Alle Artikel in: Rezension

Rezension #142: „Das Unglück anderer Leute“ von Nele Pollatschek

Es ist ein weit verbreitetes Phänomen, dass trotz aller guter Absichten und freudiger Erwartungen aus der vermeintlich besinnlichen Zeit des Jahres plötzlich ein handfester Familienstreit wird. Wenn man gleich mehrere Tage hintereinander mit den lieben Verwandten verbringt, werden aus kleinen Macken schnell ausgewachsene Probleme und man fragt sich „Wieso sind in meiner Familie eigentlich alle bekloppt?“ Wem über die Weihnachtsfeiertage genau diese Gedanken kamen, empfehle ich Das Unglück anderer Leute von Nele Pollatschek, nach dessen Lektüre – das garantiere ich – einem die eigene Familie plötzlich als die normalste der Welt vorkommt. Worum geht es? Thene ist Mitte 20, studiert in Oxford Literatur und verbringt die Semesterferien am liebsten bei ihrem Freund in Heidelberg, von wo aus sie gemeinsam in den Odenwald fahren, um den Tag auf Klappstühlen auf einer Waldlichtung zu verbringen. In dieser friedlichen Idylle gelingt es Thene, den nötigen Abstand von ihrer anstrengenden Patchwork-Familie zu finden. Nun aber steht die Abschlussfeier in Oxford an und natürlich sind ihre manipulative Mutter Astrid, die über ihren unermüdlichen Versuchen, die Welt zu retten, gerne die …

Rezension #141: „Das Paket“ von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek ist derzeit wohl der beliebteste deutsche Thriller-Autor. Für Das Paket gewann er gleich vier Mal den Leserpreis von Lovelybooks. Fitzek wurde zudem mit dem Europäischen Preis für Kriminalliteratur ausgezeichnet. Bereits seit 2006 veröffentlicht er jährlich mindestens einen neuen Roman und landet damit in schöner Regelmäßigkeit auf der Spiegel Bestsellerliste. Natürlich ist auch Das Paket dabei keine Ausnahme. Wenn man sich den Aufwand anschaut, den Verlag und Autor darum machten, ist dies sicher auch kein Wunder. Allein die Aufmachung des Buchs ist sehr gelungen und originell. Sie erinnert tatsächlich an ein Paket. Auf dem „Adressaufkleber“ sind auf dem Romantitel und Autor zu finden. Zudem wurde Fitzeks 10. Buch-Jubiläum entsprechend groß angekündigt und von einigen Veranstaltungen begleitet. Das sorgte für zusätzliche Aufmerksamkeit. Leider konnte der Inhalt von Das Paket dann aber doch nicht halten, was die Präsentation versprach. Fitzek erzählt darin die Geschichte von Psychologin Emma, die durch eine Vergewaltigung, bei der ihr anschließend der Kopf rasiert wird, nicht mehr das Haus verlässt. Als der Postbote sie bittet, das Paket für einen ihr unbekannten Nachbarn …

Rezension #140: „Die Spionin“ von Paulo Coelho

Paulo Coelho ist ein Autor, von dem ich bis vor kurzem noch nichts gelesen hatte, obwohl ich es mir immer wieder vorgenommen habe. Mit seinem kürzlich erschienenen Roman Die Spionin über das Leben von Mata Hari hat er nun genau meine Lesevorliebe getroffen. Und dank Vorablesen und dem Diogenes Verlag durfte ich das Buch sogar bereits vor dem offiziellen Erscheinungstermin lesen. So begleitete es mich in der letzten Woche nach Hong Kong. Warum ich Die Spionin dann in einem Rutsch durchgelesen habe und so angetan davon bin, verrate ich Euch in diesem Beitrag. Worum geht es? Paulo Coelho verleiht in Die Spionin Mata Hari eine eigene Stimme. In einem (fiktiven) Brief, den sie kurz vor ihrer Hinrichtung aus dem Gefängnis an ihren Anwalt schreibt, lässt er Mata Hari ihr Leben noch einmal revuepassieren: ihre unglückliche Ehe in Niederländisch-Ostindien, ihre Erfolge als exotische Tänzerin und wie es in den Wirren des Ersten Weltkriegs zur Anklage wegen Spionage und als Doppelagentin kam. Wie fand ich … … den Einstieg? In einem Prolog stellt Paulo Coelho dem eigentlichen …

Rezension #139: „Bluescreen“ von Dan Wells

Ich habe schon ewig kein Science-Fiction mehr gelesen. Zur Vorbereitung des Bloggertreffens von Piper auf der Frankfurter Buchmesse habe ich mir nun aber Bluescreen von Dan Wells vorgenommen. Trotz einiger inhaltlicher Ungereimtheiten hat es mich nicht mehr losgelassen. Worum geht es? Der Roman spielt im Jahr 2050 in Los Angeles. Implantate direkt im Kopf – so genannte „Djnnis“ – haben die Smartphones ersetzt und verbinden deren Träger 24 Stunden am Tag mit dem Internet. Auch Marisa und ihre Freundinnen verbringen nahezu die gesamte Zeit im Netz, wo sie Virtual Reality-Spiele spielen. Dann in der Stadt plötzlich eine neue Cyberdroge (Bluescreen) in der Stadt auf. Über einen Stick wird Bluescreen direkt auf die Djinnis der Konsumenten gespielt, wo es einen Systemabsturz bewirkt, der zur vorübergehenden Bewusstlosigkeit führt. Aber ganz so harmlos, wie es zunächst den Anschein macht, ist die Droge wohl doch nicht, denn während ihres Blackouts beginnen einige Konsumenten zu „schlafwandeln“ und bringen dabei sich selbst und andere in Gefahr. Was steckt dahinter und wie lässt es sich aufhalten? Als auch Marisas Freundin Anja betroffen ist, …

Rezension #138: „Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau“ von Anne Berest

Spätestens seit ihrem Bestseller-Roman How to be a Parisian – Wherever you are. Liebe, Stil & Lässigkeit à la Française gilt die französische Theaterregisseurin und Autorin Anne Berest als eine der aufregendsten Frauen der französischen Kulturszene. Dennoch gingen ihre Bücher an mir bislang eher spurlos vorbei. Ihr neuster Roman Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau machte mich nun aber doch neugierig. Der Titel klang für mich nach einer klugen und humorvollen Auseinandersetzung mit den heute geltenden weiblichen Rollenbilder. Leider konnte mich die Umsetzung dann aber doch nicht überzeugen. Worum geht es? Für Emilienne ist ihre Nachbarin Julie ein fast übernatürliches weibliches Wesen. Sie ist nicht nur beruflich erfolgreich sondern außerdem auch eine fürsorgliche Mutter und ideale Ehefrau. Zudem ist sie sportlich, ehrenamtlich engagiert, stets perfekt gestylt, bester Laune und bestens organisiert. Dies alles sind Eigenschaften, von denen die leicht chaotische Berufsfotografin Emilienne nur träumen kann. Dass der Schein trügt, wird Emilienne erst klar, als Julie nach einem Nervenzusammenbruch in eine Klinik eingeliefert wird. Dieses Ereignis nimmt Emilienne zum Anlass, um sich für eine Fotoserie auf die Suche nach …

Rezension #137: „Die Nachtigall“ von Kristin Hannah

In den USA hat der Roman längst eine Millionenauflage. Seit mehr als einem Jahr ist er dort in der Bestsellerliste vertreten. Weltweit wurde er in 31 Sprachen übersetzt. Auch die Filmrechte wurden bereits verkauft. Am Montag (19.09.) erscheint „Die Nachtigall“ nun auch bei uns. Für mich war das Grund genug, um mir die Schwestern Vianne und Isabelle, die im von den Nazis besetzten Frankreich für die eigenen Werte und ums Überleben kämpfen, genauer anzusehen. In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind. (Seite 12) Paare, die schwere Unglücke zu bewältigen haben. Schwestern, die dunkle Familiengeheimnisse aufdecken. Einsame Frauen, die, um einem vernachlässigten Kind zu helfen, ihr eigenes Leben von Grund auf ändern. Dies sind die Themen, mit denen die 1960 geborene Kristin Hannah zur beliebten Bestsellerautorin wurde, die mittlerweile mehr als 20 Frauen- und Liebesromanen veröffentlichte. Auch wenn sich die Schriftstellerin mit ihrem neuen Buch „Die Nachtigall“ erstmal an einen historischen Stoff wagt, bleibt Kristin Hannah den großen Gefühlen und Gesten treu. Dass sie dabei bisweilen die Grenze zum …

Rezension #136: „Jean Batten, Pilotin“ von Fiona Kidman

Die 30er Jahre waren eine aufregende Zeit für die sich langsam entwickelnde Flugfahrtszene. Ständig wurde neue Strecken- und Dauerrekorde gemeldet, die von der Bevölkerung mit großem Interesse verfolgt wurden. Neben den tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten gab es auch einige wagemutige Frauen, die sich bestärkt durch den Beginn der Frauenbewegung und den neuen Rechten der Frauen dem Abenteuer der Fliegerei verschrieben. Bei uns sind vor allem die Amerikanerinnen Amy Johnson, die 1930 als erste Frau alleine von England nach Australien flog, und Amelia Earhart, die 1928 als erste Frau den Atlantik überquerte, bekannt. Aber auch die Neuseeländerin Jean Batten, die 1936 als erste Frau von England nach Neuseeland flog und wegen ihrer glamourösen Auftritte als „Garbo der Lüfte“ galt, gehört zweifellos zu den Heldinnen jener goldenen Jahre der Fluggeschichte. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin Fiona Kidman hat die Lebensgeschichte ihrer Landsmännin, nach der heute das internationale Terminal des Flughafens in Auckland benannt ist, nun in einem biografischen Roman aufgearbeitet. Schon die Gestaltung dieses Taschenbuchs macht deutlich, dass man einen besonderen Schatz in Händen hält. Angefangen …

Rezension #135: „Der alte Mann und das Meer“ von Ernest Hemingway

Hemingsways letzte Veröffentlichung vor dessen Tod ist zugleich auch seine bekannteste. 1953 erhielt er für Der alte Mann und das Meer den Pulitzerpreis. Obwohl es mit knapp 150 Seiten eher ein schmales Büchlein ist, habe ich ähnlich damit gerungen wie der alte Fischer Santiago in Hemingways Geschichte mit dem riesigen Marlin kämpft. Gleich mehrere Versuche habe ich gebraucht, bis ich mich tatsächlich auf Der alte Mann und das Meer einlassen konnte. Für mich war es lange Zeit schwierig, die notwendige innere Ausgeglichenheit zu finden, um die Kraft der sprachlichen Bilder hinter dem die meiste Zeit so ruhigen und einsamen Setting entdecken zu können. Schließlich verbringt Santiago den Großteil der Geschichte alleine mit dem angehakten Fisch auf dem offenen Meer, was vordergründig reichlich langweilig erscheint und mich diverse Male dazu brachte, das Buch abzubrechen. Erst vor ein paar Monaten gelang es mir in Der alte Mann und das Meer mehr zu sehen, als nur eine öde Geschichte über einen ziemlich alten Fischer und seinen Fang. Zunächst waren es die schönen Ortsbeschreibungen, die mich begeisterten, weil vor …