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Rezension #37: „Kastelau“ von Charles Lewinsky

Warum ich es gelesen habe?

Auf das Buch aufmerksam wurde ich, weil es auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2014 stand. An der Leseprobe gefiel mir vor allem, der ungewöhnliche Erzählstil; denn die Geschichte wird ausschließlich an Hand von „Zeitdokumenten“, also Tagebucheinträgen, Interviews, Wochenschau-Berichten etc. erzählt.

Das Buch wanderte also auf meine persönliche Shortlist. Nun habe ich es für mein Projekt „persönliche Shortlist lesen“ gelesen.

Wie war mein erster Eindruck?

Der Einstieg in die Geschichte fiel mir etwas schwer.

Der direkte Erzählstil zwingt den Leser dazu eigene Rückschlüsse zu ziehen und Verbindungen zu suchen. Obwohl darin für mich der Reiz des Buches lag, ist es natürlich auch anstrengender, als die Geschichte „fertig“ serviert zu bekommen.

Gleichzeitig hat der Anfang gewisse Längen. Es wird zwar immer wieder ein großer, dramatischer Showdown angedeutet, Lewinsky lässt sich aber Zeit mit der Entwicklung der Story und legt zunächst Werte darauf, die Stimmung jener Zeit einzufangen. Bis die Geschichte aber wirklich Fahrt aufnimmt, ist man schon fast in der Mitte des Buches.
Das soll nun aber nicht heißen, dass der Anfang langweilig ist. Die Andeutungen, die immer wieder eingestreut werden, weckten schon recht früh meine Neugierde, so dass ich gerne am Ball geblieben bin.

Wie fand ich das Buch allgemein?

„Kastelau“ erzählt eine dramatische, ja fast möchte ich sagen „tragische“ Geschichte, die in den letzten Kriegs- und den ersten Nachkriegsjahren spielt. Dabei ist jedoch keiner dieser sehr ernsten, bedeutungsschwangeren Romane, in denen es um Schuld, Mitwisserschaft und ähnliches geht. Im Mittelpunkt stehen nicht die Naziverbrechen oder die Kriegsgeschehnisse, sondern das Leben der UFA-Schaupieler, die in diesen Jahren versuchten, nicht nur zu überleben, sondern auch trotz politischem Umschwung Karriere zu machen. Einigen gelingt dies – nicht zweifelhaften Mitteln – anderen nicht.

Das Buch fängt die Stimmung jener Jahre in dem kleinen Bergdorf Kastelau, das von Krieg weitgehend verschont bleibt, sehr gut ein. Darin liegt für mich die eigentliche Stärke des Romans. So spricht das Buch beispielsweise den Umgang mit Deserteuren und Homosexuellen im Dritten Reich an. Es zeigt das Dorfleben jener Jahre, in denen die Männer im arbeitsfähigen Alter fehlten. Und es von einem Schriftsteller, dem im Dritten Reich das Schreiben verboten wurde.

Die Geschichte selbst wurde mir im letzten Drittel etwas zu konstruiert. Die große Angst der Filmcrew, die Alliierten könnten sich bei ihrem Einmarsch an dem Inhalt ihres Filmes stören, konnte ich trotz der großen Bemühungen von Lewinsky diese Wende dem Leser zu erklären, nicht ganz nachvollziehen. Davon abgesehen ist es aber eine sehr spannende und dramatische Geschichte, die bei mir am Ende sogar zu einer gewissen Empörung führte.

Bewertung: ♥♥♥♥♥ „Buchtipp“

"Kastelau" von Charles Lewinsky

8.32

Anfang

8/10

    Handlungsverlauf

    8/10

      Charaktere

      9/10

        Schluss

        9/10

          Sprache

          8/10
            • ungewöhnlicher Erzählstil
            • authentische Wiedergabe der Stimmung 44/45
            • etwas zäher Anfang
            • Wendepunkt der Geschichte für mich nicht ganz nachvollziehbar

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