren, amüsanten Erzählstil Köhlmeiers flüssig und leicht.

Die Machart erinnerte mich ein kleines bisschen an „Kastellau“ von Charles Lewinsky. In beiden Büchern werden unterschiedliche Quellen zitiert und zu einem Roman zusammengefügt.
Während dies aber bei Lewinsky ausschließlich mit fiktivem Material und in weitestgehend umkommentierter Form geschieht, mischt Köhlmeier real existierende Dokumente mit fiktivem und erweiterter den Rahmen zusätzlich um einen Erzähler, der den Leser durch die Geschichte führt. Die einzelnen Teile müssen also nicht vom Leser selbst zusammengefügt werden, sondern werden fertig einschließlich Interpretation angeboten. Dies macht es einfacher zu lesen, nimmt dem Leser aber auch den Spaß an der eigenen detektivischen Arbeit.

Andererseits aber erweitert die Rahmenhandlung in „Zwei Herren am Strand“ die Geschichte aber auch um zwei weitere Personen: den Erzähler und sein Vater, über die der Leser zwar nur wenig erfährt, sich aber das ein oder andere denken kann. Denn tatsächlich gibt es Parallelen zwischen dem Erzähler und seinem Vater und Chaplin und Churchill, wie sie im Roman dargestellt werden. So wird bald klar, dass auch der Erzähler und der Vater an Depressionen leiden bzw. litten, ohne dass dies an irgendeiner Stelle direkt und offen ausgesprochen wird, was ich als wahre Kunst empfand.

Einzig eine Stelle in der Mitte des Romans las ich mit leichter Empörung. Hierin wird Hitler beschrieben, der – ebenfalls depressiv – von Chaplin und Churchill zu ihresgleichen wahrgenommen wird. Dies schien mir dann doch etwas zu weit zu gehen. Nachdem ich den Gedanken aber etwas sacken ließ, kam es mir schließlich gar nicht mehr so skandalös vor. Letztlich zeigt es nur, dass es jeden treffen kann.

Alles in allem ist „Zwei Herren am Strand“ ein erstaunlich vielschichtiger Roman über eine der spannendsten Episoden der jüngeren europäischen Geschichte.

Bewertung: ♥♥♥♥♥ „Buchtipp“

"Zwei Herren am Strand" von Michael Köhlmeier

8.14

Anfang

10/10

    Handlungsverlauf

    7/10

      Charaktere

      9/10

        Schluss

        6/10

          Sprache

          9/10

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