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Rezension #35: „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche

Warum ich es gelesen habe?

Erstmals aufmerksam wurde ich auf dieses Buch, als zum Deutschen Buchpreis 2014 auf die Longlist aufgenommen wurde. Der Auszug im Lesebuch zur Longlist, in dem die Königin auf der Pfauinsel einem Kleinwüchsigen begegnet und sich tierisch erschreckt, gefiel mir sehr gut. Ich nahm das Buch auf meine persönliche Shortlist auf. Für mein Projekt “persönliche Shortlist lesen” habe ich es nun gelesen.

Wie war mein erster Eindruck?

Das Buch hat mir auf Anhieb sehr gut gefallen.

Der bereits erwähnte Auszug aus dem Lese­buch zum Deutschen Buchpreis bildet auch den Einstieg in den Roman. Schnell ist klar, dass die Hauptprotagonistin in diesem Buch eine Außenseiterin ist, was ich ohnehin immer gut fin­de, weil es eine ungewöhnliche Sichtweise auf die Handlung verspricht.

Auch der Erzählstil sagte mir gleich zu.
Obwohl in der dritten Person geschrieben, hält sich der Erzähler nicht gänzlich aus den Ereig­nissen heraus. Stattdessen kommentiert und interpretiert er und lenkt so auch ein bisschen den Leser. Dies ist hier jedoch so raffiniert gemacht, dass ich mir nicht etwa be­ein­flusst oder manipuliert vorkam. Vielmehr gelingt es dem Erzähler, den Blick des Lesers von der reinen Handlung, zu größeren Fragen und komplexeren Themengebieten zu lenken. Auf diese Weise wird aus der Geschichte der Kleinwüchsigen Marie auch die Geschichte über die Glanzzeit und den Verfall der Pfaueninsel, auf der sie sich zuträgt.

Wie fand ich das Buch allgemein?

„Pfaueninsel“ ist ein beeindruckendes Buch, das mich zutiefst bewegt und mit ein paar Tränen in den Augen zurück ließ. Es ist eine Geschichte, die auch nachdem man das Buch beendet hat, nachwirkt.

Dieser Effekt gelingt Hettche vor allem dadurch, dass er den an sich historischen Stoff so erzählt, dass diverse Parallelen zu aktuellen Themen und Fragestellungen entstehen. Das eigentliche Thema des Romans geht weit über die Kleinwüchsige Marie und / oder die Pfaueninsel im 19. Jahrhundert hinaus. Vielmehr werden Begriffe wie „Schönheit“ oder „Ästhetik“ erörtert. Auch die Zerstörung bzw. Missbrauch von Natur und Umwelt werden beschrieben und hinterfragt.
Damit hat „Pfaueninsel“, obwohl ein historischer Roman, einen erstaunlich aktuellen Bezug, den ich zwar so nicht erwartet hatte; mich aber dennoch überzeugen konnte.

Auch die Sprache Hettches beeindruckt.
Mit scheinbarer Mühelosigkeit und Leichtigkeit schildert er Geräusche, Geschmäcke, Gerüche, Landschaften und Stimmungen so plastisch, dass ich das Gefühle bekam, selbst dabei zu sein und das Geschilderte live mitzuerleben. Gleichzeitig ist der Roman sprachlich so klar verfasst, dass er sehr gut verständlich ist und sich flüssig lesen lässt, ohne anzustrengen oder ins Triviale abzugleiten.

Mein eigentliches Buchhighlight ist aber das Ende des Romans. Ich will hier natürlich nicht zu viel verraten, aber es rührte mich wirklich zu Tränen. Obwohl das Buch keineswegs gut ausgeht, erscheint das Ende absolut stimmig im Hinblick auf die Entwicklung des Charakters der Protagonistin zu sein. Es ließ in mir ein tiefes Gefühl von Ruhe und Harmonie entstehen. Diese Ambivalenz besitzt ein selten hohe Qualität und grenzt fast schon an Kunst.

Ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen. Für mich ist es der perfekte Herbst-Roman.

Bewertung: ♥♥♥♥♥ „Buchtipp“

"Pfaueninsel" von Thomas Hettche

8.88

Anfang

9/10

    Handlungsverlauf

    8/10

      Charaktere

      8/10

        Schluss

        10/10

          Sprache

          9/10
            • Aktualität trotz historischen Themas
            • klare, einfache und dennoch sehr plastische, starke Sprache
            • ambivalentes aber schlüssiges Ende
            • Obszönitäten & Inzest
            • trauriges, nachdenkliches Buch

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